Politik

Flüchtlinge, Traumata und der Terror Was der IS Haltlosen zu bieten hat

774814cc147ea5cb68ed23e912e0c07e.jpg

Aufnahme vom Anschlagsort in Ansbach: Der IS verhilft von ihm inspirierten Attentäter zu vermeintlichem Ruhm.

(Foto: dpa)

Der Gedanke liegt nahe: Mit den vielen Flüchtlingen kommen traumatisierte Menschen nach Deutschland, die besonders Kranken werden zu Attentätern des sogenannten Islamischen Staats. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Es ist ein neues Gefühl, das sich in Deutschland breit macht: Das Land ist nun zum wiederholten Mal Schauplatz von Anschlägen geworden, die die Terrororganisation Islamischer Staat für sich reklamiert. Nach Belgien und Frankreich macht sich also auch hier die Angst breit. In einem Land, das im vergangenen Jahr so viele Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten in Syrien und dem Irak aufgenommen hat, wie kein zweites in Europa. Das löst die Assoziationskette aus: Mit den vielen Flüchtlingen könnte es dem IS gelungen sein, Kämpfer einzuschleusen, die nun ihre blutigen Pläne in die Tat umsetzen. Doch so einfach ist das nicht zu erklären.

Tatsächlich berufen sich sowohl der Axt-Mörder von Würzburg als auch der Selbstmordattentäter von Ansbach auf den IS, letzterer bekräftigt in einem Bekennervideo explizit seine Treue zum selbst ernannten Kalifen Abu Bakr Al-Bagdadi. Beide kamen als Flüchtlinge ins Land. Einen entscheidenden Unterschied zu Fällen wie in Paris oder Brüssel gibt es doch: Nach allem, was bisher bekannt ist, hat der IS die Attentäter nicht im Terror geschult und anschließend nach Deutschland geschickt. Sie haben sich vielmehr in einer psychischen Extremsituation von den Ideen und den Gewaltaufrufen des IS angesprochen gefühlt.

Der IS - ein "Magnet für Psychopathen"

Zwei Terroranschläge in Bayern binnen einer Woche, hinzu kommen der Amoklauf von München und die grausame Beziehungstat in Reutlingen – auch wenn sich die Fälle zum Teil sehr unterscheiden: Kann das Zufall sein? Jens Hoffmann leitet das Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Hoffmann glaubt nicht, dass keine Zusammenhänge bestehen: "Leute in einer psychischen Krise, die schon länger über eine solche Tat nachdenken, sehen den großen Effekt und sagen sich: jetzt mache ich das auch", sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Und genau hier setzt nach Meinung von Experten der IS an. Michael Jenkins von der US-Denkfabrik Rand sagte der AFP: "Es ist schwierig, gewöhnliche Menschen aus der Distanz zu zerstörerischen und selbstzerstörerischen Handlungen anzustacheln." Leichter sei es bei solchen, "die bereits zwischen einer Fantasiewelt und der Realität hin- und herschlittern". Der IS sei ein "Magnet für Psychopathen". Wissenschaftler, die sich mit Terroristen und deren Motivation auseinandersetzen, haben beim IS "sektenartige Methoden" ausgemacht, um Haltlose für den Terror zu gewinnen. Der IS bietet eine Projektionsfläche für persönliche Frustrationen und Gefühle von Ungerechtigkeit.

IS erklärt Haltlose zu Helden

Hoffmann sagt, auch wenn es keine Einbindung in Terrornetzwerke gebe, hatten die Attentäter "das Gefühl, zu etwas Höherem beizutragen, sich in einer Gemeinschaft zu fühlen". Der IS spricht Menschen an, die sich in Identitätskrise befinden, die ein geringes Selbstwertgefühl haben und nach Sinn suchen. Im Internet finden sich viele Propagandavideos, die genau auf diese Emotionen abzielen: Trägt der Westen nicht schuld an deiner persönlichen Misere? Suchst du nach einem Ausweg aus deinen Problemen und willst deinem Leben einen Sinn geben? Setze ein Zeichen gegen die Herrschaft der Ungläubigen. Töte so viele wie möglich von ihnen. Wahllos. Auch zum Preis deines eigenen Lebens. Du brauchst dafür keine Kriegswaffen, keine Ausbildung. Nimm, was du zur Hand hast. Eine Axt. Ein Messer. Einen Lkw.

Im Gegenzug könnten sich Attentäter der Anerkennung durch Gleichgesinnte sicher sein und dass der IS sie "zu Helden erklärt", sagt Jenkins. Über das IS-nahe Propagandamedium priesen die Islamisten den Ansbacher Täter Mohammad D. und den Würzburger Angreifer Riaz A. als "Soldaten des IS" und "Kämpfer des Kalifats". Jeder einzelne Attentäter werde so zum "Teil eines epischen Kampfs", sagt Jenkins. Der IS dient also als "Magnet für Psychopathen", der grausamen Taten von Haltlosen Sinn verleiht. Psychopathen und Haltlose – trifft das überhaupt auf die Attentäter von Ansbach und Würzburg zu?

Kein klares Muster erkennbar

Der Ansbacher Bombenbauer Mohammad D. sollte schon vor rund zwei Jahren nach Bulgarien abgeschoben werden. Wegen einer psychiatrischen Diagnose durfte er jedoch zunächst bleiben. Er war zeitweise in einer psychiatrischen Klinik untergebracht und soll zwei Mal versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Er soll unter Depressionen gelitten und Drogendelikte begangen haben. In seiner Unterkunft baute er die Bombe, die er später verwendete. Irgendwann radikalisierte er sich. Aufgefallen ist das offenbar niemandem.

Auch Riaz A. war unauffällig. Der Jugendliche galt als freundlich und offen. Als alleine nach Deutschland gereister minderjähriger Flüchtling vermisste er seine Familie – so legen es zumindest Facebook-Einträge nahe, die er in den vergangenen Wochen schrieb. Die Nachricht des Todes eines engen Freundes in Afghanistan löste vermutlich die psychische Extremsituation aus, in der er in dem Regionalzug bei Würzburg mehrere Menschen brutal niedermetzelte. Ob er sich schon zuvor radikalen Gedanken annäherte, ist ungewiss, gilt aber als wahrscheinlich. Eine psychische Erkrankung ist bei ihm nicht bekannt.

Zu unterschiedlich sind die beiden Täter also, um sie sinnvoll miteinander zu vergleichen und Muster zu erkennen, welche psychologischen Mechanismen aus Geflüchteten möglicherweise Terroristen machen. Der Leipziger Psychiater Ulrich Hegerl sagte dem Deutschlandradio Kultur, die Depressionen von Mohammad D. seien jedenfalls keine geeignete Erklärung für seine Tat. Depressionen führten nicht zu Aggression gegen andere. "Da muss was anderes dazukommen, andere Störungen, andere Erkrankungen – eine Persönlichkeitsstörung zum Beispiel." Angststörungen, Schizophrenie, auch und gepaart mit Drogenkonsum seien denkbare Diagnosen, die solche Terroranschläge erklären könnten.

"Trauma ist nicht gleich Gefahr"

Grundsätzlich sind dies Erkrankungen, die Menschen aus Kriegsgebieten häufig haben. Kneginja Richter vom Klinikum Nürnberg hat 300 Flüchtlinge in einer fränkischen Flüchtlingsunterkunft untersucht. "Mehr als 40 Prozent von ihnen hatten psychiatrische Krankheiten – aufgrund ihrer Fluchterfahrung", sagte sie der dpa. Dazu zählten vor allem posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Schlafstörungen. Solche Krankheitsbilder seien oft verbunden mit Suizidversuchen. Einen Zusammenhang zwischen Traumata und Radikalisierung findet die Migrationspsychiaterin jedoch "zu pauschal".

Die Erfahrung von Elise Bittenbinder deckt sich damit: Sie leitet die "Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer". In den 32 Einrichtungen werden Flüchtlinge und Folteropfer betreut, 9000 Patienten waren es im vergangenen Jahr. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte sie: "Trauma ist nicht gleich Gefahr." Solche Patienten zögen sich in der Regel eher zurück und würden depressiv. Die wenigsten entwickelten Aggressionen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema