Politik

Einst Neonazi, heute Jude "Wer hasst, sieht das Problem nie bei sich"

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Yonatan Langer war rund zehn Jahre in der Neonazi-Szene aktiv.

(Foto: privat)

Yonatan Langer kam 1983 im Erzgebirge zur Welt. Mitte der 80er zog er mit seiner Familie nach Ostberlin. In den 90ern schloss er sich einer Neonazi-Gruppe an, verachtete alles, was aus seiner Sicht nicht deutsch war. Mit seinen Kameraden schmiedete er Pläne für eine rechte Revolution, hatte Zugang zu Waffen. Dann kam der Wandel: Heute lebt Yonatan, der früher Lutz hieß, als Jude in Israel. Im Interview mit ntv erzählt er von rechten Revolutionsgedanken und seinem Wandel. Und er erklärt, warum er glaubt, dass die AfD eine wichtige Rolle übernimmt.

ntv: Wie lange waren Sie in der Neonazi-Szene aktiv und was hat Sie dort hingelockt?

Yonatan Langer: Rund zehn Jahre. Es war ein schleichender Prozess, dort hineinzugeraten. Am Anfang haben wir einfach nach dem Sport zusammen abgehangen. Dann hatte jemand Musik mitgebracht. Und das war besondere Musik, die kein anderer gehört hat. Wir haben uns zusammen cool gefühlt, waren anders als die anderen. Und im Zeitalter von CDs waren wir stolz auf unsere Musik.

Das war Musik von welchen Bands?

Zum Beispiel Landser und Störkraft.

Darüber entstand eine gemeinsame Identifikation in Form von Hass auf Minderheiten?

Genau. Wir haben in dieser Gruppe alle eine Lösung für unsere Probleme gefunden. Wir hatten ähnliche Probleme und glaubten, sie mit Hass lösen zu können, um sich damit nicht auseinandersetzen zu müssen. Der Hass und die hasserfüllte Musik war unser gemeinsamer Nenner. Und ganz wichtig: Wir waren damit exklusiv. Wir hatten Zugang zu Leuten, die Eindruck gemacht haben, zu Musik, die kein anderer gehört hat.

Beschreiben Sie die Gruppe mal.

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Die European Jewish Association hatte Politiker aus ganz Europa nach Auschwitz eingeladen, um der Befreiung des KZ vor 75 Jahren zu gedenken. Auch Yonatan Langer erzählte dabei seine Geschichte.

(Foto: privat)

Der Hauptkontaktpunkt war der Kampfsportverein. Wir waren etwa zehn Leute mit guten Verbindungen zu anderen Neonazi-Gruppen, auch zur Biker-Szene. Wir waren schon gut vernetzt in der Szene. Unsere Selbstwahrnehmung war eher elitär, wir wollten keine Straßenpöbler sein, die für kurzfristige Ziele in den Knast gehen. Wir sind nicht mit Lonsdale-Pullovern und Springerstiefeln herumgelaufen. Wir wollten gleichzeitig Teil der Gesellschaft und Teil der Szene sein, damit wir langfristige Ziele verfolgen konnten. Die Gruppe hieß, angelehnt an die germanische Mythologie, "Vigrid". Wir hatten einen Thing-Tisch, an dem wir uns besprochen haben, Fackeln an den Wänden, sowas.

Wer waren Ihre Feinde genau?

Alle, die nicht deutsch waren und alle, die unserer Meinung nach das Deutschtum bedroht haben. Wir haben die Vermischung von Rassen und Wertvorstellungen abgelehnt. Juden, farbige Menschen, linke Werte hatten keinen Platz in unserem Weltbild. Wir haben westliche Werte abgelehnt. Das stand für uns im Gegensatz zu den Werten eines SS-Soldaten aus dem Dritten Reich. Wir hatten wie fast alle Neonazi-Gruppen den Wunsch, dieses altes Reich, die Werte von damals wieder aufzubauen. Wir hatten damals den Wunsch, eine Revolution zu starten, tiefgreifende Veränderungen durchzusetzen. Wir hatten auch Zugang zu Waffen und haben uns immer gefragt, wie groß der Effekt wohl wäre, wenn wir sie einsetzen. Wir glaubten, es müsste einen Dominoeffekt auslösen. Dann wäre das eine Option gewesen. Dann hätten wir vielleicht auch ein Restaurant angezündet oder einen Politiker erschossen, so wie es jetzt passiert ist. Zum Glück bin ich diesen Schritt nie gegangen.

Nicht wenige sagen, dass es in Deutschland und Europa einen Rechtsruck gebe. Wie sehen Sie das?

Das sehe ich auch so. Ich glaube aber auch, dass viele unterschätzen, dass dieses Potenzial immer da war. Viele haben auch davor die Augen verschlossen, dass die rechte Szene immer existent war. Was vermutlich auch daran liegt, dass die Kreise, in denen auch ich aktiv war, damals keine Aktionen gemacht haben. Heute ist die Szene viel sichtbarer geworden, es gibt mehr Aktionen. Die Frage ist, ob die Szene tatsächlich größer geworden ist oder sie durch externe Faktoren wachgerüttelt wurde, zum Beispiel mehr Einwanderung. Heutzutage gibt es natürlich auch völlig andere Möglichkeiten, sich zu vernetzen, als in den 90er-Jahren - etwa über soziale Medien. In jedem Fall ist es die Aufgabe der Gesellschaft, dagegen aufzustehen, sich damit zu beschäftigen und nicht den Fehler zu wiederholen und zu sagen, 'ist alles nicht so schlimm'.

Ihre Wahlpräferenz in den 90ern war die NPD?

Nein, die waren mir zu plump.

Wie denken Sie über die AfD?

Ich kann nicht über die gesamte Partei sprechen. Aber einige Akteure wählen ihre Worte und Taten schon sehr klug. Sie wissen genau, wie weit sie gehen können, wo die Grenzen verlaufen und streben ganz deutlich nach Einfluss und danach, mit diesem Einfluss Dinge zu verändern. Ich begrüße es aber tatsächlich, dass sie Teil der Öffentlichkeit und des demokratischen Prozesses sind. Denn, wie gesagt, ich glaube, das Potenzial war immer da. Aber niemand hat sich mit dem Teil der Gesellschaft auseinandergesetzt. Jetzt sind sie Teil der Parlamente und müssen sich den demokratischen Regeln stellen und müssen beweisen, welche Lösungen sie anbieten können, beziehungsweise nicht anbieten können. Ein Teil der früher verdeckten rechten Szene steht jetzt unter Beobachtung der Gesellschaft. Die NPD war vielen damals zu plump. Die AfD ist es nicht.

Sie sind aus der Neonazi-Szene ausgestiegen und Jude geworden. Wie kam das?

*Datenschutz

Als ich anfing zu studieren, habe ich begonnen, mein Weltbild zu hinterfragen. Plötzlich hatte ich so viele Fragen und keine Antworten. Ich wollte aber welche finden und es war mir egal, ob Christentum, Nihilismus oder sonst was sie liefert. In der spirituellen Tiefe habe ich sie dann nur im Kabbalah Centre gefunden. Ich bin dort nicht hingegangen mit dem Ziel, zu konvertieren. Ich habe da einfach Antworten gefunden. Bis ich tatsächlich konvertiert bin, hat es viel Zeit gekostet, bis ich mich mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt hatte. Dazwischen war ich hin- und hergerissen. Manchmal war ich beim Treffen zum Shabbat und wenige Tage später bin ich wieder zu meiner Neonazi-Gruppe gegangen. Erst nachdem ich das erste Mal Israel besucht hatte und fest im Kaballah Centre gearbeitet habe, ergab sich der Wunsch, zu konvertieren. Dazwischen lagen etwa vier Jahre. Und dann hat es noch einmal etwa drei Jahre gedauert, bis ich Jude war.

Können Sie beschreiben, welchen inneren Prozess Sie durchlaufen haben?

Ich habe damals gelernt, dass man Hass nicht mit Hass bekämpfen kann. Um meinen Hass zu bewältigen, musste ich lernen, dass Vielfalt ein Geschenk ist und dass ich lernen musste, mit Menschen zu teilen, mit denen ich eigentlich nicht teilen wollte. Wer Hass verspürt, glaubt, dass seine Sicht der Dinge die einzig gültige ist. Wer hasst, sieht das Problem nicht bei sich. Wir müssen diesen Menschen mit Mitgefühl begegnen und erkennen, dass sie etwas lernen müssen. Nur so können wir ihnen helfen. Die Ursache von Hass liegt immer in den Menschen, nicht außerhalb von ihnen. Das habe ich damals gelernt.

Wenn man davon ausgeht, dass Bildung der Schlüssel ist, um Hass zu bekämpfen, ist das richtig. Aber ich glaube, es braucht eine bestimmte Form der Bildung, eine Bildung des Bewusstseins. 1942 wurde auf der Wannsee-Konferenz die Endlösung beschlossen. Unter den Teilnehmern waren Doktoren und Professoren - gut gebildete Menschen aus einem weit entwickelten Land. Damals, in der Neonazi-Gruppe, war ich auch gut gebildet. Aber Hass hat diese Bildung überlagert. Was in unserer Welt so oft fehlt, ist eine Bildung, ein Wissen über die eigene Verantwortung, ein Bewusstsein über die Konsequenzen des eigenen Handelns.

Haben Sie noch Verbindungen zu der Gruppe von damals?

Nein.

Haben Sie nach dem Ausstieg Drohungen bekommen?

Als die ersten Zeitungsartikel über meinen Lebensweg erschienen sind, ist die Gruppe damals zusammengekommen, weil sie befürchtet haben, dass es Auswirkungen auf sie haben könnte. Aber sie haben sich entschieden, nichts zu machen. Vielleicht war es, weil sie alle inzwischen auch etwas im Leben haben, was sie fürchten mussten zu verlieren oder weil wir damals einfach so stark befreundet waren. Es gab auf jeden Fall keine Drohungen.

Hätten Sie auch aussteigen und in Deutschland bleiben können?

Ich bin damals nach London gezogen, inzwischen lebe ich in Tel Aviv. Der Ortswechsel war damals sehr wichtig für mich, um durchzuatmen und neu anzufangen. Mit der Konvertierung habe ich in London angefangen und habe sie dann aber in Berlin abgeschlossen. Es war mir wichtig, diesen Prozess in dem Land abzuschließen, in dem ich auch mal ein komplett anderes Leben hatte.

Könnten Sie sich vorstellen, wieder in Deutschland zu leben?

Nach meiner Konvertierung konnte ich mir es nicht vorstellen, Deutschland zu verlassen. Ich dachte damals, dass es wichtig sein könnte, die Erfahrungen aus meinem Lebensweg weiterzugeben. Bis ich eines Tages gemerkt habe, dass es noch einen anderen Schritt für mich gab. Der bestand darin, nach Israel zu gehen, mich dort mit dem Holocaust auseinanderzusetzen, eine jüdische Identität aufzubauen und eine Familie zu gründen. Ja, ich könnte mir vorstellen, nach Deutschland zurückzukommen. Mein Wunsch ist es jedoch, weiterhin in Israel leben zu können.

Mit Yonatan Langer sprach Benjamin Konietzny

Quelle: ntv.de