Politik

Corona-App im Vergleich Was die Iren besser machen

DSC_0457-1.JPG

Die deutsche Corona-App (l.).und der irische Covid-Tracker im Vergleich.

(Foto: Pauline Stahl)

Sie funktioniert, ist kostengünstig und wird genutzt - die Corona Warnapp in Irland ist ein Erfolg. Nun kann sie auch länderübergreifend mit Deutschland genutzt werden. Doch was sind die Unterschiede zwischen den Anwendungen und was könnten sich die deutschen Entwickler noch abschauen?

Für ein besonders gutes Gesundheitssystem ist Irland nicht gerade bekannt. Laut "Euro Health Consumer Index" von 2018 ist es sogar eines der schlechtesten in der EU. Das liegt vor allem an den Wartezeiten in Praxen und Krankenhäusern. Die Corona-Krise hat Irland bisher jedoch gut gemeistert. Anfang dieser Woche verließ die Insel den zweiten strengen Lockdown, die Neuinfektionen pendeln sich zwischen 200 und 300 pro Tag ein.

Auch die Corona Warnapp "COVID Tracker" funktioniert und wird in der Bevölkerung gut angenommen. Neben Italien gehört Irland zu den ersten Ländern, die ihre Apps nun mit der deutschen Corona-Warn-App verbinden. Das bedeutet, dass länderübergreifend über mögliche Begegnungen mit Corona-infizierten Personen informiert werden kann. Irische App-Nutzer werden also über Risikokontakte mit deutschen Nutzern gewarnt, und umgekehrt.

Beide Apps funktionieren auf der Grundlage eines sogenannten "Exposure Notification System", das von Apple und Google entwickelt wurde. Über Bluetooth verbindet sich die Anwendung mit der eines anderen Nutzers, der gerade in der Nähe ist. Stellt sich dies später als Risikobegegnung heraus, wurde eine der Personen also positiv auf Covid-19 getestet, bekommt man eine Warnung.

Was eine solche Risikobegegnung ist, ist in Irland simpel definiert. Wer sich länger als 15 Minuten näher als zwei Meter bei einer infizierten Person aufgehalten hat, bekommt eine Meldung in der App angezeigt. Die deutsche Corona-Warn-App rechnet schon bei einem Kontakt von mindestens zehn Minuten bei einer Entfernung unter 1,5 Metern mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, sich angesteckt zu haben. "Erhöhtes Risiko" wird dann auf dem Smartphone angezeigt. Saß man jedoch 15 Minuten lang vier Meter von einer positiv getesteten Person im Bus, wird es etwas komplizierter. Dann werden noch andere Faktoren mit einbezogen, zum Beispiel wie lange diese Begegnung her ist. Dann könnte der Nutzer ein "niedriges Risiko" angezeigt bekommen - das sorgt häufig für Verwirrung.

"Die Iren kommen in Krisenzeiten zusammen"

Für beide Apps gilt: Das System funktioniert umso besser, je mehr Menschen sie nutzen. Anfang Juli erschienen, hatten innerhalb der ersten 36 Stunden bereits 25 Prozent der irischen Bevölkerung die App heruntergeladen. Mittlerweile liegen die Zahlen bei 1,8 Millionen. Das ist mehr als ein Drittel der Einwohner Irlands. Das deutsche Bundesministerium für Gesundheit erklärt sich das mit einem hohen Vertrauen in das irische Gesundheitsamt sowie mit "transparenten und klaren Kommunikationskampagnen der dortigen öffentlichen Gesundheitsbehörden", wie ein Ministeriumssprecher ntv.de sagte.

Für Brian Hughes hat sich der Download schon gelohnt. Der 37-Jährige lebt in Dublin und hat den Covid-Tracker am ersten Tag auf seinem Smartphone installiert. "Ich vergaß fünf Monate lang, dass sie im Hintergrund läuft", sagt er. Dann bekam er eine Warnung: Er habe eine Risikobegegnung gehabt. Wie bei der deutschen App auch, werden hier weder Informationen über die Person noch der Ort, an dem der Kontakt stattgefunden hat, preisgegeben.

Innerhalb einer Stunde telefonierte Brian Hughes mit dem Gesundheitsamt und machte noch am gleichen Tag einen Test, der negativ war. "Es hat mir aber gezeigt, wie nützlich die Anwendung ist." Er denkt, auch die Gesellschaft habe verstanden, dass die App wahrscheinlich das derzeit hilfreichste Werkzeug für eine schnelle Kontaktverfolgung und Isolierung ist. Der zentrale Grund dafür, warum die Anwendung in Irland so gut angenommen wird, liegt für ihn allerdings nicht in praktischen Erwägungen, sondern in der Solidarität seiner Landsleute. "Die Iren kommen in Krisenzeiten zusammen, das ist ganz klar."

Im Europavergleich wurde die Corona-Warn-App auch in Deutschland gut angenommen. Dem Gesundheitsministerium zufolge ist sie "in absoluten Zahlen die mit Abstand meist runtergeladen App in Europa, wenn nicht in der Welt". In relativen Zahlen komme Deutschland nach Informationen der EU-Kommission direkt nach Irland. Mehr als 23 Millionen Mal wurde die App von den Deutschen heruntergeladen. Seitdem wurden mehr als 4,7 Millionen Testergebnisse übermittelt und allein in den vergangenen Wochen bekamen zirka 95.800 Nutzer eine Warnung.

Nutzen die Deutschen die App nicht, sind die häufigsten Gründe kein kompatibles Smartphone, nicht genügend Speicherplatz, die Angst, dass Bluetooth zu viel Akku verbraucht, oder davor, persönliche Daten preiszugeben.

Mehr als nur eine Warn-App

Um das zu vermeiden, setzte der Entwickler der irischen App, NearForm, vor allem darauf, Vertrauen zu den Iren aufzubauen. "Bei unseren Apps steht Datenschutz im Vordergrund", sagt Colm Harte, Technischer Direktor des Unternehmens, das seinen Sitz im irischen Waterford hat. Daher sei der gesamte Prozess des COVID Trackers anonym und freiwillig. Auch auf das Design scheint in Irland mehr Wert gelegt worden zu sein als in Deutschland: "Dafür wurden auch Dinge wie der Tonfall, die Farbe, Berührungspunkte und Benutzererfahrungen berücksichtigt", sagt Harte. Zusätzlich zu der Funktion, mögliche Symptome abfragen zu lassen, bietet der Covid-Tracker außerdem eine Übersicht über aktive Nutzer, Neuinfektionen und Todesfälle des Tages sowie weitere Statistiken.

Auch bei den Kosten hat Irland die Nase vorn. 850.000 Euro hat die Entwicklung des Covid-Trackers gekostet. 14,2 Millionen stellten dagegen die deutschen Entwickler SAP und Telekom ihrem Auftraggeber, der Bundesregierung, in Rechnung. Hinzu kommen laut Bundesministerium für Gesundheit Kosten für Pflege, Wartung, Hotline und Anbindung der Testlabore.

Worin sich die beiden Länder einig sind, ist, dass die Corona-Apps einen wichtigen Beitrag zur Pandemiebekämpfung leisten. Trotzdem sind sie nur einer von vielen weiteren Bausteinen, wie Abstand wahren, Hände waschen und Masken tragen, wenn es eng wird. Und die länderübergreifende Funktion kommt gerade zur Weihnachtszeit, in der viele Menschen in ihre Heimatländer zurückkehren, genau richtig.

Quelle: ntv.de