Politik
Die Mecklenburg-Vorpommern in internationalen Gewässern vor Libyen.
Die Mecklenburg-Vorpommern in internationalen Gewässern vor Libyen.(Foto: Issio Ehrich)
Mittwoch, 01. November 2017

Pin-ups und Geräuschdisziplin: Wie die Seele eines Kriegsschiffs schwindet

Von Issio Ehrich

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

Wer sich mit der Bundeswehr beschäftigt, stößt relativ schnell auf ein Phänomen, das mir ein Soldat einmal als "Ammosexuality" beschrieben hat. Einige Soldaten machen kein großes Geheimnis aus der Anziehungskraft, die schwere Waffen auf sie ausüben.

Nun kenne ich nach vier Tagen an Bord die Besatzung der Mecklenburg-Vorpommern nicht gut genug, um mir ein Urteil darüber anzumaßen, wie groß hier die Begeisterung für Waffen ist. Was mir allerdings auffällt, ist die Begeisterung für das Schiff als Ganzes. Für die Besatzung der Fregatte ist ihre Mecklenburg-Vorpommern auf jeden Fall mehr als ein austauschbares Gerät.

Pin-up-Poster in der Werkstatt.
Pin-up-Poster in der Werkstatt.(Foto: Issio Ehrich)

 Ja, es ist hier wirklich so, wie in amerikanischen Kriegsfilmen. Nicht nur wegen diverser Pin-up-Poster in Kajüten und Werkstätten. Die Gasturbinen der Mecklenburg-Vorpommern tragen süße Kosenamen. Über dem Eingang zur Operationszentrale, dem Gehirn des Schiffes, prangt in großen roten Lettern: "Lunatic Asylum". Die Zuflucht der Irren. Und auf den Toiletten hängen einseitige Checklisten zur "Geräuschdisziplin". Die Mecklenburg-Vorpommern hat einen eigenen Charakter.

Kommandant Christian Schultze geht sogar noch weiter: Schultze sitzt auf seinem Platz auf der Brücke. Links eine Kaffeetasse, rechts die Kapitänsmütze. Vor ihm das weite Meer. Und plötzlich wird er sentimental. "Das ist schon bitter, wenn man ein Schiff an den Pier legt und weiß, dass es nie wieder in See sticht", sagt Schultze. "Das ist so ekelhaft, wenn du siehst wie mit jedem Tag die Seele aus dem Schiff verschwindet."

Schultze erzählt, wie bei ausrangierten Schiffen, nach und nach die Spuren, die die Soldaten an Bord hinterlassen haben, getilgt werden. Und dass irgendwann vor die Hull-Nummer, den internationalen Identifikationscode von Schiffen, ein Ex gekritzelt wird.

Der lange Arm aus der anderen Welt

Der Kommandant Schultze (r.) auf der Brücke.
Der Kommandant Schultze (r.) auf der Brücke.(Foto: Issio Ehrich)

Die Mecklenburg-Vorpommern wird dieses Schicksal auch eines Tages treffen, einmal ist das sogar schon fast passiert. Das Schiff wurde 1996 in Dienst gestellt. Die teils doch recht betagte Technik mit modernen digitalen Bildgebungs- und Führungstechnologien zu erneuern, fiel schwer. Fünf Jahre nahm sie deshalb an keinen Einsätzen teil. Nachdem die Erneuerung dann doch geglückt war, dürfte sie jetzt allerdings noch ein gutes Weilchen durchhalten.

Während des Backen und Bankens - jeder Nicht-Marine-Angehörige würde diese motorisch und sensorisch hochkomplexe Prozedur wahrscheinlich als "Mittagessen" beschreiben - wird Kommandant Schultze trotzdem noch einmal auf die Seele eines Schiffes zurück. Dieses Mal nachdenklich und sentimental. Eine Stimmung, die sich sofort auf die anderen anwesenden Offiziere überträgt. Warum? Weil die Marine gerade mitten in einem Prozess steckt, in dem ihr ein gehöriges Stück Seele verloren gehen könnte.

Mit neuen Fregatten, Korvetten und dem Mehrzweckkampfschiff 180 will die Marine ihre Flotte modernisieren. Es geht um gesteigerte Effizienz und Flexibilität. Die Schiffe sollen länger im Einsatz bleiben können. Damit das klappt, und da geht es an die Tradition der Marine, setzt die Marineführung auf das sogenannte Mehrbesatzungskonzept. Denn der limitierende Faktor ist hier der Mensch. Längere Einsatzzeiten steigern nicht unbedingt die Attraktivität des Berufs. Künftig soll es deshalb keine festen Schiffscrews mehr geben. Mehrere Besatzungen teilen sich im Wechsel zum Beispiel eine Fregatte. Was das für die Seeleute bedeutet, beschreibt einer der Offiziere so: "Bei jedem Einsatz wird es sich anfühlen, als ob du in einen Mietwagen steigst." Gasturbinen mit süßen Kosenamen, so die Befürchtung, die gibt es dann nicht mehr.

Das mag sensibel klingen. Aber wer das so empfindet, unterschätzt offenbar, wie sehr sich manch eine Crew mit ihrem Schiff identifiziert. Für Kapitän Schultze geht es um viel mehr als Befindlichkeiten. Schultze sagt: "Leute, die den Ausfall ihrer Dieselmaschine als persönliches Versagen empfinden, und deshalb alles daransetzen, sie zu pflegen, gibt es dann vielleicht nicht mehr."

Was an Tag 3 geschah, lesen Sie hier.

Quelle: n-tv.de

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