Politik

Königin Merkel bei Prinz Söder? Was uns diese Bilder sagen sollen

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Merkel und Söder schippern zum Schloss Herrenchiemsee.

(Foto: REUTERS)

Zwei Politiker, die sich genau über die Macht der Bilder bewusst sind, inszenieren sich vor royaler Kulisse in Bayern. Kanzlerin Merkel lässt sich von Ministerpräsident Söder empfangen wie eine Königin von ihrem Kronprinzen. Was verrät das über die beiden?

Sie sollen nicht behaupten, sie hätten nicht gewusst, was diese Bilder auslösen. Bei Sonnenschein empfängt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder Kanzlerin Angela Merkel am Bootsanleger. Im Heck des Schiffes nehmen die beiden Platz vor der bayerischen Flagge, die vor der Alpenkulisse im Wind tanzt. Nach der Überfahrt bittet Söder seinen Gast zur Kutschfahrt zum prachtvollen Neuen Schloss Herrenchiemsee, wo er sie anschließend zur gemeinsamen Kabinettssitzung in den opulenten Spiegelsaal begleitet. Bei all den schönen Bildern wird der Inhalt des Treffens beinahe zur Makulatur.

Es ist ein Tag der Inszenierung. Sowohl Angela Merkel als auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sind Politiker, die sehr genau ihr Bild in der Öffentlichkeit pflegen, also wissen, was sie tun. Auch wenn sie dabei einen völlig unterschiedlichen Ansatz verfolgen.

Merkel ist stets darum bemüht, das Bild einer sachlich-nüchternen Politikerin abzuliefern, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Laute Ansprachen, Wut, cholerische Reden, temperamentvolle Ausfälle hat es bei ihr ebenso wenig gegeben wie außergewöhnliche Auftritte, Kostüme. Gossip und High Society scheinen ihr völlig fremd. Wenn Merkel einmal so richtig aufdreht, zieht sie einen roten Blazer an - oder wie zur Eröffnung der Oper in Oslo 2008 ein leicht ausgeschnittenes Kleid - und gibt der Presse damit Gesprächsstoff für Tage.

Ähnlich sorgsam pflegt Markus Söder sein deutlich extravaganteres Image. Mit einer schon befremdlichen Liebe zum Detail ist er zur Fastnacht bereits in die Rollen von Prinzregent Luitpold von Bayern, des Comic-Monsters Shrek, Homer Simpsons oder seines Parteikollegen Edmund Stoiber geschlüpft. Im völligen Gegensatz zu Merkel wird Söder eine gewisse Eitelkeit nachgesagt und er hat sich mit seinen frechen Durchsagen einen gewissen Ruf erarbeitet. Als CDU und CSU 2018 im Clinch lagen wegen des Masterplans Migration von Innenminister Horst Seehofer, sagte FDP-Chef Christian Lindner über ihn, er führe sich auf, wie ein "pubertierender Schulhofschläger".

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Dagegen ist das Kanzleramt eine Jugendherberge: Kabinettssitzung im Spiegelsaal des Schlosses.

(Foto: dpa)

Ausgerechnet die beiden setzen sich also derart in Szene. Ausgerechnet jetzt besucht erstmals ein Bundeskanzler beziehungsweise eine Bundeskanzlerin eine Kabinettssitzung in Bayern. Ein Zufall ist das sicherlich nicht. Welche Botschaften wollen die beiden also mit diesem Auftritt senden?

  1. Söder lädt ein, die Kanzlerin kommt. Es ist nicht so, dass Merkel heute keine anderen Einladungen gehabt hätte. In Frankreich findet die Nationalparade statt und auch im Land von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet gibt es schöne Schlösser und Kabinettssitzungen. Doch Merkel nimmt lieber den langen Weg nach Bayern auf sich und lässt sich von Söder kurz vor Abfahrt des Schiffes auf die Chiemsee-Insel mit angedeuteter Verbeugung begrüßen. Söder empfängt die Kanzlerin wie eine Königin. Und wer ist dann er, der neben ihr sitzt? Er inszeniert sich als Kronprinz - und die eigentlich so unprätentiöse Merkel lässt es mit sich machen.
  2. Damit wertet Merkel Söder auf. Für jeden der drei Kandidaten im Rennen um den CDU-Vorsitz wäre eine derartige Inszenierung ein Geschenk gewesen. Der Besuch ist sicherlich noch kein Ritterschlag. Aber dass Merkel in diesen Zeiten diese Reise unternimmt und für diese Bilder sorgt, ist ein deutliches Zeichen einer Politikerin, die sich über die Macht der Bilder genauestens bewusst ist. Und wenn es kein Bekenntnis für einen Kanzler Söder ist, so ist es doch eines ganz gewiss: ein Signal, das die übrigen, schwächelnden Nachfolgeaspiranten deutlich aufrütteln dürfte.
  3. Söder stellt seinen Fuß in die Tür. Der bayerische Ministerpräsident hat bisher immer beteuert, dass sein Platz im Freistaat sei und nicht als Kanzler in Berlin. Aber natürlich dürfte ihm nicht entgangen sein, wie sich die Stimmung gegen die drei offiziellen Bewerber um den CDU-Vorsitz gedreht hat. Alle drei geben inzwischen ein denkbar blasses Bild ab. Söder hingegen hat durch seine Corona-Politik glänzende Zustimmungswerte. Eine erst heute von Forsa im Auftrag von RTL und ntv ermittelte Umfrage ergab, dass sich 52 Prozent der Deutschen eine Kanzlerkandidatur Söders wünschen würden. Was käme da gelegener, als eine solche Inszenierung mit der Kanzlerin. Wie wichtig Söder der Termin war, ließ sich an seiner Nervosität ablesen. Überpünktlich, schon rund 20 Minuten vor dem Eintreffen Merkels wartete er am Schiff auf seinen Besuch. Sorgsam hatte er drei Gesichtsmasken für die Kanzlerin ausgesucht - eine mit bayerischer, eine mit deutscher und eine mit europäischer Flagge. Er versucht, alles richtigzumachen.
  4. Die Tage des Zorns zwischen CDU und CSU sind vorüber. Es ist noch nicht lange her, da hat der damalige CSU-Vorsitzende Horst Seehofer Merkel Staatsversagen vorgeworfen und sie auf offener Bühne beim Parteitag in München gedemütigt. Erst vor zwei Jahren war der Streit zwischen den Schwesterparteien so heftig, dass ein Bruch wie zu Zeiten von Franz-Josef Strauß möglich erschien. Das Satiremagazin "Titanic" erlaubte sich in jenen Tagen den Spaß, die Falschmeldung zu verbreiten, die beiden Parteien hätten ihre Fraktionsgemeinschaft aufgelöst. Viele Medien haben die Ente damals übernommen - für so realistisch wurde das Szenario eingeschätzt. Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Die Bilder aus Herrenchiemsee transportieren das Bild von zwei Spitzenpolitikern, die sich verstehen und gut zusammen arbeiten. Söder hat in der Corona-Krise die Kanzlerin mehrfach gelobt. Mit seiner Einladung nach Bayern erneuert er dieses Bekenntnis. Während der Pressekonferenz sagte Söder, es sei ein Zeichen des "Entgegenkommens nach einigen schwierigen Jahren".

Quelle: ntv.de