Politik

Corona-Proteste in Italien Warum gerade Neapel auf die Barrikaden geht

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Protest auf der Piazza del Plebiscito in Neapel.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Anders als im Frühjahr mehren sich in Italiens Städten die Proteste gegen die Corona-Beschränkungen. In Neapel sind sie besonders heftig.

In Italien verbreitet sich das Virus weiter rasant. 17.012 neue Infektionsfälle und 141 Tote wurden am Montag gezählt. Die Regierung schränkt die Bewegungsfreiheit weiter ein, doch anders als im Frühjahr wird das nicht mehr stillschweigend hingenommen.

Die Proteste verbreiten sich wie ein Brandfeuer von Stadt zu Stadt. Begonnen haben sie in Neapel, wo es am Wochenende zu heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen ist. Während die Proteste in Neapel weitergehen, kamen am Montag Ausschreitungen in den norditalienischen Städten Turin und Mailand hinzu. Die meisten Demonstranten bleiben allerdings friedlich. Auf ihren Transparenten ist zu lesen, dass sie unzufrieden sind: In den letzten Monaten habe man sich doch an die Regeln gehalten. Wofür, wenn jetzt alles wieder abgeriegelt wird?

Seit gestern gelten folgende Maßnahmen: Restaurants und Gaststätten müssen um 18 Uhr schließen, Kinos, Theater und Konzerthallen sind wieder ganz geschlossen. Premier Giuseppe Conte verspricht schnelle Maßnahmen - "ristoro", Erholung, lautet das Zauberwort in aller Mund - für all jene, die wegen der neuen Einschränkungen wieder Verluste verzeichnen müssen. Schon Mitte November sollen die Entschädigungen direkt auf ihr Konto eingezahlt werden.

Mag sein, dass dieses Versprechen diesmal aus Angst vor noch heftigeren und vermehrten Straßentumulten eingehalten wird, doch es verkennt eine Realität, auf die Italiens Wirtschaft seit eh und je fußt: die Schattenwirtschaft. Die jüngst veröffentlichten Zahlen dazu beziehen sich auf das Jahr 2018. Das nationale Statistikamt Istat schätzt ihren Wert auf 211 Milliarden Euro, knapp zwölf Prozent des damaligen Bruttoinlandsprodukts. 3,6 Millionen Menschen verdienen sich damit ihren Unterhalt - Menschen, die jetzt zum Großteil arbeitslos sind und von den Hilfsmaßnahmen naturgemäß nicht erfasst werden.

Das Verhängnis der Schattenwirtschaft

"Schwarzarbeit ist nicht gleich Kriminalität", betont der Schriftsteller Maurizio De Giovanni, dessen neapolitanische Krimis auch deutsche Leser kennen, im Telefonat mit ntv.de. Freilich stünden hinter den Krawallen der letzten Tage in Neapel auch die Camorra sowie Rechtsextreme. Die Mehrzahl der Protestierenden seien aber Leute, die nicht mehr wissen, was sie ihren Kindern auftischen sollen. Leute, die über keine Ersparnisse verfügen, die nicht auf die Hilfsgelder der EU im nächsten Jahr warten können, die hier und jetzt Hilfe bräuchten.

Die Stadt und die Region leben vornehmlich von Tourismus. Dort sei die Schattenwirtschaft besonders verbreitet, fügt De Giovanni hinzu. Der Präsident der Banco di Napoli, Maurizio Barracco, hat das unlängst bestätigt: 40 Prozent der Wirtschaft in Kampanien stütze sich auf die Schattenwirtschaft, sagte er, wovon 10 Prozent auf die organisierte Kriminalität zurückzuführen seien. "Ich bin es leid, dass meine Stadt immer als die Hauptstadt der Steuerhinterziehung dargestellt wird", sagt De Giovanni. "Die Politik erntet, was sie jahrelang gesät hat - und das war und ist: nichts!"

Eine Ansicht, die auch Luigi Sparano, Sekretär des Hausärzteverbands FIMMG in Neapel teilt. Mit 1314 Neuinfektionen liegt Kampanien an dritter Stelle in Italien. Die Lage sei nicht zu unterschätzen, meint der Arzt, aber die Region verfüge über die nötigen Strukturen, um dieser standzuhalten. "Freilich, jetzt sieht man, was die Sparmaßnahmen der letzten Jahre angerichtet haben", sagt er. Doch das sei nicht der Moment, um über Versäumnisse zu sprechen. Jetzt heiße es, eine flächendeckende ärztliche Versorgung zu garantieren, um die Krankenhäuser zu entlasten. Das ginge noch irgendwie, obwohl über 50 Prozent der Hausärzte mittlerweile über 50 Jahre alt sind. Ein Generationswechsel sei demzufolge bitter nötig.

Die Arbeitslosigkeit macht mehr Angst als das Virus

Doch das eigentliche Problem, mit dem sich Regionalpräsident Vincenzo De Luca und Neapels Bürgermeister Luigi De Magistris konfrontiert sehen, ist die steigende Wut der Bevölkerung. "Wir Neapolitaner fürchten uns weitaus mehr vor der Arbeitslosigkeit als vor dem Virus", sagt Biagio Roscigno, einer der bekanntesten Krippenbauer der Stadt. Seine Werkstatt hat er im Altstadtviertel Rione Sanità, wo die Gassen so eng sind, dass man sich von einem Fenster zum anderen die Hand reichen kann.

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Roscigno hat selber an einem der Proteste im gehobeneren Vomero-Viertel teilgenommen. Jetzt fragt er sich: "Was wurde im Sommer unternommen? Mussten die Regionalwahlen unbedingt jetzt abgehalten werden? Hätte man sie nicht noch einmal aufs Frühjahr verschieben können?" Es verbiete sich, die Neapolitaner für die Verbreitung des Virus verantwortlich zu machen. Man brauche sich nur in der Via Vergini umzusehen, der Hauptstraße des Rione Sanità, wo von Montag bis Samstag Markt ist - die Leute würden alle Mundschutz tragen.

Den Krippenbauer stört sich auch am despotischen Ton des Regionalpräsidenten: "Genau genommen war er es mit seinem herrischen Auftreten in einer Fernsehshow vor einer Woche, der die Proteste ausgelöst hat." Im Laufe der Talkshow hatte De Luca gesagt, der Großteil der Protestierenden seien Camorristi. Gleich danach kündigte er einen Lockdown der ganzen Region an. Die Krawalle, die dann folgten, zwangen ihn zum Einlenken. An der vor zwei Wochen verordneten Schließung der Schulen und Unis hat er aber festgehalten. Gegen diese hatten viele Mütter tagelang protestiert, doch das regionale Verwaltungsgericht gab De Luca Recht. "Damit hat der Staat sein totales Versagen zugegeben", sagt der Schriftsteller De Giovanni. "Besonders hier in dieser Region, in dieser Stadt, wo über 30 Prozent der Jugendlichen die Schule abbrechen."

Der Arzt Sparano fordert eine engere Zusammenarbeit zwischen Region, Gemeinden und Gesundheitsämtern, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten. De Giovanni weist jedoch auf ein weiteres Problem hin, das dies seit Jahren unmöglich macht: Obwohl beide dem Mitte-Links-Lager angehören, sprechen Präsident De Luca und Bürgermeister De Magistris nicht miteinander. Politische Feindschaften, die allen voran der Bevölkerung schaden und die gesellschaftlichen Unruhen anfachen. Und das nicht nur in Neapel so.

Quelle: ntv.de