Politik

Waffen für die Ukraine Wie Deutschland dem Vergleich standhält

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Die Fähigkeit des Gepard, tief fliegende Flugzeuge vom Himmel zu holen, erfordert eine monatelange Ausbildungszeit für Soldaten sowie eine aufwändige Versorgungskette.

(Foto: picture alliance / photothek)

Deutschlands Zaudern bei den Waffen für die Ukraine wird viel kritisiert. Aber ist die Kritik berechtigt im Vergleich zu dem, was andere Länder tun? "Nein", sagt Verteidigungsexperte Richter. Die militärische Hilfe des Westens im Überblick.

Seit Donnerstag ist es entschieden: Deutschland unterstützt die Ukraine künftig auch mit schweren Waffen. Eine Entscheidung nach langem Zaudern und Zögern und nur im Windschatten der anderen NATO-Partner, so der weit verbreitete Eindruck. Aber stimmt der auch?

Tatsächlich fiel die Aussage von Bundeskanzler Olaf Scholz im Interview mit dem Spiegel vor einer Woche, kein Bündnispartner liefere bislang westliche Kampfpanzer, auf exakt den Tag, an dem die Niederlande ankündigten, die Ukraine nun mit mehreren Exemplaren der Panzerhaubitze 2000 zu unterstützen. Das ist ein selbstfahrendes, gepanzertes Artilleriegeschütz, hergestellt von den deutschen Rüstungskonzernen Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall. Die Haubitze 2000 gilt als eines der modernsten und tödlichsten Geschütze der Welt.

Was auf den ersten Blick daherkam wie ein Widerspruch, war genau genommen keiner, da der Kanzler nur die bisherige, zwischen den wichtigsten westlichen Partnern abgestimmte Strategie skizziert hatte. Dennoch wirkte die deutsche Position zum wiederholten Mal nicht auf der Höhe der internationalen Debatte. Gemessen jedoch nicht an den Worten, sondern rein an den Taten zu Unrecht, analysiert der Verteidigungsexperte Wolfgang Richter.

"In Bezug auf schwere Waffen westlicher Bauart waren alle Staaten, auch die Franzosen, die Briten und die Amerikaner, erstmal sehr zögerlich", sagt Richter, Oberst a.D., der heute für die Stiftung Wissenschaft und Politik zu Sicherheitspolitik forscht, im Gespräch mit ntv.de. "Die USA haben zunächst gezogene Haubitzen geliefert und wollen die Ausbildung selbst sicherstellen. Auch Großbritannien und Frankreich haben erst in jüngster Zeit angekündigt, Haubitzen zu liefern, im Falle Frankreichs sollen diese auf Lastwagen montiert sein."

Mit dem Gepard legt Deutschland vor

Scholz' Absage an schwere Waffen aus Deutschland hatte nach Veröffentlichung am vergangenen Sonntag noch zwei Tage Bestand, dann verkündete die Bundesregierung beim Treffen internationaler Verteidigungsminister in Ramstein die Lieferung von 50 Panzern, Modell Gepard. Damit sieht Richter Deutschland vorpreschen in diesem Segment. "Ein solches Gerät für die Truppenluftabwehr, also ein Luftabwehrpanzer, ist bisher noch von niemandem geliefert worden. Es ist das erste Mal, dass solch eine Waffe im Gespräch ist."

Die Fähigkeiten des Gepard, tief fliegende feindliche Flugzeuge vom Himmel zu holen, erfordern allerdings eine monatelange Ausbildungszeit für Soldaten sowie eine aufwändige Versorgungskette. Da mittlerweile viele Experten jedoch von einem länger dauernden Kriegsgeschehen ausgehen, würde sich der Aufwand lohnen. Zumal die russische Armee bislang nicht sehr stark mit Kampfjets in die Gefechte eingegriffen hat - anders als im Syrienkrieg, wo Russland hauptsächlich über Luftangriffe aus Jagdbombern agierte. Das heißt, der Gepard kann erst mittelfristig eingesetzt werden, gehört aber auch derzeit nicht zum dringendst benötigten Kriegsgerät.

Baerbocks Lieferliste ist lang

Dass Deutschland sich auch bisher in der Unterstützung durch leichtere Waffen nicht hinter den Bündnispartnern verstecken muss, macht die Liste deutlich, die Außenministerin Annalena Baerbock am Tag vor dem Beschluss im Bundestag verlas. Es war eine Aufstellung der Waffen aus Deutschland, mit denen in der Ukraine bereits gekämpft wird.

Darunter sind mehrere tausend Panzer- und Bunkerfäuste. Das sind Waffen, die von der Schulter aus abgeschossen, in bis zu 400 Meter Entfernung eine Panzerhaut oder Bunkerwand durchschlagen können und alles, was dahinter ist, zerstören. Auch Stinger-Flugabwehrraketen und Fliegerfäuste vom Typ Strela nannte Baerbock. Diese Boden-Luft-Raketen, ebenfalls von der Schulter aus bedient, steuern ihr Ziel selbstständig an und treffen Flugkörper in maximal 6000 Metern Höhe.

Neben den genannten Waffen ist auch eine sechsstellige Zahl von Handgranaten geliefert worden, Maschinengewehre, Panzerminen und eine achtstellige Stückzahl von Munition.

Setzt Experte Richter diese Zahlen und Waffengattungen mit dem ins Verhältnis, was andere NATO-Partner bisher geliefert haben, kommt er zu dem Schluss, dass Deutschland, anders als die öffentlich geführte Debatte vermuten ließ, in Wirklichkeit in den vergangenen Wochen auf Augenhöhe war mit "den größeren Staaten und den größeren Lieferungen, was Panzerabwehrwaffen, Flugabwehrwaffen, Maschinengewehre, Munition angeht. Der Eindruck, man würde da zaudern und zögern, entspricht nicht den Tatsachen, sondern ist ein Kommunikationsproblem".

So lässt sich der Grund für Unmut innerhalb und außerhalb Deutschlands darüber, dass die Regierung des wirtschaftlich stärksten EU-Landes im Verbund der Ukraine-Unterstützer keine Führungsrolle einnehme, wohl eher an unklaren Aussagen festmachen, gefolgt von einem unerwarteten Vorstoß. Unterm Strich der Lieferungsliste ist Deutschland laut Richter mit seinen Partnern auf Augenhöhe, was das absolute Volumen der militärischen Unterstützung angeht.

Moskau hört bei allen Debatten mit

Schwierig bleibt ein Vergleich ohnehin, denn nicht alle westlichen Länder, die Kiew zu Hilfe kommen, legen offen dar, mit welchen Mitteln sie genau unterstützen. Das aus gutem Grund, denn bei aller Bereitschaft zur offenen Debatte muss man das vitale Interesse Moskaus an solchen Informationen immer einpreisen. Aus dem, was dennoch bekannt wird, lässt sich ein - zweifellos nicht vollständiger - Überblick erstellen.

Für Schlagzeilen sorgte jüngst die Ankündigung der USA, der Ukraine 121 Modelle der neu entwickelten Kampfdrohne "Phoenix Ghost" zu liefern, die ein Ziel aus der Luft mehrere Stunden verfolgen kann und dann abgeschossen wird. 300 Drohnen des Typs Switchblade und Puma sollen ebenfalls geliefert worden sein. Unter den leichten Waffen kommen die USA auf mehrere tausend gelieferte Stinger- und Javelin-Raketen und auch Minenwerfer zur Panzerabwehr. Weiterhin hat Washington unter anderem elf Hubschrauber russischer Bauart geliefert, 200 gepanzerte Mannschaftstransporter und insgesamt 90 Haubitzen mit dem Kaliber 155 Millimeter plus Munition.

Im offenen Terrain des Donbass wird eine gut ausgestattete Artillerie, also schlagkräftige, großkalibrige Geschütze mit großer Reichweite, für die Ukraine immer wichtiger, da die russischen Angriffe auf breiter Front erfolgen können. Die militärischen Erfolge rundum Kiew erzielten die Ukrainer vor allem mit Angriffen auf die in langen Konvois anrückende Armee. Eine so übersichtliche Gefechtssituation wird es im Donbass nicht mehr geben.

Entsprechend bedeutsam werden in den kommenden Wochen die Haubitzen. Auch Frankreich will hier liefern. Nach mehreren Wochen, in denen Paris zur Art seiner Waffenlieferungen geschwiegen hat, sagte Präsident Emmanuel Macron vor kurzem erstmals, dass sein Land unter anderem die Haubitze Caesar (Kaliber 155 Millimeter) an die Ukraine geben will. Die Niederlande unterstützen mit der bereits erwähnten Panzerhaubitze 2000. Großbritannien hat Kiew 150 Panzerfahrzeuge versprochen. Dabei soll es sich um den schwer gepanzerten Typen "Mastiff" handeln.

Die ersten waren die Tschechen

Tschechien begann schon mit Waffenlieferungen an die Ukraine, als viele Staatschefs den Aufmarsch russischer Truppen an der Grenze noch für ein Manöver halten wollten. Im Januar bekam Kiew zu seinen Systemen passende Gewehrmunition und Panzergranaten. Inzwischen soll das Land auch T-72-Kampfpanzer und BMP-1-Schützenpanzer sowjetischer Bauart geliefert haben - für die ukrainische Armee wertvoll, weil sie mit beiden Systemen vertraut ist.

Polen stieß mit seinem Vorschlag, der Ukraine MiG-29 Kampfjets zu liefern, schon in den ersten Tagen des Krieges auf Widerstand bei den NATO-Partnern. Inzwischen soll Warschau der Ukraine T-72-Kampfpanzer überlassen haben.

NATO-Partner Slowenien will der Ukraine ebenfalls Kampfpanzer T-72 aus eigenem Bestand liefern, mit deren Handhabung die ukrainische Armee vertraut ist. Die dadurch entstehende Verteidigungslücke will Deutschland mit Lieferungen der Panzertypen Marder und Fuchs sukzessive wieder auffüllen - im sogenannten Ringtausch.

Estland hat neun Haubitzen (Kaliber 122 Millimeter) sowjetischer Bauart in die Ukraine geliefert, die ursprünglich aus DDR-Beständen stammen, Litauen hat schwere Mörser geliefert. Die Türkei hat bereits vor dem Krieg mehrere Kampfdrohnen des Typs Bayraktar TB2 an die Ukraine verkauft, von denen 12 geliefert worden sein sollen. Zu Lieferungen während des Krieges gibt es keine offiziellen Angaben. Kanada beteiligt sich bislang mit leichten Panzerabwehrwaffen hat aber vor Tagen angekündigt, seine Unterstützung auf schwere Waffen auszudehnen.

Eine vergleichende Analyse hat das Kieler Institut für Weltwirtschaft vor kurzem vorgenommen, allerdings noch basierend auf Daten, bevor die Unterstützerländer ihre Lieferungen auf schwere Waffen ausweiteten. Sie setzten die Ausgaben der einzelnen Staaten für militärische, finanzielle und humanitäre Hilfe ins Verhältnis zu ihrer Wirtschaftsleistung. Heraus kam ein Ranking, das Deutschland gemessen an seiner Wirtschaftskraft nur auf Platz 12 zeigte. Die USA, in absoluten Zahlen weitaus stärkster Unterstützer der Ukraine, kamen so nur noch auf Platz 6. Auf den ersten Rängen hingegen: allen voran Estland, danach folgend Polen, Litauen und die Slowakei.

Quelle: ntv.de

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