Politik

Ein Selbstversuch Vier Stunden russische Propaganda

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In der EU ist Sputnik auch auf Twitter gesperrt.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Die russischen Staatssender RT und Sputnik dürfen ihr Programm in der EU nicht mehr ausstrahlen. Doch sie sind noch zu empfangen, unter anderem in den USA. Dort sendet unter anderem WZHF, ein Ableger von Radio Sputnik.

Es ist Samstag, der 5. März, früher Vormittag. Heute setze ich mich freiwillig einem Experiment aus. Ich werde russische Propaganda hören. Das Internet macht es möglich, in dem nahezu eine Million Radiosender zu empfangen sind. Einer davon ist Radio Sputnik - oder SNA Radio, wie der Sender in Deutschland lange Zeit offiziell hieß, kurz für "Sputnik News Agency". Denn bis vor einer Woche gab es russische Propaganda auch in Deutschland.

Alles begann im November 2011, als in Augsburg ein Musiksender mit dem Namen Mega Radio startete. Gesendet wurden aktuelle Hits, hin und wieder ein Wortbeitrag, stündlich Nachrichten. Zunächst nur in Bayern über Digitalradio zu empfangen, breitete der Sender sein Empfangsgebiet in Deutschland langsam aus. Später gab es eine Lizenz für den Großraum Frankfurt, auch in Hamburg, Wien und Bern war die Kombination aus Mega Radio und SNA bald zu hören. Eine Lizenz für Berlin widerrief die dortige Landesmedienanstalt 2019. Über das Internet konnte das Programm aber überall gehört werden.

Wer den Sender in seinen Anfangsjahren hörte, musste den russischen Einfluss nicht unbedingt als aufdringlich empfinden. Doch das änderte sich bald. Interviews mit AfD-Politikern und russlandfreundlichen Linken nahmen zu, "alternative" Meinungen dominierten immer stärker. Mit Beginn der Corona-Krise wurde SNA zum Sprachrohr von Corona-Leugnern und Impfgegnern, Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach wurde ein Ziel von Attacken, die auch unter die Gürtellinie gingen.

Mittlerweile schweigt der Sender. Doch der englische Dienst von Radio Sputnik sendet weiter. Denn Sputnik und Russia Today sind nur innerhalb der Europäischen Union verboten, in Großbritannien und den USA nicht.

Das Experiment beginnt

In der US-Hauptstadt Washington sendet Sputnik unter dem Kürzel WZHF und kann mit jedem Radio empfangen werden, Tag und Nacht. Auf Mittelwelle 1390 Kilohertz. Ein richtiger Nachrichtensender ist Sputnik allerdings nicht mehr. Das liegt an Robin Rosenberg, einem Richter am Bundesgericht in Florida. Der urteilte im Mai 2019, Radio Sputnik habe sich als "Agent der russischen Regierung" zu registrieren. Grundlage des Urteils war der "Foreign Agents Registration Act". Danach müssen sich Mitglieder ausländischer Unternehmen oder Agenturen registrieren, wenn sie in den USA Propaganda verbreiten wollen.

Um 10.00 Uhr morgens deutscher Zeit ist es in Washington 4.00 Uhr in der Nacht. Der Empfang klappt. Zunächst gibt es ein Interview, in dem es um die ethischen Probleme von Tierversuchen geht. Erst später wird mir dessen Sinn klar. Danach folgt eine Sendung mit Max Keiser, der früher unter anderem für die BBC und den iranischen Auslandsfernsehsender Press TV gearbeitet hat. Keiser machte während der Finanzkrise vor 15 Jahren mit einigen Thesen auf sich aufmerksam, die bei Experten ein leichtes Schmunzeln erregten. Er sah eine Erosion der Weltmachtstellung der USA voraus, prognostizierte Deutschlands Austritt aus dem Euro und war sicher, Deutschland werde die neue Weltwirtschaftsmacht werden - neben China. Der Dollar werde spätestens 2018 seine Stellung als Weltleitwährung verlieren.

Bei Radio Sputnik präsentiert Keiser ein Wirtschaftsmagazin, in dem er sich für den Kauf von Bitcoins stark macht. "We need Bitcoins", ruft er kurz nach dem Start der Sendung. Darin geht es um El Salvador, das seit vergangenen September als erstes Land der Welt die Kryptowährung als Zahlungsmittel akzeptiert. Jeder Händler muss sie annehmen, wenn er dazu in der Lage ist. Kritiker wie der IWF warnen davor, die Risiken für Privatanleger seien enorm. Keiser sieht das anders. Darum hat er auch zwei Unternehmen gegründet, die die Währung fördern sollen. Das existierende Weltfinanzsystem bekämpft er, andere Kryptowährungen auch.

Zunächst nur latente Propaganda

Unfreiwillig habe ich eine besondere Show verfolgt: die letzte. Am 24. Februar hat Keiser fristlos bei Russia Today und Radio Sputnik gekündigt - wegen des russischen Überfalls auf die Ukraine. Vermutlich hat der Sender bisher keinen Ersatz gefunden und wiederholt Keisers letzte Show fast täglich. Dass dies die letzte Sendung ist, bleibt unerwähnt. Es geht darin vor allem darum, dass kanadische Bürger vom Banksystem El Salvadors ausgeschlossen würden.

Wer die gesamten vier Stunden des Wochenendprogramms von Radio Sputnik hört, die sechs Mal am Tag wiederholt werden, kommt schnell dahinter, was dieser Sender eigentlich bezweckt. Ein kurzer Überblick der Aussagen, die in den Beiträgen getroffen werden, macht das klar:

  • Mit Tierversuchen in den USA könnte es bald neue Entwicklungen für Menschen geben, die dringend ein neues Spenderorgan benötigen. Aber das Wohl der Tiere fällt dabei unter den Tisch.
  • Facebook experimentiert in den USA erfolgreich mit künstlicher Intelligenz. Aber in spätestens zehn Jahren kann das Unternehmen auf die Mitarbeit von Menschen völlig verzichten. Außerdem ist Facebook dabei, die totale Kontrolle über seine Mitglieder und deren Verhalten zu erlangen.
  • Überbevölkerung und Massenkonsum sowie ungesunde Ernährung zum Beispiel durch den häufigen Genuss von Hamburgern, besonders in den USA, sind schädlich für die Umwelt. Aber der World Wildlife Fund in Russland arbeitet an einem Gegenprogramm und braucht dringend Spenden, um es zu finanzieren.
  • Ein wichtiges Projekt, an dem Wissenschaftler der Harvard Universität beteiligt sind, soll die Existenz intelligenten Lebens im Weltall erforschen. Nun haben die USA die finanziellen Mittel dafür stark eingeschränkt. Doch dann ist ein russischer Investor aufgetaucht.
  • Die tödlichste Krankheit des 20. Jahrhunderts, die Spanische Grippe, hatte ihren Ursprung in Wirklichkeit in den USA. Das ist allerdings keine neue Erkenntnis: In Wahrheit wurde hier ein Wikipedia-Text fast wörtlich wiedergegeben und durch zwei Einspieler von Youtube-Videos ergänzt.

Zwischendurch: Uglitsch, eine wunderschöne Stadt an der Wolga, 200 Kilometer von Moskau entfernt, in wunderschöner Landschaft gelegen, ein Ort der Ruhe und des Friedens. Etwas später: Seit hunderten von Jahren werden im russischen Pawlow-Possad wunderschöne Kopftücher hergestellt, bunt bestickt, die glückliche Frauen bei jeder Gelegenheit tragen. Beide Beiträge werden mit einschmeichelnder Musik unterlegt und von einer sanften Frauenstimme präsentiert. Sie wurden vermutlich dem Fernsehprogramm Russia Today entnommen.

Was wir hier hören ist von der Struktur her ein Wochenendmagazin. Es enthält Beiträge, die oberflächlich betrachtet informativ sind, die latent jedoch fast durchweg Propaganda vermitteln. Lässt man die gesamten vier Stunden auf sich wirken, muss man den Eindruck gewinnen: Die USA sind an allem schuld, wenn es eine Lösung gibt, dann kommt sie aus Russland. Dazu kommt, dass der Hörer keine Zeit hat, das Gehörte zu verdauen. Musik gibt es nicht. Ein Beitrag folgt dem vorigen. Alle fünf Minuten wird der Name des Senders genannt, und zwischendurch immer wieder seine Botschaft: "Telling the Untold", etwa: Wir sagen, was sonst keiner sagt.

"Wir tun das alles für die Ukraine"

Es ist halb eins, und so langsam frage ich mich, ob es bei der versteckten Propaganda bleibt. Sollte Radio Sputnik etwa vergleichsweise harmlos sein? Dann beginnt eine Sendung mit dem Namen "Worlds Apart" - verschiedene Welten. Die Moderatorin beginnt zu erklären, die frühere Sowjetunion sei das "Reich des Bösen" gewesen, nun habe Putin den Westen als das "Reich der Lügen" bezeichnet. Darüber werde man nun sprechen. Dann stellt sie ihren Gast Timofey Bordachev vor. Der Politologe ist Direktor des Valdai Diskussions-Clubs, der jedes Jahr im Herbst in Russland ein Treffen veranstaltet, an dem Politiker, Wissenschaftler und Journalisten aus mehreren Ländern teilnehmen. Regelmäßiger Gast: Wladimir Putin.

Bordachev erklärt zunächst, was die Ukraine betrifft sei Putin in einseitigem Denken gefangen. Doch das sei gerechtfertigt, bedenke man den aggressiven Nationalismus, den es seit vielen Jahren in der ukrainischen Gesellschaft gebe. Russland sei in Gefahr, vor allem durch die Arroganz der westlichen Politiker, die nur ihre eigene Meinung über die russische Geschichte zuließen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten sich die Siegermächte auf internationale Gesetze geeinigt, die ein Gleichgewicht der Kräfte garantierten, erklärt Bordachev. Nach dem Zerfall der Sowjetunion seien die USA die einzige Weltmacht gewesen. Dann seien Länder wie Russland, China oder die Türkei aufgestiegen, die USA seien schwächer geworden, die anderen Länder hätten sie immer wieder herausgefordert. Diese Länder hätten über ihr eigenes Schicksal bestimmen wollen und damit "The Game" verletzt, nachdem es nur einen Weltherrscher gebe, die USA.

Mit den "Militärschlägen" in der Ukraine habe Putin internationales Recht gebrochen, räumt Bordachev ein. Aber dazu sei er gezwungen gewesen. Er sei vor dem russischen Volk verantwortlich, das ihn gewählt habe.

Die Moderatorin fragt, warum so viele Menschen so entsetzt über die "Unruhen" in der Ukraine seien, aber über die vielen Kriege in den letzten Jahren nicht, in denen die westlichen Länder immer eine Rolle gespielt hätten. Der Gast erklärt: Weil für die Menschen im Westen eine Welt zusammengebrochen sei. Sie seien daran gewöhnt, dass Kriege von den USA ausgingen. Aber: Russland müsse diese "Militäroperation" jetzt führen. Denn es gehe um das Überleben Russlands als Nation. "Krieg" wird der russische Überfall auf die Ukraine nie genannt. Das passt zu den russischen Gesetzen, die dieses Wort mittlerweile unter Strafe stellen.

Das Ziel, das Russland erreichen wolle, sei nicht die Übernahme des Landes, behauptet Bordachev. Man wolle einen Machtwechsel in Kiew herbeiführen, um jene Menschen zu jagen und zu verurteilen, die in den letzten acht Jahren Verbrechen an der russischen Bevölkerung verübt hätten. Eine neue Regierung werde sicherlich von Russland unterstützt werden. "Wir tun dies alles für ein Land, das von Russland umgeben ist, und für dessen Volk, das Russisch spricht." Man werde schon sehr bald eine Regierung in der Ukraine unterstützen können, die russlandfreundlich sei und den Frieden in Europa bewahren werde. Das würden dann auch die Menschen begreifen, manche früher, manche später. "Denn Russland hat jahrhundertelange Erfahrungen gesammelt mit diesem Land, das wir Ukraine nennen", sagt Bordachev wörtlich.

Zum ersten Mal bin ich entsetzt.

Die Sendung "Worlds Apart" entspricht genau dem, was Sputnik und RT im Westen vorgeworfen wird: Lügen, Verdrehung von Tatsachen, Kriegspropaganda. Ob der Sender allerdings in den USA den gewünschten Erfolg hat? Vermutlich nicht. Was ich aber sagen kann: Bevor die Internetplattform "Online Radio Box" Radio Sputnik von ihrer Seite strich, hatte der Sender dort fünf Hörer am Tag. Rechnet man dessen andere Ausspielwege im Internet hinzu, kommt man auf eine geschätzte Hörerzahl im mittleren dreistelligen Bereich. Zum Vergleich: Der am häufigsten im Internet eingeschaltete Radiosender aus der Ukraine, Hyt FM, wird allein über "Online Radio Box" von durchschnittlich 2550 Menschen gehört.

Auch nachdem ich mich vier Stunden lang der russischen Propaganda von Radio Sputnik hingegeben habe, bin ich kein Putin-Fan geworden. Die Propaganda des Senders basiert auf einem simplen Schwarz-Weiß-Bild: Russland ist das Licht, Amerika die Finsternis. In Westeuropa sind Russia Today und Radio Sputnik mittlerweile abgeschaltet worden. Die Entscheidung der EU war sicher nachvollziehbar. Darüber, ob sie auch richtig war, bin ich mir noch nicht klar. Auf der einen Seite muss eine Demokratie andere Meinungen aushalten. Auf der anderen Seite war Russia Today nicht nur Radio, Fernsehen und Youtube-Videos, sondern auch eine Website, auf der massenhaft Propaganda verbreitet wurde. Die gelangten in die sozialen Netzwerke, wo viele gutgläubige Menschen sie konsumierten. Ungefährlich ist das nicht.

Quelle: ntv.de

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