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Terrorverdächtiger ist tot Wie die Behörden im Fall Al-Bakr versagten

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In der JVA Leipzig starb Jaber Al-Bakr. Trotz bekannter Suizidgedanken wurde er offenbar nicht lückenlos beobachtet.

(Foto: dpa)

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Jaber al-Bakr hat sich in seiner Zelle erhängt, obwohl seine Suizidgedanken bekannt waren. Der Tod des Syrers ist ein Skandal, denn er hätte verhindert werden können. Und das ist nicht die einzige Panne in diesem Fall.

Es ist der traurige Schlusspunkt eines Kriminalfalls, wie er für die Behörden nicht peinlicher hätte enden können: Am Mittwochabend wird Jaber al-Bakr tot in seiner Zelle gefunden - offenbar erhängte er sich mit seinem T-Shirt. Der Mann stand im dringenden Verdacht, einen Anschlag auf einen Berliner Flughafen begehen zu wollen. In wessen Auftrag, mit wessen Hilfe er genau was vorhatte, wird nun womöglich nicht mehr zu ermitteln sein.

Seit seiner Festnahme am Montag befand sich der Syrer im Hungerstreik. Da er einen Selbstmordanschlag geplant haben soll, konnte die Justiz von Suizidgedanken ausgehen. Eine Psychologin stufte Al-Bakr dennoch als nicht akut suizidgefährdet ein. Sein Mandant habe in der Zelle bereits Lampen zerschlagen und sich an Steckdosen zu schaffen gemacht, sagte Al-Bakrs Pflichtverteidiger Alexander Hübner. Die Darstellung der JVA bestätigt diese Aussagen. Die Einschätzung der Psychologin wurde dennoch nicht in Frage gestellt.

"Ich bin fassungslos, da ich davon ausgegangen bin, dass mein Mandant – jedenfalls zur Zeit – als einer der bestbewachten Gefangenen in Deutschland gelten konnte", sagte Hübner dem MDR. "Da gibt es besonders gesicherte Hafträume in den JVAs, die auch mit Kameras bewacht sind. So etwas in der Art hätte ich mir jetzt vorgestellt. Aber anscheinend hat das nicht stattgefunden", erklärte Hübner weiter. Tatsächlich wurde Al-Bakrs Zelle aber nur zwei Mal pro Stunde kontrolliert, wie der Leiter des Gefängnisses später mitteilte.

Die Chronik des Versagens

Deutschlands vorübergehend meistgesuchter Mann ist also nicht mehr am Leben. Und wie es aussieht, ist das nur der Höhepunkt einer Verstrickung von Pannen, Dilettantismus und Schlampereien:

Im September bekommt der Bundesverfassungsschutz Hinweise: Ein Anschlag des IS auf eine deutsche Infrastruktureinrichtung sei geplant. Den Tipp bekommt der Geheimdienst von einem befreundeten ausländischen Dienst. Doch damit beginnt erst die Arbeit der deutschen Behörden.

Wahre "Detektivarbeit" sei nötig gewesen um Al-Bakr zu identifizieren, berichtet Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen später stolz der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Wer ist der Mann, wo hält er sich auf, was hat er konkret vor? Es kristallisiert sich heraus: Al-Bakr ist kein harmloser Flüchtling. Er bewegt sich auffällig im Internet, recherchiert offenbar, wie man eine Bombe baut. Mehr noch: Ein Anschlag könnte kurz bevor stehen. Seine Pläne seien sehr konkret gewesen, so Maaßen.

Zivilbeamte fallen Anwohnern auf

Für den Verfassungsschutz ist klar: Der Mann muss festgenommen werden. Da der Syrer gefährlich ist, ist Vorsicht geboten. Das weitere Vorgehen übernimmt die sächsische Landespolizei.

Vom vergangenen Freitagabend an überwacht die sächsische Polizei den Plattenbau in der Chemnitzer Fritz-Heckert-Siedlung, in der Al-Bakr bei einem Landsmann untergekommen ist. Besonders dezent geht sie dabei offenbar nicht vor. Mehreren Anwohnern fällt auf, dass Zivilbeamte das Gebäude beobachten und fotografieren. Was die Nachbarschaft bemerkte, könnte auch Al-Bakr nicht verborgen geblieben sein.

Doch trotz des großen und reichlich auffälligen Aufgebots gelingt es den Beamten nicht herauszufinden, in welcher Wohnung der Terrorverdächtige lebt. Das Problem ist: Al-Bakr ist im nordsächsischen Eilenburg gemeldet und nicht in Chemnitz. Und, so das sächsische LKA später, in dem Gebäude habe es "mehrere Mieter mit arabisch klingenden Namen gegeben".

Al-Bakr entkommt Elitepolizisten

Die Beamten vor Ort beschließen, vor dem Haus zu warten, bis Al-Bakr herauskommt. Ein Spezialeinsatzkommando bringt sich in Position. Doch während die Vorbereitungen für den Einsatz am Samstagmorgen noch laufen, verlässt ein Mann den Plattenbau. Die Polizisten fordern ihn auf stehenzubleiben, doch er rennt davon.

Ein Beamter benutzt seine Dienstwaffe und gibt einen Warnschuss ab, um ihn zur Aufgabe zu bewegen. Doch der Mann, bei dem es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Al-Bakr gehandelt hat, lässt sich nicht aufhalten. Ein Schuss auf den Verdächtigen selbst, mit dem Zweck ihn zu verletzen und von der Flucht abzuhalten, bleibt aus. Zu gefährlich für Umstehende, heißt es dazu später.

Al-Bakr entkommt also Dutzenden Beamten - ein Mann, dessen "schlurfiger Gang" und schlaffe Körperhaltung später als prägende Merkmale genannt werden. Entschuldigend heißt es, die Verfolgung des Mannes sei gescheitert, da die Polizisten des SEK 35 Kilogramm schwere Schutzkleidung trugen. Bei den SEK, die es in jedem Bundesland gibt, handelt es sich um Elitetruppen. Wer hier eingesetzt werden will, muss überdurchschnittliche körperliche Voraussetzungen erfüllen.

Kehrte Al-Bakr noch einmal nach Eilenburg zurück?

Gleich nach dem missglückten Zugriff gibt es Kritik: Warum hat die Polizei keinen zweiten Ring aufgebaut? Bei solchen Einsätzen ist es üblich, dass Beamte etwas weiter entfernt das Gelände absichern, falls der Gesuchte entkommt. Eine plausible Erklärung für dieses Versäumnis gibt die Polizei später nicht ab.

Auch nicht dafür, dass es Al-Bakr offenbar gelingt, noch am selben Abend ins rund 80 Kilometer entfernte Leipzig zu gelangen. Denn die Polizei fährt, wie in solchen Fälle üblich, die Sicherheitsvorkehrungen hoch. An den Bahnhöfen patrouillieren mehr Beamte als üblich. Doch rund 40 Stunden lang gibt es keine Spur mehr von dem Mann. Auch als er offenbar am Leipziger Bahnhof einen Landsmann um einen Schlafplatz bittet, fällt er nicht weiter auf.

Es gibt Meldungen, nach denen Al-Bakr zuvor noch einen Abstecher nach Eilenburg machte, wo er gemeldet war. Die "Welt" berichtet, er habe in der Nacht auf Sonntag bei seinen früheren Nachbarn geklingelt. Diese öffneten nicht, riefen jedoch die Polizei. Erst nach einer Stunde erschien eine Streife. Al-Bakr trafen sie dann nicht mehr an. Eine Bewachung seiner früheren Bleibe hielt offenbar niemand für notwendig.

Hagen Husgen, Chef der Polizeigewerkschaft GdP in Sachsen, weist die Einschätzung von sich, das Vorgehen der Polizei sei misslungen. Wenn es Pannen gegeben habe, würden diese aufgearbeitet werden. Man müsse aber auch das Ergebnis sehen, dass der Tatverdächtige am Ende gefasst wurde, ohne dass es zu einem Anschlag gekommen sei.

Schließlich ist es aber nicht die Polizei, die Al-Bakrs Flucht durch Sachsen beendet. Landsleute, die ihm Obdach gaben, erkannten ihn, fesselten ihn und übergaben ihn der Polizei.

Quelle: n-tv.de

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