Politik

100 Jahre Freistaat Flaschenhals Das vergessene Stückchen Land

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Schilder im Rheinland erinnern an den historischen Freistaat Flaschenhals.

Als die Alliierten 1919 Gebiete links und rechts des Rheins besetzen, bleibt ein schmales Stück Land übrig. Vom Deutschen Reich ist es abgeschnitten. Also ruft die Bevölkerung den "Freistaat Flaschenhals" aus, der durch Schmuggel am Leben erhalten wird.

Die Geschichte ist voll von Zufällen und Kuriositäten. Manchmal haben sie große Auswirkungen, manchmal kleine. Manchmal führen sie zur Gründung eines eigenen Staates. So wie Anfang 1919, als sich am Rhein der selbsternannte Freistaat Flaschenhals bildet. Doch es ist kein revolutionärer Eifer, der die Bürger zu diesem Schritt veranlasst. Es ist die blanke Not. Denn dieses kleine Gebiet zwischen Koblenz und Mainz wurde schlicht vergessen.

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Zwischen zwei kreisförmigen Brückenköpfen entstand der Freistaat Flaschenhals.

(Foto: Wikipedia / Ziegelbrenner, Source of Information: Ravenstein Radwanderkarte, 1923 / CC BY-SA 3.0)

Schuld sind die Alliierten. Sie haben nach dem Ende des Ersten Weltkriegs den unterlegenen Deutschen im Waffenstillstand von Compiègne mehrere Bedingungen diktiert. Dazu zählt die Besetzung aller linksrheinischen Gebiete. Hinzu kommen drei Brückenköpfe mit je 30 Kilometern Radius: Rund um die wichtigen Städte Köln, Koblenz und Mainz entstehen Besatzungszonen, in denen britische, amerikanische beziehungsweise französische Truppen stationiert sind.

Etwas aber haben die alliierten Befehlshaber und ihre Kartografen nicht bedacht: Zwischen den Brückenköpfen von Koblenz und Mainz, die sich eigentlich überlappen sollen, bleibt ein schmaler Streifen unbesetzt. Formal gehört er zum Deutschen Reich. Faktisch jedoch ist das Gebiet, das von Lorch am Rhein über Laufenselden bis in den Raum Limburg hineinreicht, abgeschnitten vom Rest des Landes.

"Denn Lorcher Wein ist Sorgenbrecher"

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Blick auf Kaub mit der Burg Pfalzgrafenstein, die zum Freistaat gehörte.

(Foto: Thomas Frey/dpa)

Westlich, nördlich und südlich liegen Besatzungszonen, die die Deutschen nicht betreten dürfen. Östlich liegt zwar das unbesetzte Deutsche Reich - nur führen alle Verkehrswege dorthin durch besetzte Gebiete. Die Züge, die den kleinen Flecken durchkreuzen, dürfen nicht halten und den Rheinschiffen ist es verboten, Lorch und Kaub anzufahren.

Elf Orte umfasst dieses Niemandsland, aus dem kein offizieller Weg herausführt. An der engsten Stelle ist es nicht mal einen Kilometer breit, wird Richtung Rhein aber breiter, was ihm die Form eines Flaschenhalses verleiht. Etwa 17.000 Menschen leben hier. Wie soll man mit ihnen umgehen? Und wie soll man sie versorgen?

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Der Freistaat druckte sein eigenes Geld - was damals nicht unüblich war, da Münzen im Krieg eingeschmolzen worden waren.

(Foto: dpa)

Zunächst wird der Landrat des Kreises Limburg beauftragt, sich um den Streifen zu kümmern. Nur ist es schwer, einen Landstrich zu regieren, den man nur über Felder, Wiesen und die Berge des Taunus erreicht. Eine eigens errichtete Telegrafenverbindung erleichtert immerhin die Kommunikation und lässt etwas Normalität einziehen. Schließlich springt der Bürgermeister von Lorch ein und schafft Fakten: Am 10. Januar 1919 soll Edmund Pnischeck das Gebiet für unabhängig erklärt haben, auch wenn sich dieses Datum heute nicht mehr belegen lässt. Der Freistaat Flaschenhals ist geboren. Staatsrechtlich ist das freilich ohne Bedeutung, offiziell bleibt man ein Teil Preußens und der entstehenden Weimarer Republik. Das Oberpräsidium Kassel hat der Selbstverwaltung sogar schon Anfang Januar zugestimmt. Es muss schon seine Ordnung haben.

Auch andere Entscheidungen, die man heute belächeln könnte, haben eher pragmatische Gründe. Da etwa das Kleingeld ausgeht, was den Handel erschwert, werden eigene Geldscheine gedruckt, die mit ihren Sprüchen für Belustigung sorgen: "Nirgends ist es schöner als in dem 'Freistaat' Flaschenhals", heißt es auf einem und auf einem anderen: "In Lorch am Rhein, da klingt der Becher, denn Lorcher Wein ist Sorgenbrecher."

Der Schmuggel erlebt eine Blüte

In Wahrheit kämpft die Bevölkerung zunächst aber mit vielen Sorgen. Zwar können die elf Gemeinden untereinander handeln, aber natürlich fehlt es trotzdem am Nötigsten. Es herrscht Mangel und die Preise steigen rasant, der Schwarzmarkt floriert. Kutschen und Fuhrwerke mit Gütern quälen sich regelmäßig von Limburg aus über Feld, Flur und Berge in den "Freistaat". Behelfsmäßig werden die Wege mit Knüppeln stabilisiert. Doch das ist aufwendig und anstrengend und reicht bei Weitem nicht.

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Im Mai erscheint ein Comic, der die Geschichte des Freistaats erzählt.

(Foto: Carlsen Verlag)

Notgedrungen greifen die Bewohner des Freistaats zu illegalen Mitteln: Der Schmuggel erlebt eine Blüte. Aus den besetzten Gebieten wird etwa Vieh in den Freistaat getrieben, auch Wein aus dem Rheingau wird hierhergebracht, um ihn vor den Franzosen zu verstecken. Nachts legen heimlich Schiffe in Lorch an und bringen Lebensmittel. Sie nehmen mit, was der Flaschenhals zu bieten hat: vor allem Wein und Schnaps. Die kleine Republik wird zum Umschlagplatz von Waren aus den besetzten linksrheinischen Gebieten, die von hier Richtung Limburg und in das unbesetzte Reich geschmuggelt werden. Einmal wird sogar ein Zug aus dem besetzten Rüdesheim entführt. Die geladene Kohle wird an die Bevölkerung verteilt. Mit dem Schmuggel lebt man hier nicht schlecht, besser zumindest als in anderen Reichsteilen, wo vielerorts Mangel herrscht.

Den Franzosen, die in Mainz sitzen, ist das Gebiet und dessen Versorgung durch Schmuggler ein Dorn im Auge. Am liebsten würde die Militärverwaltung einmarschieren, was aber die Amerikaner in Koblenz nicht wollen. 1923 ist ohnehin Schluss. Weil das Deutsche Reich mit seinen Reparationszahlungen in Rückstand gerät, besetzt Frankreich das Rheinland. Der Verwalter Pnischeck kommt in Haft, der Freistaat Flaschenhals ist am Ende.

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Szene aus dem noch nicht veröffentlichten Comic: Der Raub eines Kohlezugs kam bei den französischen Besatzern gar nicht gut an.

(Foto: Wiersch, Kissel / Carlsen Verlag)

Dass die kleine Republik 1923 am Ende war, stimmt aber auch nicht so ganz. "Das ist Quatsch", sagte die Mainzer Politologin Stephanie Zibell der Deutschen Presse-Agentur. Schon seit 1920 habe bei der Verwaltung des Territoriums wieder deutsche Normalität geherrscht, sagt sie. "Pro forma gab es den Freistaat Flaschenhals aber bis zum 30. Juni 1930, dem Ende der Rheinland-Besetzung."

Zibell hat zusammen mit Peter Josef Bahles ein Buch über den selbst ernannten Freistaat geschrieben. Im Mai folgt ein Comic von Autor Marco Wiersch und Zeichner Bernd Kissel, der sich mit der Geschichte des Gebietes befasst. Bahles wiederum steht auch einer Initiative vor, die im heutigen Grenzgebiet zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz die Erinnerung an die kleine Republik aufrechterhält. Natürlich wird auch das 100. Jubiläum in diesem Jahr gefeiert. Durch eigens gestaltete Pässe, die als Gutscheinhefte fungieren, oder als Erkennungsmerkmal für Weine aus der Region bleibt der Freistaat lebendig, wenn auch vor allem als touristische Marke. Ausdrücklich distanziert sich die Initiative aber von den Ideen der "Reichsbürger". Man feiert viel lieber dieses kleine Kuriosum der Geschichte.

Quelle: n-tv.de

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