Politik

Meloni im Wahlkampf vorn In Italien gehört der Faschismus zur Folklore

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Das freundliche Gesicht des Postfaschismus: Die Partei von Giorgia Meloni trägt in ihrem Logo weiterhin die grün-weiß-rote Flamme, die schon der neofaschistische Movimento Sociale Italiano (MSI) verwendet hatte.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

Der Umgang mit der jüngeren Vergangenheit ist in Italien vergleichsweise unbekümmert, Berührungsängste mit Postfaschisten sind eher gering. Grund dafür ist auch eine gewisse Banalisierung der Geschichte.

In drei Sprachen - Englisch, Französisch und Spanisch, nicht aber Italienisch - nahm Giorgia Meloni, die Vorsitzende der rechtsextremen Fratelli d’Italia (FdI), unlängst eine Videobotschaft auf, in der sie verkündete: "Die italienische Rechte hat den Faschismus, die Beraubung der Demokratie und die infamen antijüdischen Gesetze seit Jahrzehnten verurteilt. Genauso eindeutig verurteilen wir den Nationalsozialismus und den Kommunismus. Letzterer ist die einzige totalitäre Ideologie des 20. Jahrhunderts, die in manchen Staaten noch an der Macht ist."

Fratelli d’Italia, Nachfolger der neofaschistischen Nachkriegspartei Movimento Sociale Italiano (MSI), könnte am 25. September zur stärksten politischen Kraft Italiens werden und somit die nächste Regierung in Rom anführen. Die dreisprachige Botschaft soll vorbeugend wirken. Immerhin könnten die Finanzmärkte negativ auf eine Regierung mit Meloni an der Spitze reagieren. Auch könnte die Europäische Union Italien unter Quarantäne stellen, wie sie es im Jahr 2000 mit Österreich tat. Der ÖVP-Chef und spätere Kanzler Wolfgang Schüssel bildete damals eine Koalition mit der rechtsextremen FPÖ unter der Führung des mittlerweile verstorbenen Jörg Haider.

Doch warum haben immer weniger Italiener Berührungsängste mit den Postfaschisten, wie Nachfolgeparteien des MSI in Italien genannt werden? Bei den letzten Parlamentswahlen im Jahr 2018 hatten die Fratelli noch etwas mehr als 4 Prozent erreicht. Jetzt liegt die Partei laut Umfragen bei über 24 Prozent.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen sind da Politikverdrossenheit, Alltagssorgen und mangelnde Zukunftsperspektiven. Und da in der laufenden Legislaturperiode schon alle am Zug waren außer Melonis Partei, genießt sie jetzt höheres Ansehen.

Postfaschistisch aus Trotz

"Ein weiterer Grund ist, dass ein Teil der Italiener schon immer den Faschismus relativiert hat", erklärt der Politologe Damiano Palano ntv.de. "Und zwar nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern aus Trotz, als Reaktion auf die Antifaschisten im linken Lager, die sich ihrer Ansicht nach, auf den Partisanenwiderstand berufend, schon immer für etwas Besseres hielten." Das hat zu einer unversöhnlichen Frontenbildung geführt.

Vor dem Korruptionsskandal "Tangentopoli" Anfang der 1990er-Jahre, der das alte Parteiensystem wegfegte, wählten viele dieser "Antikommunisten", wie sie sich selber nannten, die 1994 aufgelöste Christdemokratische Partei (DC). Als dann der Medientycoon Silvio Berlusconi in die politische Arena trat, wurde Forza Italia zu ihrer politischen Heimat. "Berlusconi wurde zum Vertreter eines politischen Einerlei, qualunquismo, wie der historische Begriff lautet, mit dem man den Progressisten eins auswischen konnte", so Palano.

Mit Berlusconi, dem "Cavaliere", verwandelte sich die Relativierung der Geschichte in eine Banalisierung mit Unterhaltungsfaktor. 2003 bezeichnete Berlusconi in einem Interview mit der britischen Wochenzeitung "Spectator" den Faschismus eine "gütige" Diktatur, die ihre Gegner in "Kurorte" ins Exil geschickt habe. Ein anderes Mal behauptete er, dass die chinesischen Kommunisten Kinder fressen würden. Mit Bemerkungen wie diesen brach er nicht nur Tabus, sondern degradierte die Geschichte des italienischen Faschismus zur Folklore.

Apropos Folklore. Ein Paradebeispiel hierzu liefert das Familiengrab der Mussolini-Familie in der norditalienischen Kleinstadt Predappio, wo sich auch die sterblichen Überreste des "Duce" befinden. Die Grabstätte ist nach Sanierungsarbeiten seit dem vergangenen Jahr wieder zugänglich, obwohl ein Teil der Familie strikt dagegen war. "Zum Glück hat der Bürgermeister auch sein Einverständnis dazu gegeben", sagte einer der Organisatoren der diesjährigen Gedenkfeier zu Mussolinis Geburtstag am 28. Juli vor laufenden Kameras. "Das Grab ist für Predappio so etwas wie eine Goldgrube. Gäbe es sie nicht, müssten viele Geschäfte hier schließen." Gemeint ist damit vor allem der Verkauf von Devotionalien: Hakenkreuzen, Weinen, Likören und T-Shirts mit dem Konterfei des "Duce".

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Devotionalien des ehemaligen Diktators Mussolini und Fan-Artikel des Faschismus in einem Geschäft in Predappio.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Unfähigkeit, die Vergangenheit zu konfrontieren

Berlusconis Gegner wurden nicht müde, immer wieder vor der Gefahr eines antidemokratischen Abdriftens zu warnen. "Das hat dazu geführt, dass heute für viele der Begriff Antifaschismus nicht mehr als eine leere Worthülse ist", sagt der Politologe Palano. Die Unfähigkeit, sich einer ernsthaften Konfrontation und Diskussion über die jüngste Vergangenheit zu stellen, habe maßgeblich zu diesem unbekümmerten Umgang geführt.

Damit aber nicht genug. Seit April gibt es in Predappio ein kleines Museum, das an den "Marsch auf Rom", der zur Machtergreifung der Faschisten im Oktober 1922 führte, erinnert. Klingt es nicht wie ein böser Streich, dass Italien einhundert Jahre danach eine Regierung mit einer postfaschistischen Regierungschefin an der Spitze haben könnte? "Das stimmt", sagt Palano, "wobei die Risiken nicht dieselben sind." Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei die Gesellschaft stark politisiert gewesen, so sehr, dass es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Lagern kam. Davon ist heute nichts mehr übrig. Was Italien jetzt riskiert, ist seine Glaubwürdigkeit auf internationaler Ebene, vor allem in Europa.

Quelle: ntv.de

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