Politik

Deutsche Kinder in Syrien Verloren im Flüchtlingslager

Ohne Eltern landen Hafza und Jounaida in einem syrischen Flüchtlingscamp. Ihre Mutter soll deutsche IS-Anhängerin gewesen sein. Die Bundesregierung tut bisher nichts in solchen Fällen. Nun wollen mutmaßliche Verwandte die Kinder nach Deutschland holen.

Dicht an dicht stehen die weißen Zelte in der Wüste im Norden Syriens. In ihrem Inneren ist es jetzt, wenn die Sommertemperaturen über 30 Grad steigen, unerträglich stickig und heiß. Eine Handvoll Kinder hat sich zum Schutz vor der Sonne unter einen aufgebockten Wassertank gequetscht. Ein paar andere laufen im Staub zwischen den Zelten umher. In den Camps in Nordsyrien hört man deutsche, russische und französische Sprachfetzen, sieht schwarzhaarige Kinder, aber auch blonde.

SyrienReportageVerpixelt.jpg

Eine Marokkanerin erzählt, sie kümmere sich nach dem Tod der Mutter um die beiden Kinder Hafza und Jounaida.

Der Dschihad, das Versprechen, in einem fanatischen Krieg den Staat eines grausamen Gottes zu errichten, hat nicht nur Araber in seinen Bann gezogen. Auch zahllose Westeuropäer haben sich auf den Weg nach Syrien gemacht, darunter laut Verfassungsschutz 1050 Deutsche, Männer und Frauen. Manche sind getötet worden, manche haben selbst gemordet, manche haben Kinder bekommen. Sie wachsen auf inmitten von Gewalt und Elend.

Laut internationalem Recht müssen sie, ebenso wie ihre Eltern, von ihrem Heimatstaat aufgenommen werden. Selbst deutsche Islamisten, die es zurück bis zur deutschen Grenze schaffen, haben das Recht einzureisen. Geht es jedoch darum, IS-Kämpfer aktiv nach Deutschland zu holen, etwa um sie vor Gericht zu stellen, dann blockt die Bundesregierung bislang ab. Für Kinder von IS-Kämpfern, zumal wenn diese als tot gelten, wäre eine solche Rückholung die einzige Chance auf ein geschütztes Leben. Welchen Preis sollen deutsche Kinder zahlen für die Besessenheit ihrer Eltern?

Mehrere hundert deutsche Kinder

Auf etwa 200 bis 300 wird ihre Zahl geschätzt in dem Gebiet, dass der Islamische Staat mal unter Kontrolle hatte. Vor gut drei Monaten hat die Terrormiliz Baghouz verloren, seine letzte Bastion, eine Kleinstadt im Nordosten Syriens, an der Grenze zum Irak. Von dort sollen Hafza und Jounaida, vier und zwei Jahre alt, ins Lager Al Hol gekommen sein, kurz bevor die Stadt von Soldaten der "Syrischen Demokratischen Kräfte" eingenommen wurde, und sie vermutlich gestorben wären. Sie haben wie so viele andere Flüchtlinge das Camp erreicht. Doch sie kamen ohne Eltern. So erzählt es eine Marokkanerin, die sich nun um die beiden Mädchen kümmert. Die Mutter der beiden sei tot. In Baghouz sei sie ihre Nachbarin gewesen. Eine Deutsche.

Wenn das stimmt, sind Jounaida und Hafza auch Deutsche. Doch sie leben nun in einem der stickigen Zelte in diesem überfüllten Lager Al Hol. Ein Camp, das mal für 10.000 Flüchtlinge ausgelegt war und binnen weniger Monate auf 70.000 Insassen anschwoll, fast ausschließlich Frauen und Kinder. "Insassen" klingt nach Gefängnis. Und tatsächlich leben die mutmaßlichen Ausländer in diesem Camp in einem abgesperrten Bereich mit eingeschränktem Zugang zum Rest des Lagers. Von ihnen wird befürchtet, dass viele noch immer den Ideen des Dschihad anhängen. Auf der Straße bekennen manche sich hier offen zum "Islamischen Staat". Radikale sollen sich zu Zellen zusammengeschlossen haben mit dem Ziel, die strengen Regeln der Terrormiliz gewaltsam durchzusetzen. Wer bereit ist, sich weiterhin dem IS zu verschreiben, findet hier Unterstützung.

Im Ausländer-Sektor zählt die Hilfsorganisation "Save the Children" fast 4000 Kinder unter fünf Jahren. Viele von ihnen sind mangelernährt oder krank, manche sterbenskrank. "Es fehlt an Wasser, Sanitäranlagen und medizinischer Versorgung", klagt die Organisation "Ärzte ohne Grenzen". Die Lage sei alarmierend.

Großeltern in Baden-Württemberg wollen Enkel holen

Bekleidet mit kurzen Hosen und rosa T-Shirts spielen Hafza und Jounaida miteinander. Die Marokkanerin, die für sie zurzeit ihre Eltern ersetzt, und bei der Hafza sich mit einem Blick absichert bevor sie antwortet, ist verschleiert. Nennen wir sie hier Ayshe A. Hafza erzählt von ihrer Mutter: "Sie war groß und sie war stark." Das Mädchen spricht offenbar kein Deutsch, sondern Arabisch und Französisch.

Wenn es stimmt, was die Marokkanerin über die Kinder erzählt, dann sind sie Halbschwestern mit derselben Mutter. Ein Vater war Deutscher, der andere Algerier. "Sie war eine gute Mutter, sie war zurückhaltend, aber mehr weiß ich nicht", sagt Ayshe A. "IS-Familien erzählen sich nichts übereinander. Sie trauen sich nicht." Darum kennt Ayshe A. nicht einmal den Namen der leiblichen Mutter. Sie erzählt nur, dass die ihre beiden Töchter an eine syrische Frau übergab, damit sie gerettet würden. Dass die Mutter selbst in Baghouz blieb und dort starb.

Es ist eine traurige Geschichte, die natürlich erfunden sein kann, die es einem geradezu einfach macht, sie nicht zu glauben und sich für die womöglich deutschen Kinder nicht verantwortlich zu fühlen. Wenn da nicht eine Großmutter und ein Großvater in Baden-Württemberg wären, die eine Geschichte erzählen, die in vielen Punkten ähnlich lautet. Die sich einen Anwalt genommen haben, um zwei Mädchen, von denen sie glauben, dass es ihre Enkelinnen sind, mit Hilfe deutscher Behörden aus einem syrischen Internierungslager herauszuholen. Dort würden sie von einer Marokkanerin betreut, seitdem die Mutter tot sei. Diese habe die Flucht der Kinder aus Baghouz bezahlen müssen, so hat es der Anwalt der Großeltern in Interviews beschrieben. Für ihre eigene Flucht habe das Geld nicht mehr gereicht. Sind Hafza und Jounaida die Enkelinnen dieser Großeltern?

"Kinder zuallererst als Opfer behandeln"

Die Helfer vor Ort haben mit vielen Kindern zu tun, deren Eltern nicht bei ihnen sind, ihr Schicksal ungewiss. Die Kinder sind oft zu klein, um sich selbst zu erklären. "Um ihre Identität festzustellen, muss man mehr tun", sagt Amjad Yammine von "Save the Children". "Staaten sind an erster Stelle in der Pflicht und verantwortlich für ihre Bürger. Sie sollten die Schritte gehen, die nötig sind, um die Kinder zu identifizieren."

Doch genau wie die Bundesregierung sich bislang nicht dafür zuständig fühlt, gefangene IS-Verbrecher aktiv nach Deutschland zu holen, ist auch im Fall der beiden Mädchen und einiger anderer mutmaßlich deutscher Kinder in Al Hol von Regierungsseite her nichts passiert. Auch die Linkspartei fordert, die Bundesregierung müsse sich um die Deutschen kümmern. "Kinder haften nicht für ihre Eltern", sagt Linken-Fraktionsvize Sevim Dagdelen. "Zwei- und vierjährige Waisen dürfen nicht in Sippenhaftung genommen werden für den islamistischen Fanatismus und mögliche Verbrechen ihrer Eltern beim IS."

Dass die bisherige Position der Bundesregierung auch international auf Dauer nicht vertretbar sein würde, wurde im Mai in New York deutlich. Vor dem UN-Sicherheitsrat beschrieb die Vize-Koordinatorin für Nothilfe, Ursula Müller, die desaströsen Zustände in Al Hol. Die ranghöchste Deutsche in den Vereinten Nationen richtete einen flammenden Appell an die Mitgliedstaaten, "alle nötigen Mittel auszuschöpfen, um sicherzustellen, dass ihre Bürger in ihre Heimatstaaten zurückgeführt werden", um sie wieder einzugliedern oder anzuklagen. "Die Kinder müssen zuallererst als Opfer behandelt werden."

Letzte Sicherheit über die Herkunft von Hafza und Jounaida böte ein DNA-Test. Doch den durchzuführen wäre aufwendig, die möglichen Großeltern baten daher um Hilfe deutscher Behörden. Bislang vergeblich. Die Bundesregierung berief sich darauf, dass die Botschaft in Damaskus geschlossen ist. Konsularische Hilfe könne man daher nicht leisten. Der Anwalt der Großeltern akzeptiert diese Haltung nicht. Er will die Bundesregierung nun per Gerichtsurteil dazu zwingen, die Kinder nach Deutschland zu holen. Im Mai begann das Verfahren vor dem Berliner Verwaltungsgericht.

Deutscher will Tochter wiedererkannt haben

In einem RTL-Bericht von Anfang Juni, der Hafzas und Jounaidas Geschichte erzählt und sie im Camp zeigt, meint nun ein Deutscher, seine kleine Tochter wiedererkannt zu haben: Hafza, ihre Mutter habe sie kurz nach der Geburt zum "Islamischen Staat" nach Syrien verschleppt. Der Mann, nennen wir ihn Stefan S., ist selbst zum Islam konvertiert. Von der Radikalisierung der Mutter will er damals nichts gewusst haben. 
"Meine ehemalige Partnerin und ich haben uns noch während der Schwangerschaft getrennt", sagt er. 

Die Vaterschaft habe er anerkennen wollen. Doch seinen Antrag hat die Mutter des Mädchens nicht unterschrieben.

Stefan S. zeigt Fotos, die ihm Hafzas Mutter geschickt habe, und auf denen ein kleines Mädchen zu sehen ist. Es könnte Hafza sein. Sie wäre damit nur noch eine Halbwaise, hätte Vater und Großeltern in Deutschland. Als Stefan S. vom Tod seiner Ex-Partnerin erfuhr, suchte er Unterstützung. 
"Ich habe das Auswärtige Amt kontaktiert", sagt er, "und wurde darauf verwiesen, dass die deutsche Botschaft geschlossen sei aufgrund der politischen Lage und dass keine konsularische Hilfe möglich sei. Es hat mir bis dato praktisch null geholfen."


Sevim Dagdelen hält die Argumentation der Regierung für absurd: "Es ist nicht nachvollziehbar, wenn die Bundesregierung auf der einen Seite darauf beharrt, weiterhin keine diplomatischen Beziehungen zu Syrien unterhalten zu wollen, aber zugleich angibt, sich wegen der fehlenden diplomatischen Beziehungen nicht um die Kinder deutscher Staatsbürger dort kümmern zu können. Die Bundesregierung hat eine Fürsorgepflicht für deutsche Staatsbürger in Not, zumal für Kinder. Es ist bitter, dass die Bundesregierung daran erst von einem Gericht erinnert werden muss."

Stefan S. will sich nun auch einen Anwalt nehmen. Die Fernsehbilder von Hafza haben ihn sehr berührt. Er möchte die beiden Halbschwestern zu sich nach Deutschland holen. Das Auswärtige Amt teilte auf Anfrage von n-tv mit, die Bundesregierung prüfe "auch in Abstimmung mit ihren Partnern mögliche Optionen, um deutschen Staatsangehörigen, auch in humanitären Fällen, eine Rückführung nach Deutschland zu ermöglichen". Bis im Einzelfall eine solche Prüfung erfolgt ist, leiden die Unschuldigen am meisten darunter, dass die Allianz gegen den Terror zwar den Sieg errungen hat, aber sich erst jetzt die Frage stellt, was mit den Besiegten geschehen soll.

Quelle: n-tv.de