Politik

Nach Weihnachtsmarkt-Anschlag Warum Naved B. wieder frei ist

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Der mutmaßliche Täter Naved B. wird von Polizisten in Gewahrsam genommen.

Nach dem Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt kursiert schnell die Nachricht: Der Täter ist gefasst. Doch wenig später stellt sich heraus, dass die Polizei den falschen Mann festgenommen hat. Für seine Freilassung gibt es etliche Gründe.

Kurz nachdem ein Attentäter einen Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gelenkt hatte, dabei zwölf Menschen tötete und weitere 45 teilweise lebensgefährlich verletzte, präsentiert die Polizei bereits einen Tatverdächtigen. Es ist ein 23-jähriger Flüchtling aus Pakistan. Am 31. Dezember 2015 war der Mann nach Deutschland eingereist und registriert worden, im Juni bekam er eine Aufenthaltsgenehmigung.

Naved B., so heißt der Verdächtige laut Berichten, bestreitet in den Vernehmungen die Tat. Und schon wenige Stunden später äußert der Berliner Polizeipräsident Klaus Kandt offiziell Zweifel daran, ob B. tatsächlich der Attentäter ist. "Es ist unsicher, ob das wirklich der Fahrer war", so Kandt. Auf der Website des Generalbundesanwalts heißt es dann ebenfalls: "Die durchgeführten kriminaltechnischen Untersuchungen konnten eine Anwesenheit des Beschuldigten während des Tatgeschehens im Führerhaus des Lkw bislang nicht belegen." 20 Stunden nach seiner Festnahme wird B. schließlich wieder freigelassen.

Die Polizei hatte offenbar den falschen Mann und laut Medien gibt es tatsächlich gleich mehrere Gründe, die gegen die Täterschaft des Flüchtlings sprechen:

  • Im Führerhaus des Lastwagens war blutverschmierte Kleidung gefunden worden. Auf der Kleidung des festgenommen Tatverdächtigen wird jedoch kein Blut gefunden. Ob der Täter noch im Lkw die Kleidung gewechselt haben könnte, ist unklar. Doch auch wenn der Täter die Kleidung gewechselt hat, könnte er Verletzungen und fremde Blutspuren am Körper aufweisen. Denn: Laut "Bild"-Zeitung lebte der Beifahrer Lukasz U. noch bis zum Attentat. Erst danach wurde er erschossen. Ein Ermittler sagte dem Blatt, dass es zwischen dem Täter und U. einen Kampf gegeben haben muss. Der Pole habe versucht, ins Lenkrad zu greifen, deswegen habe der Attentäter schließlich ein Messer gezückt und zugestochen.
  • Es wurden keine Schmauchspuren am Körper von B. gefunden, die darauf hätten hinweisen können, dass er eine Waffe bedient und möglicherweise den auf dem Beifahrersitz mitfahrenden Polen getötet hat. Nach Medieninformationen starb der polnische Lkw-Fahrer durch einen einzelnen Kopfschuss aus einer kleinkalibrigen Waffe.
  • Ein Augenzeuge hatte beobachtet, wie der Attentäter aus der Kabine des Lkw gesprungen und geflohen war. Er verfolgte ihn und nahm per Handy mit der Polizei Kontakt auf. Doch während der Verfolgung verlor der Zeuge den Täter zeitweise aus den Augen. An der Siegessäule - zwei Kilometer vom Tatort entfernt - stoppten die Beamten dann schließlich Naved B. Seine Festnahme erfolgte jedoch lediglich auf Grundlage einer vagen Personenbeschreibung.
  • Am frühen Dienstagmorgen stürmte die Polizei die Flüchtlingsunterkunft im früheren Berliner Flughafen Tempelhof. Navid B. soll dort untergebracht gewesen sein. Dort wurden Flüchtlinge zu einer möglichen Radikalisierung des Tatverdächtigen befragt, doch weder die Zeugenaussagen noch die Auswertung von Naved B.s Mobiltelefon geben Hinweise auf eine islamistische Verbindung.

Nun fängt die Suche nach dem Attentäter also wieder von vorne an. Doch die Ermittler zeigen sich zuversichtlich. "Das ist Ermittlung und keine Panne", fasst Bundesinnenminister Thomas de Maizière die bisherige Polizeiarbeit zusammen. Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), André Schulz, zeigte sich am Abend im ZDF "zuversichtlich, dass wir vielleicht schon morgen oder in naher Zukunft einen neuen Tatverdächtigen präsentieren können." Es gebe gute Hinweise und "sehr viele Ansatzpunkte".

Die Berliner Polizei hat nach eigenen Angaben mehr als 500 Hinweise zu dem Anschlag erhalten. Neben Zeugenaussagen werten die Ermittler DNA-Spuren und Fingerabdrücke aus. Doch die Liste der in Frage kommenden Verdächtigen ist lang: Ein Berliner Verfassungsschützer zur "Bild"-Zeitung: "Es gibt etwa 50 Leute in Berlin, denen wir einen Anschlag zutrauen. Dazu kommt noch eine erhebliche Zahl an Sympathisanten. Insgesamt ist eine Zahl von 500 Personen realistisch."

Quelle: ntv.de, kpi

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