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Erfolgreiche Gegenoffensive Wie die Ukraine ihre Städte zurückerobert

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Die ukrainische Armee startet offenbar immer mehr Gegenoffensiven.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Nach vier Wochen Krieg starten die ukrainischen Streitkräfte zunehmend Gegenoffensiven. Ihnen gelingt es offenbar, einige Orte von der russischen Besatzung zurückzuerobern. Und das, obwohl sie viel schlechter ausgerüstet und viel kleiner sind als die russische Armee.

Der russische Angriff auf die Ukraine dauert nun genau vier Wochen an. Vieles deutet darauf hin, dass der russische Präsident nicht auf einen so langen Einsatz vorbereitet war - der Widerstand der Ukraine scheint standhafter zu sein als erwartet. Allerdings konnte Russland vor allem in der Südukraine erhebliche Fortschritte erzielen. Mit Beginn des zweiten Kriegsmonats scheint sich dies jedoch zu ändern: "Wir haben Anzeichen dafür gesehen, dass die Ukrainer jetzt etwas mehr in die Offensive gehen", sagte Pentagon-Pressesprecher John Kirby.

Vor allem in den Vororten von Kiew machen die ukrainischen Streitkräfte derzeit erhebliche Fortschritte. Die Gegenoffensive weitet sich in zwei Richtungen aus. Zum einen kann die ukrainische Armee nach Angaben von US-Geheimdiensten Erfolge östlich der Hauptstadt verbuchen. Das Pentagon hat bestätigt, dass die ukrainischen Streitkräfte die russischen Truppen auf 55 Kilometer vor Kiew zurückdrängen konnten.

In westlicher Richtung häufen sich die Berichte, dass in zwei Vororten von Kiew, Bucha und Irpin, wieder ukrainische Flaggen wehen. Und das, weil Kiew offenbar Hilfe von weiteren Truppen erhalten hat: "Hier ist es den Ukrainern gelungen, von Westen her anzugreifen - nicht nur von Kiew aus", sagt dazu der Generalmajor des österreichischen Bundesheeres, Günter Hofbauer, im Interview mit ntv.de. Die russischen Truppen auf der Westseite der Hauptstadt wurden also von zwei Seiten angegriffen und zurückgedrängt.

Widerstandswille und NATO-Waffen

"Einerseits ist der Erfolg auf einen sehr hohen Grad an Widerstand und Kampfeswillen zurückzuführen", sagt Hofbauer. Aber auch die Unterstützung, die die Ukraine seit 2014 aus dem Westen erhalten hat - nicht nur mit Waffen, sondern auch mit militärischer Beratung - trägt wesentlich zu diesem Fortschritt bei. Vor allem die von Deutschland und der NATO gelieferten Flugabwehrlenkraketen beeinträchtigen die russische Luftwaffe. "Die russische Luftunterstützung erreicht nicht das Niveau, das man von den russischen Kräften erwarten würde", so Hofbauer.

Dazu scheint die Landschaft im Norden des Landes den ukrainischen Streitkräften in die Hände zu spielen. Wegen der dichten Wälder rund um die Hauptstadt müssen sich die russischen Truppen primär auf den Hauptstraßen bewegen. So sind die Truppen angreifbar und können nicht ausweichen. Die Ukraine nutzte dies zu ihrem Vorteil. "Sie haben die russischen Truppen offenbar frontal und im Rücken angegriffen und dabei offenbar teilweise auch eingekesselt", sagt Hofbauer.

Im Süden sieht die Lage anders aus

Im Süden des Landes macht die Ukraine nach Angaben amerikanischer und britischer Geheimdienste ebenfalls wieder Fortschritte - allerdings ist die Lage dort viel schwieriger als im Norden. Die Vorstöße der ukrainischen Armee sind hier viel kleiner als die um Kiew.

Zum einen können die russischen Streitkräfte und die prorussischen Separatisten sehr erfolgreich von der Krim sowie von den von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebieten Luhansk und Donezk aus vorrücken. Die ukrainischen Streitkräfte an der Front wurden von zwei Seiten angegriffen: zum einen von Westen, von der Krim her durch die russische Armee, zum anderen von Osten her durch separatistische Kräfte aus dem Donbass.

Nicht nur die Größe der russischen Streitkräfte macht die Lage im Süden für die Ukraine schwierig. Militärisch gibt es einen weiteren Nachteil: Denn anders als im Norden, wo das Terrain aus dichten Wäldern besteht, ist die Landschaft im Süden sehr offen. "Das begünstigt die Bewegung mit gepanzerten Fahrzeugen", sagt Hofbauer. Für Russland macht es die offene Landschaft viel einfacher, sich mit gepanzerten Truppen schnell zu bewegen.

Die Macht der russischen Armee

Die russische Armee ist in fast jeder Hinsicht größer und stärker als die der Ukraine. Wie aus dem Jahresbericht "The Military Balance" des International Institute for Strategic Studies (IISS) hervorgeht, verfügt Russland über 900.000 aktive Soldaten, die Ukraine dagegen nur über 196.000. Russlands Reserven belaufen sich auf 2 Millionen Menschen, während die der Ukraine mit 900.000 nur halb so groß sind. Auch die Zahl der gepanzerten Kampffahrzeuge in den russischen Streitkräften ist fünfmal so hoch wie die der ukrainischen.

Umso beeindruckender sind die aktuellen Offensiven der Ukraine. Eine Großoffensive zur Rückeroberung etwa von Mariupol sieht Hofbauer derzeit aber nicht. Das liegt daran, dass die Ukrainer zwar erheblichen Widerstand leisten, ihnen aber eine wichtige Unterstützung fehlt: die aus der Luft. In der modernen Kriegsführung sei die Luftunterstützung extrem wichtig, sagt er. "Die Bodentruppen sind ein gefundenes Fressen für feindliche Luftstreitkräfte, wenn der Luftraum nicht freigehalten werden kann", sagt Hofbauer.

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Dennoch scheinen die Fortschritte der Ukraine Russland nervös zu machen. Anfang der Woche hatte ein Kreml-Sprecher erklärt, dass Russland Atomwaffen nur im Falle einer "existenziellen Bedrohung" einsetzen würde. Genau diese Worte wurden heute vom Leiter der russischen Delegation bei den Verhandlungen mit der Ukraine erneut verwendet. Nach Angaben einer russischen Nachrichtenagentur sagte Wladimir Medinskij, dass die aktuelle Krise die Existenz Russlands bedrohe.

Diese Aussage richte sich nicht primär gegen die Ukraine, sondern viel mehr gegen den Westen, so Hofbauer. Russland spiele derzeit bewusst mit den Ängsten des Westens vor einer nuklearen Eskalation, sagte er. "Russland versucht hier eine Opfer-Täter-Umkehr zu inszenieren", so der Generalmajor. "Der Aggressor vermittelt dem Angegriffenen und seinen Unterstützern, dass sie nur aufhören müssen, sich zu wehren, das Leiden der Bevölkerung hat ein Ende und es werden keine Atomwaffen eingesetzt."

Quelle: ntv.de

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