Politik

"Ein demokratischer Populist" Was Schröder seinem "Star" Gabriel zutraut

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Gerhard Schröder will sich ja nicht einmischen, aber es wird klar, was er von einem Kanzlerkandidaten Sigmar Gabriel halten würde.

(Foto: dpa)

Sigmar Gabriel ist ein Mann nach Gerhard Schröders Geschmack: angriffslustig, laut, volksnah. Seine lobenden Worte bei der Präsentation eines Buchs über Gabriel will er jedoch keinesfalls als Empfehlung an seine Partei verstanden wissen.

Da sitzt er wieder. Und er lacht wieder sein donnerndes "Flasche Bier"-Lachen. Gerhard Schröder genießt die kurze Rückkehr ins politische Berlin - und die Gelegenheit, Journalistenfragen wieder einmal väterlich-charmant abzubügeln. "Gute Frau …", setzt er an, als eine Reporterin ihn auf eine Empfehlung für die SPD in der K-Frage festnageln will. "Wollen wir uns jetzt ernsthaft unterhalten?" Der Altkanzler sitzt in der Bundespressekonferenz, nur wenige Meter von Reichstag und Kanzleramt entfernt. Er stellt heute ein neues Buch über den SPD-Chef Sigmar Gabriel vor.

Auch wenn sich der alte Herr der SPD windet: Die Frage steht seit Monaten im Raum. Will und kann Sigmar Gabriel Kanzler werden? Wäre es eine gute Idee von der SPD, ihn gegen Amtsinhaberin Angela Merkel antreten zu lassen? Auch wenn von ihm kein klares, zitierbares Bekenntnis zu bekommen ist, ist ziemlich klar, dass es der Alte dem Jungen zutraut. Denn Schröder hat heute viel Freundliches über Gabriel zu sagen. Und wendet sich gegen viel Unfreundliches, was über ihn in Berlin zu hören ist.

Schröder hat dabei vergleichsweise gute Karten. Denn heute ist ein guter Tag für den Versuch, den unbeliebten Wirtschaftsminister zu einem veritablen Kanzler umzudeuten: Es ist der Tag, an dem Gabriel ein politisches Meisterstück gelungen ist. Mit Frank-Walter Steinmeier hat er CDU und CSU ein Jahr vor der Bundestagswahl einen SPD-Bundespräsidenten aufgezwungen. Die ewig zaudernde und uneinige Union konnte schließlich nicht mehr anders, als Gabriels früher Festlegung auf den Außenminister zu folgen.

Die zwei Seiten des Sigmar Gabriel

Und während Gabriel nicht weit entfernt die politische Karriere von Schröders einstigem Kanzleramtsminister krönt, ist der Niedersachse Schröder voll des Lobes über den Niedersachsen Gabriel: Schon als Gabriel 1990 nach Schröders großem Sieg bei den Landtagswahlen Abgeordneter in Hannover wurde, habe er sein "großes politisches Talent" erkannt. Nach einer vielbeachteten Rede, in der Gabriel an CDU-Wahlverlierer Christian Wulff kein gutes Haar ließ, soll Schröder anerkennend gesagt haben: "A star is born." Über Jahre pflegten die beiden ein wechselvolles, aber respektvolles Verhältnis. Es habe oft Krach gegeben, "wie sollte es bei politischen Charakteren wie uns auch anders sein". Aber: "Sigmar Gabriel kam, wenn er rausstürmte, auch immer wieder zurück."

Nicht nur als leidenschaftlich beschreibt Schröder Gabriel, sondern auch als volksnah. Und jemand wie Schröder meint dies ausdrücklich positiv. Gabriel, so Schröder, sei "ein demokratischer Populist". Und das habe das Land bitter nötig. Denn es brauche in Zeiten von AfD und Pegida Demokraten, die kämpferisch sind und die Leute mit verständlicher Sprache erreichten. Gabriel könne und wolle aufrütteln. Und die Autoren des Buches, das er heute präsentiert, hätten ihn zu Recht als den besten politischen Redner, den die Republik derzeit habe, beschrieben.

Die Autoren des Buches, das sind Christoph Hickmann von der "Süddeutschen Zeitung" und Daniel Friedrich Sturm von der "Welt". Und sie beschreiben neben gut recherchierten Fakten über Jugend und Werdegang des Vizekanzlers das, was viele Wegbegleiter Gabriel vorwerfen. Das Aufbrausende und Vernichtende, mit dem Gabriel auch enge Verbündete immer wieder bis an den Rand der Tränen und darüber hinaus bringt. Das Erratische, das es seinen loyalsten Mitarbeitern wie etwa seinem Pressesprecher Tobias Dünow schwer mache, zu folgen, welches Thema aktuell aus welchen Gründen Priorität hat. Das Wendige, mit dem Gabriel immer wieder innerhalb von nur wenigen Wochen mit derselben Verve das Gegenteil von dem vertreten kann, wofür er zuvor stand.

Also, an Schröder liegt's nicht

Das ist Kritik, die Schröder in Teilen nicht gelten lassen will. Gabriel sei wendig, ja. "Aber darf man das einem Politiker vorwerfen?", fragt der Mann, der als Kanzler selbst Kehrtwenden vollzogen hat, die Regierung und Partei bis an den Rand des Ertragbaren strapaziert haben. Wenn sich die Rahmenbedingungen änderten, sei das eben nötig. "Wie müssen viel eher Angst haben vor Politikern, die sich immer im Recht fühlen und nie ihre Meinung ändern", argumentiert Schröder. Im Übrigen sei es doch unfair: "Gilt der eine als Wendehals, gilt die andere als große Strategin", sagt Schröder und erinnert an Angela Merkels Atomausstieg, ihre Griechenland-Politik und ihre Haltung in der Flüchtlingsfrage.

Der Steinmeier-Coup beweise überdies, dass Gabriel Standhaftigkeit bewahren könne, so der Altkanzler. Aber reicht dieser Beweis von Gabriels politischem Geschick, um Wähler wieder für die SPD zu gewinnen? Schließlich mag Gabriel zwar, wie von den Autoren und Schröder beschrieben, im Kleinen ein Kümmerer, ein Zuhörer, ein zuverlässiger Verbündeter der Schwächeren sein. Aber im Großen kaufen ihm das im Land einfach zu wenige Menschen ab. Mickrige 14 Prozent halten Gabriel laut Stern-RTL-Wahltrend für einen guten möglichen Kanzler, die SPD dümpelt in der Sonntagsfrage bei 23 Prozent.

Alles Gabriels Schuld? "Die 23 Prozent kann man ihm nicht alleine vorwerfen", verteidigt ihn Schröder. Das Absacken der Popularität habe ja auch etwas mit Maßnahmen und Versäumnissen der Großen Koalition zu tun, von der die SPD schließlich nur ein Teil sei. Außerdem: "Es gibt ja sogar Leute, die die 23 Prozent mir vorwerfen", sagt Schröder. "Aber da wissen wir ja auch, dass das nicht stimmt." Und dann lacht er es wieder, sein donnerndes "Flasche Bier"-Lachen.

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Quelle: n-tv.de

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