Politik

"Muss mit Massensterben rechnen" Was, wenn Corona nach Syrien kommt?

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Ärzte vor einer Operation an einem Verwundeten in einem Krankenhaus in Idlib. Sollte das desolate Gesundheitssystem Syriens auch noch mit Corona-Kranken belastet werden, wären die Folgen wohl dramatisch.

(Foto: REUTERS)

Hilfsorganisationen warnen vor den dramatischen Folgen, sollte sich das Coronavirus in der umkämpften Bürgerkriegsregion Idlib in Syrien ausbreiten. Dann drohe ein Massensterben. Und die vor zwei Wochen von Moskau und Ankara vereinbarte Waffenruhe ist instabil.

Noch vor zwei Wochen beherrschte die Eskalation in der Bürgerkriegsregion Idlib in Nordwest-Syrien und die daraufhin von Präsidenten Erdogan verkündete Öffnung der türkischen Grenze Richtung Griechenland das Nachrichtengeschehen. Doch die Corona-Pandemie hat die Lage in Syrien und die daraus resultierende neuerliche Zuspitzung der Flüchtlingskrise aus den Schlagzeilen verdrängt. An der Situation hat sich seitdem dennoch wenig geändert. Und jetzt kommt die Bedrohung durch das Virus noch hinzu, das keinen Halt vor Ländergrenzen macht.  

Fast eine Million Menschen sind in den letzten drei Monaten aus Idlib und den umliegenden Dörfern in Richtung der türkischen Grenze geflüchtet. Sie sind damit beschäftigt, das tägliche Überleben zu meistern, der Gedanke an den Coronavirus ist vermutlich weit weg. Doch selbst wenn er aufkäme: Wer könnte Tests durchführen? Und wie könnten Corona-Patienten dort überhaupt behandelt werden? 

Hilfsorganisationen warnen vor Massensterben

Angesichts dieser Lage richten Hilfsorganisationen einen dramatischen Appell an die Öffentlichkeit und warnen vor dramatischen Folgen einer Ausbreitung des Virus unter den Vertriebenen. Dirk Hegmanns, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien sagt: "Dann muss man, so brutal sich das anhört, fast schon mit einem Massensterben rechnen. Da die russische Luftwaffe systematisch Kliniken zerstört hat, gibt es dort keine Gesundheitsversorgung." Im gesamten Nordwesten Syriens gebe es nur 50 Beatmungsgeräte. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO ist extrem besorgt. Die Bevölkerung in der Region sei besonders gefährdet. Die Organisation arbeite daran, Ausrüstung für Corona-Tests dort hin zu bringen, um in der nächsten Woche damit arbeiten zu können. 

Offiziell hat Syrien bislang noch keine Coronavirus-Infektionen gemeldet. Dirk Hegmanns sagt, es lägen auch aus den den von Assad-Gegnern kontrollierten Gebieten keine Zahlen vor. Gibt es sie wirklich nicht oder sind sie bislang nur nicht festgestellt worden? Fest steht jedenfalls: Sollte sich das Virus ausbreiten, dürften die Zahlen ähnlich exponentiell steigen, wie derzeit in Europa. "Ärzte ohne Grenzen" warnt, dass dies ohne zusätzliche Hilfen schnell zu einer kritischen Lage führen könne: "Die Erkrankung würde sich sehr schnell ausbreiten, vor allem in Lagern." Klinken und Gesundheitszentren wären von einem Patientenansturm überfordert. 

Vereinbarte Waffenruhe ist nicht stabil 

Um so mehr ist ein sofortiges Ende der Kämpfe in der Region Idlib und die Suche nach einer Lösung des Konfliktes für den Nordwesten Syriens erforderlich. Vor zwei Wochen haben sich der russische Präsident Putin und der türkische Präsident Erdogan zwar auf eine Sicherheitszone verständigt, um die unerbittlichen Kämpfe zwischen syrischen Regierungstruppen und islamistischen Rebellen-Verbänden zu stoppen. Auch die verheerenden Bombenangriffe der syrischen und russischen Luftwaffe, die unzählige zivile Opfer gefordert und medizinische Einrichtungen zerstört haben, sind beendet worden. 

Die vereinbarte Waffenruhe ist dennoch nicht stabil. Erst vor wenigen Tagen wurde die erste gemeinsame russisch-türkische Patrouille in der Sicherheitszone entlang der Schnellstraße M4 von Einwohnern mit brennenden Reifen blockiert. Moskau sprach von einer Provokation islamistischer Rebellengruppen. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London berichtete, der Kontrollgang sei nur auf einer kurzen Strecke möglich gewesen. Außerdem hätten islamistische Extremisten mit Angriffen auf russische Soldaten gedroht.

Es zeigt sich wie dringend eine grundsätzliche Lösung für dieses letzte zwischen Assad und seinen Gegnern umkämpfte Gebiet erforderlich ist. Der Westen hat diesen Konflikt in den letzten Jahren weitgehend teilnahmslos begleitet und sich immer mehr zurückgezogen. Im gleichen Maße haben sich Russland und die Türkei in Syrien profiliert und die Rolle von Schutzmächten für die miteinander kämpfenden Seiten übernommen. Sie sind weniger Partner, denn viel mehr Rivalen. Die Gefahr ist groß, dass die vereinbarte Waffenruhe einmal mehr nur eine Momentaufnahme ist, die in zwei Wochen oder zwei Monaten nur noch Makulatur ist. 

Leichte Entspannung an der türkisch-griechischen Grenze

Immerhin zeichnet sich eine leichte Entspannung an der türkisch-griechischen Grenze ab. Präsident Erdogan hatte vor drei Wochen nach einem Luftangriff in der Region Idlib, bei dem 33 türkische Soldaten ums Leben kamen, die Unterstützung des Westens eingefordert. Wenn diese ausbleiben sollte, werde er die Grenzen Richtung Griechenland öffnen, was er wenig später auch tat. Bis zu 12.000 Migranten und Flüchtlinge sammelten sich innerhalb kürzester Zeit am Grenzzaun zu Griechenland bei Edirne. Erst als Griechenland die Grenze mit Stacheldraht und einer zweiten Befestigungslinie zu einer Art Festung ausbaute, ließ der Druck wieder nach. Am Dienstag hat die EU dem türkischen Präsidenten Erdogan signalisiert, die finanziellen Zuwendungen weiter zu erhöhen, damit der 2016 vereinbarte Flüchtlings-Deal bestehen bleibt. 

Ob und wie schnell die 12.000 Menschen aus dem eilig errichteten Zeltcamp an der Grenze wieder abziehen, ist ungewiss. Und selbst wenn sie es tun, stellt sich die Frage wohin mit ihnen eigentlich? Auch hier gilt das gleiche, wie für die Vertriebenen in Nordwest-Syrien. Auch hier ist die medizinische Versorgung schlecht, das Coronavirus angesichts der vielen anderen Sorgen bislang kaum ein Thema. Auch hier sind die Konsequenzen einer drohenden Ausbreitung des Virus kaum auszudenken.

Quelle: ntv.de