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Niedrige Löhne und Unsicherheit Wie der Brexit zum Ventil wurde

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Noch ist völlig offen, wie es nach dem Referendum weitergeht.

(Foto: dpa)

Der Schock über den Brexit sitzt tief, besonders in London. Und doch ist das Ergebnis nicht so überraschend. War das Referendum doch ein Ventil, um gegen all das zu protestieren, was in den vergangenen Jahren schieflief?

Gleich nach Bekanntgabe der Referendumsergebnisse kamen am Freitag die entsetzten Reaktionen von meinen britischen Freunden: "Ich bin total am Boden zerstört." "Als ich das Ergebnis hörte, fing ich an zu weinen". "Meine schlimmsten Befürchtungen haben sich erfüllt." Eine Londoner Freundin schlug vor, die Stadt solle ihre Unabhängigkeit ausrufen, denn die Leute außerhalb Londons seien so anders.

Nach dem ersten offensichtlichen Schock macht sich inzwischen ein Gefühl der Resignation in London breit. Viele wissen nicht, wie es weitergehen wird. Belen, eine 54-jährige Spanierin, die gerade ein Studium macht und seit 16 Jahren hier lebt, ist erschüttert und sorgt sich um ihre Zukunft. Ein britischer Pass kostet mehr als 2000 Pfund. Marek, ein Friseur aus der Slowakei, ist im Moment zwar weniger besorgt, stellt sich aber darauf ein, notfalls das Land zu verlassen. Einige seiner Kunden sind Italiener und Spanier, die bereits ihre Sachen packen. Sie fühlen sich nicht länger willkommen. Marek wundert sich, dass selbst in London, dieser internationalen Stadt, nur 60 Prozent für einen Verbleib in der EU gestimmt haben.

Und doch ist es keine Überraschung, dass auch hier viele einen Brexit unterstützt haben. In den vergangenen Monaten hatte ich mit Hunderten von Leuten gesprochen, als ich an einer sogenannten Citizens' Jury über das EU-Referendum gearbeitet hatte. Uns interesssierte besonders, wie noch unentschlossene Bürger nach Vorträgen durch Experten einen Brexit beurteilen würden. Dabei ergab sich ein Bild, das auch das Abstimmungsverhalten im Referendum widerspiegelte. Viele erklärten, für den Brexit stimmen zu wollen. Ihr wichtigstes Argument: Das Leben sei wegen der Einwanderung einfach zu schwierig geworden.

"Es hängt von der Sprosse der Leiter ab"

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Die gebürtige Deutsche Gudrun Dalibor lebt seit 40 Jahren in London, wo sie u.a. für die BBC arbeitete. Zuletzt organisierte sie eine Citizens Jury, bei der Briten mit Experten über den Brexit diskutierten.

Eine der Befragten bei der Citizens' Jury war Nadja, eine Mutter von vier Kindern, die in einem Hotel in Hornchurch arbeitet. Sie ist eine reflektierte Frau, sie hatte viel zu dem Thema gelesen und ihr war es wichtig, die richtige Entscheidung im Referendum zu treffen. Nadja hatte als junge Frau viele andere europäische Länder bereist und hegt Sympathie für Menschen, die für ein besseres Leben nach England kommen wollen. "Es hängt aber immer davon ab, auf welcher Sprosse der Leiter man sitzt", sagt sie. "Die Folgen der massiven Einwanderung nach Großbritannien sind momentan für die kleinen Leute äußerst schwierig." Ihre größte Sorge ist, dass durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit die Arbeitgeber weiterhin niedrige Löhne zahlen werden.

Wie Nadja, die alles andere als eine "Little Englanderin" ist, ergeht es vielen Bürgern im Vereinigten Königreich. Ein halbwegs angemessenes Leben zu führen, ist für sie keine Selbstverständlichkeit mehr, und sie müssen viel in Kauf nehmen: Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt, niedrige Löhne, zunehmende Ungleichheit. Das Gesundheitssystem ist überlastet, die Mieten sind extrem hoch, Wohnungen gibt es kaum. Junge Leute müssen Zehntausende Pfund an Schulden für das Studium anhäufen.

Wirtschaftliche Ungleichheit, Deindustrialisierung und Globalisierung haben in Großbritannien ihre Spuren hinterlassen, das Land ist zutiefst gespalten. Und in den vergangenen vier Monaten wurde die kollektive Wut noch von streitenden Politikern angeheizt, die sich gegenseitig der Lüge bezichtigten - und denen nun auch kaum einer mehr glauben will. Viele Briten sind überzeugt: Es macht keinen Unterschied, was Politiker sagen, weil sie es ja doch nicht ernst meinen.

Das Referendum war das perfekte Ventil, um gegen Premierminister David Cameron und all das zu protestieren, was in den vergangenen Jahrzehnten schief gelaufen ist. Die EU wurde zum Sündenbock, zum Blitzableiter für die Unzufriedenheit - auch wenn die meisten wissen, dass ihre Probleme nichts mit der EU an sich zu tun haben.

Die Austrittsbefürworter setzten auf diese Ängste und täuschten die Leute mit dem Argument, dass alles besser werde, wenn Großbritannien die Zuwanderung wieder selbst kontrollieren könne. Nach dem Referendum gaben sie dann unumwunden zu, dass keine bedeutende Reduzierung in der Zuwanderung zu erwarten sei. Wie werden die Wähler reagieren, wenn sie schließlich feststellen, dass sie von den Brexit-Campaignern auf den Holzweg geführt worden waren?

Quelle: n-tv.de

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