Politik

Ex-Bürgermeister über Drohungen "Verständnis für die Rechten ist grob falsch"

Markus Nierth ist als Bürgermeister des kleinen Ortes Tröglitz in Sachsen-Anhalt lange selbst Zielscheibe rechter Drohungen - bis er sein Amt aufgibt. Der Mord an Walter Lübcke bringt bei ihm schlimme Erinnerungen hoch. Im Interview mit n-tv geht sein Appell an die schweigende Mitte.

n-tv.de: Herr Nierth, Sie waren Bürgermeister hier in Tröglitz, haben den Job inzwischen aufgegeben. Warum?

Markus Nierth: Weil mir der Schutz meiner Familie vorging, vor dem Engagement. Das war jetzt nicht nur die Angst vor den Rechten, die natürlich auch da war, weil die uns immer mehr bedroht haben, sondern vor allem, weil uns auch die Politik alleingelassen hat und wir nicht an zwei Fronten kämpfen wollten, ich auch ein Zeichen setzen wollte, dass die Familie immer das Wichtigste und Wertvollste ist.

Wie haben Sie jetzt die Nachricht von dem Mord an Walther Lübcke aufgenommen? Kamen da bei Ihnen alte Erinnerungen hoch?

Natürlich steigen dann die Morddrohungen auf, die man selber bekommen hat, auch die schweren Monate und Wochen danach, wo eine soziale Isolierung eingetreten ist. Und man merkt ja, dass da vor allem Familien hinter stecken. Man fühlt mit den Familien mit. So wie meine Familie jetzt auch reagiert, sich natürlich Sorgen macht und ich mir Sorgen um meine Kinder mache … da schwingt viel mehr mit, weil wir ahnen, es gibt viel mehr Leute, die diese Botschaft der Neurechten und der Rechtsterroristen begreifen: Wir können euch eigentlich jederzeit kriegen. Und jeder muss für sich nun überlegen: Wie stehe ich dazu, kämpfe ich trotzdem weiter und gebe ich dem Raum?

Welchen Eindruck haben Sie denn? Nimmt der Staat, nimmt die Politik diese Bedrohung genügend ernst?

Ich glaube, dass viele vom Staat und in der Politik das sehr wohl wissen, dass es aber auch Schwachstellen gibt, wo Verletzungen vorhanden sind, gerade auch in Justiz und Polizei in manchen Gebieten. Und das ist natürlich kritisch, weil damit die Halsschlagader der Demokratie getroffen wird. Und das geht nicht. Und das viel Schlimmere, was mich entsetzt, ist, dass immer mehr scheinbar konservative Politiker sagen, man sollte mehr Verständnis für die Rechten aufbringen. Das ist grob falsch, damit lässt man die Räuber erst richtig ins Haus. Die Rechten werden keine Grenzen kennen, sie werden immer vorwärts schreiten und uns niederwalzen, bis sie ihre perversen Ziele erreicht haben. Wir müssen klare Grenzen setzen und ausschließen, denn damit wird auch der pöbelnde Mob und die, die noch Mitläufer sind, ermutigt, diese Rechtsterroristen voranzubringen und zu unterstützen. Und die führen ja eben nach ihrer perversen Idee einen Volkswillen aus. Und wenn jetzt sogar Politiker mehr Verständnis für Rechts aufbringen, kann das nicht sein, weil damit die Grundlagen unserer Demokratie und unseres Grundgesetzes eigentlich aufgegeben werden.

Welchen Eindruck hatten Sie denn von der Unterstützung um sich herum? Was haben Ihre Nachbarn damals gesagt, als Sie solche Morddrohungen erhalten haben? Haben Sie sich unterstützt gefühlt?

Also, die Nachbarn haben nichts gesagt, die haben sich zum Teil sogar noch über die Kameras vor unserem Haus aufgeregt, weil sie nun gefilmt werden, anstatt zu klingeln und zu sagen: Geht's euch als Familie so schlecht, dass das LKA nun sogar Kameras installiert? Das war das eigentlich Enttäuschende, Traurige,  dass sehr wenige Leute sich nach uns erkundigt haben, zu uns gestanden haben, die vor allem von außerhalb kamen.

Was kann denn jeder einzelne machen, um solchen rechten Strukturen entgegenzuwirken?

Eben nicht nur auf die da oben gucken. Polizei und Justiz müssen ihren Job machen, das ist klar. Aber jeder kann denen, die aktiv gegen Rechts sind, einen Schutzwall geben, sich um sie stellen und jeder kann am Stammtisch oder bei blöden Parolen, Hassparolen gegenüber Ausländern oder Fremden seinen Mund aufmachen und sagen: Das finde ich unanständig, das will ich von dir nicht hören. Weil durch diese schweigende Mitte und durch die vielen Menschen, die sich wegducken, letztendlich die ganzen Pöbler und Hassredner, sei es bei Pegida oder um (den Thüringer AfD-Chef) Höcke herum, ermutigt werden, und die ja das eigentliche Futter für diese Rechtsterroristen sind, die sich dann von einem angeblichen Volkswillen beauftragt fühlen. Es ist Zeit, dass wir aufhören, als Mehrheit, auch als bürgerliche Mehrheit zu schweigen, sodass wir merken, es geht letztlich längst schon auf unser Leben und unsere Freiheit, die dann wieder - wenn es zu spät ist - dahin ist.

Mit Markus Nierth sprach Liv von Bötticher

Quelle: ntv.de