Politik

Beim Klimastreik in Berlin "Weil die Politiker dort drüben verkacken"

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Zehntausende Menschen zieht es zum Klimastreik an das Brandenburger Tor.

(Foto: imago images/Future Image)

Zehntausende Berliner folgen dem Aufruf der Jugendbewegung "Fridays for Future" und gehen auf die Straße. Doch unter den Demonstranten sind nicht mehr nur Schüler. Gemäß dem Motto "Klima geht uns alle an" treffen sich Generationen, um für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen.

Ein Galgen mitten in Berlin. Unter ihm stehen drei junge Menschen. Schwarz gekleidet. Wortlos. Den Blick starr nach vorne gerichtet. Um ihren Hals liegt eine Schlinge. Unter ihren Füßen ein Eisblock. Im Hintergrund das Brandenburger Tor. Nur wenige hundert Meter weiter das Kanzleramt. Dort berät die Bundesregierung über ein neues Klimapaket.

"Das ist symbolisch gemeint", erklärt eine Mutter ihren zwei kleinen Kindern, die beim Anblick des Galgens erstaunt ihre bunten Pappschilder sinken lassen. "Wenn wir nichts tun, schmilzt das Eis an den Polen. Und dann geht es der Erde und uns schlecht", sagt sie weiter. "Darum sind wir hier."

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Protest am Galgen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Und nicht nur sie. An diesem Freitag versammeln sich Zehntausende Menschen auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor. Inspiriert von der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg, Gründerin der "Fridays for Future"- Bewegung, fordern sie von der Politik mehr Ehrgeiz im Kampf gegen die Erderhitzung und die drohende Klimakatastrophe. Zusammen wollen sie erreichen, dass die Bundesregierung schon bis Jahresende alle Subventionen für fossile Energieträger wie Öl und Kohle streicht, ein Viertel der Kohlekraft abschaltet und eine Steuer auf Treibhausgasemissionen erhebt.

Seit Monaten gehen Tausende Schüler Freitag für Freitag auf die Straße, um gegen die Untätigkeit der Politik angesichts des Klimawandels zu protestieren. Dieser Freitag soll einen neuen Höhepunkt für "Fridays for Future" markieren. Denn dieses Mal richtet sich der Aufruf zum Streik nicht nur an Schüler und Studenten, sondern an alle. "Jetzt sind alle Menschen gefordert", heißt es von den Organisatoren. Und tatsächlich werden sie erhört: Statt der erwarteten 10.000 Teilnehmer kommen laut Angaben der Veranstalter 270.000 Demonstranten.

Höchste Zeit zu Handeln

In Berlin scheint der Weckruf in der gesamten Gesellschaft angekommen zu sein. In der Menge tummeln sich Vertreter aller Generationen: stillende Mütter, Eltern mit Kindern an der Hand, Jugendliche in Kapuzenpullis, eine Gruppe älterer Damen mit einem Schild - "Omas für die Zukunft". Fast fühlt es sich an wie ein riesiges Familienfest, nur mit einer ernsten Botschaft.

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Statt den erwarteten 10.000 Teilnehmern, kommen in Berlin laut Angaben der Veranstalter mehr als hunderttausend Demonstranten.

(Foto: picture alliance/dpa)

"Ich habe Angst um die Eisbären", sagt ein Junge und versucht sein Schild noch ein Stück höher in die Luft zu recken. Darauf ist ein selbstgemalter Eisbär zu sehen, der traurig auf einer einsamen Scholle sitzt. Der Eisbär ist zum Symbol des Klimawandels geworden. "Der wird bald kein Zuhause mehr haben", erklärt der Drittklässler. "Und wir irgendwann auch nicht mehr, wenn wir nichts tun", schiebt sein Vater hinterher.

"Die Politiker sitzen da drüben im Kanzleramt und wir sind hier, weil sie einfach verkacken", ruft eine Aktivistin von der Bühne. Jubel aus dem Publikum. Anschließend erklären Wissenschaftler und Ärzte die Dringlichkeit des Handelns. Weltweit sei die Durchschnittstemperatur bereits um ein Grad gestiegen, relativ zum Zeitraum 1850 bis 1900. Und die vergangenen vier Jahre seien die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen. Schon jetzt verursache die Erderwärmung in vielen Regionen Extremwetter wie Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und Starkregen.

Klimapaket "ist ein Skandal"

Als sich schließlich die Menge in Bewegung setzt, marschiert eine Gruppe Kindergartenkinder voraus. In leuchtendgelben Warnwesten tragen sie stolz ihre selbstgemalten Transparente vor sich her und rufen "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", im Chor. Eine ältere Dame beobachtet vom Straßenrand aus das Geschehen. "Meine Generation hat das mit dem Klima verbockt", sagt sie. Somit sei es das Mindeste, dass sie hier mitlaufe. "Früher hat es dafür einfach kein Bewusstsein gegeben. Wir wussten gar nicht, was wir alles falsch machen." Dass die Kinder ihre Zukunft nun selbst in die Hand nehmen, findet sie prima: "Es ist toll zu sehen, dass so viele Leute gekommen sind. Hoffentlich sieht das Bild in anderen Städten ähnlich aus."

Nicht nur in Berlin gehen heute die Menschen auf die Straße. In ganz Deutschland sind in Dutzenden Städten mehr als 570 Aktionen und Demonstrationen angemeldet. Und auch rund um den Globus folgen Schüler, Studenten und Unterstützer dem Aufruf zum Klimastreik. Auf allen Kontinenten werden Schilder in die Höhe gereckt, Parolen gerufen und durch Gesang und Tanz auf sich aufmerksam gemacht - mit einem gemeinsamen Ziel.

*Datenschutz

Ob die Rettung des Klimas gelingt, liegt nun in den Händen - und im Klimapaket - der Bundesregierung. Noch bevor der Protestzug in Berlin die Siegessäule erreicht, legt das Klimakabinett die Eckpunkte zu mehr Klimaschutz vor. Unter anderem enthält es einen Preis auf den Ausstoß klimaschädlichen Kohlendioxids, jedoch auf niedrigem Niveau. Auf die Beschlüsse reagierte Fridays For Future auf Twitter mit Kritik. Die Aktivistin Luisa Neubauer schrieb: "Während Hunderttausende klimastreiken, einigt sich die GroKo anscheinend auf einen Deal, der in Ambitionen und Wirksamkeit jenseits des politisch und technisch Machbaren liegt." Und weiter: "Das ist heute kein Durchbruch, das ist ein Skandal."

Dass die Maßnahmen etwas ändern werden, glaubt auch die ältere Dame nicht. "In der Politik wird viel geredet, aber am Ende passiert ja doch nichts", sagt sie. Daran ändere leider auch der heutige Tag nichts. "Aber das sage ich den Kindern hier natürlich nicht", schmunzelt sie. "Sie sollen Hoffnung haben, solange es geht. Man wisse ja nie - neue Regierung, neues Glück." Sie lacht. Dann schließt sie sich wieder dem Protestzug an. Es geht zur Siegessäule.

Quelle: n-tv.de

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