Politik

Brexit kurz und knapp Was Sie über das Referendum wissen sollten

Am Donnerstag wurde abgestimmt, am Freitagmorgen lag das Ergebnis vor – und es war eine echte Überraschung: Großbritannien wird die EU verlassen. Was das konkret bedeutet, ist in weiten Teilen noch unklar. Hier ein Überblick über ein paar Dinge, die klar sind.

Bereits am Morgen kündigte der britische Premierminister David Cameron seinen Rücktritt an. Er werde in den kommenden Wochen und Monaten tun, was nötig ist, "um das Schiff ruhig zu halten", sagte er, während seine Frau Samantha neben ihm stand. "Aber ich glaube nicht, dass es richtig wäre, wenn ich der Kapitän wäre, der unser Land zu seinem nächsten Ziel steuert." Man kann es auch anders sagen: Cameron hat sich verzockt.

Bis Oktober soll ein Nachfolger für Cameron feststehen. Ein heißer Kandidat für den Job ist Brexit-Befürworter Boris Johnson, in Großbritannien meist nur "Boris" oder "BoJo" genannt. Der Mann ist ein Unikat; er trägt seine Haare bewusst wirr und seine Anzüge mit Absicht unpassend. Vielen Briten gefällt das. Mit seiner Siegesrede ließ er sich Zeit, er schlief erst noch ein bisschen. Und zeigte sich dann als guter Gewinner – ganz im Gegensatz zu Ukip-Chef Nigel Farage.

Die Spitzenvertreter der Europäischen Union drängen Großbritannien zur Eile bei den Austrittsverhandlungen. "Jede Verzögerung würde die Unsicherheit unnötig verlängern", erklärten EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, EU-Ratspräsident Donald Tusk, EU-Parlamentschef Martin Schulz und der niederländische Regierungschef Mark Rutte, dessen Land derzeit den Vorsitz in der EU innehat.

Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen will den Briten entgegenkommen. Der Brexit sei ein Einschnitt, sagte sie im Kanzleramt. Sie strebt "enge und partnerschaftliche" Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien an. (Hier können Sie sich ihre Erklärung ansehen.) Im Finanzministerium soll es bereits ein Strategiepapier geben, in dem gefordert wird, den Briten "konstruktive Verhandlungen" anzubieten.

Damit würde die Bundesregierung den Brexit abfedern und ging so das Risiko ein, Nachahmungseffekte zu verstärken. Denn wenn es nach Rechtspopulisten überall in der EU geht, dann ist der Brexit nur der Anfang. Der Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold sagte zwar, dass an Großbritannien "kein Exempel statuiert" werden dürfe. Aber: "Es wäre eine große Dummheit, Großbritannien den gewünschten offenen Zugang zum gemeinsamen Markt zu geben, ohne dass es sich an gemeinsame Regeln halten muss."

Die Märkte reagierten verstimmt auf die Brexit-Entscheidung. Das Pfund brach ein, der Dax markierte schon kurz nach dem Start sein Tagestief. n-tv Börsenexperte Frank Meyer sagte es so: "Der Dax hängt über der Kloschüssel. Er kotzt sich aus. Verzeihung, ich habe so etwas noch nie erlebt."

Was die Entscheidung der Briten langfristig bedeutet, ist naturgemäß noch unklar. Londons Bürgermeister befürchtet, dass viele Firmen abwandern könnten. In Frankfurt, Paris und Dublin hofft man vermutlich, dass das passieren wird. Deutsche Start-ups sehen sich schon jetzt als Gewinner. Die britische Premier League dagegen fürchtet um ihre Existenz.

Ein neues schottisches Unabhängigkeitsreferendum hat die Regierung in Edinburgh noch nicht angekündigt, aber die Option liegt "auf dem Tisch", wie die Erste Ministerin Nicola Sturgeon sagte. Sie dürfte es damit auch nicht eilig haben, aber langfristig ist ein Austritt Schottlands aus dem Königreich wahrscheinlicher geworden. Weniger spektakulär, aber gefährlicher: Für Nordirland ist der Brexit ein Alptraum. Hier finden Sie unseren Artikel über "Kleinbritannien".

Unsere Kollegin Gudula Hörr befürchtet, dass der Brexit viele Verlierer haben wird. Nur einer werde sich vermutlich freuen, der schon länger daran arbeitet, die EU zu schwächen: Russlands Präsident Wladimir Putin.

Der Grüne Giegold sagte im Interview mit n-tv.de, seine erste Reaktion auf die Nachricht am Freitagmorgen sei ein Wort gewesen, das mit "F" anfängt und mit "-k" endet. Andere Politiker in Deutschland reagierten ganz ähnlich. SPD-Chef Sigmar Gabriel twitterte "Damn!"

So gespalten wie das Land waren auch die Reaktionen der britischen Zeitungen. Die "Sun" feierte den britischen "Unabhängigkeitstag" als Sieg der Arbeiterklasse über "die wohlhabenden Mittelschicht-Hausbesitzer in London". Die "Times" sieht das ähnlich, jubelt aber nicht: Die britische Arbeiterklasse habe das Referendum als Protestwahl behandelt, schreibt die Zeitung. Und sagt voraus: "Die Inflation wird steigen, die Löhne stagnieren, Arbeitsplätze werden verloren gehen." Die gesamte Presseschau finden Sie hier.

Ach ja: Donald Trump hält den Brexit übrigens für eine gute Sache. Und Spanien fordert Gibraltar zurück.

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Quelle: n-tv.de