Politik

Tariks gefährliches Versteckspiel Wie ein Gülenist in Erdogans Hochburg lebt

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Präsident Erdoğan wuchs in Kasımpaşa in Istanbul auf. In den rauen Gassen des Viertels härtete er sich für den Marsch an die Spitze des Staates ab.

(Foto: AFP)

Fethullah Gülen ist in der Türkei Staatsfeind Nummer eins. Spätestens seit er für den Putschversuch verantwortlich gemacht wird, stehen seine Anhänger auf der Abschussliste. Tarik ist einer von ihnen – und will nur noch weg.

Tariks Mund verlässt kaum ein Ton, doch seine Lippen formen deutlich drei Buchstaben: "AKP". Versteckt vor seiner Brust deutet er auf die Tee trinkenden Männer, die am Tisch hinter ihm sitzen, Männer, die mit der türkischen Regierungspartei verbandelt sind. "Nicht jetzt", flüstert Tarik.

Tarik steht in seinem Geschäft in Kasımpaşa, einem Viertel in Istanbul. Er kann jetzt auf keinen Fall darüber reden, wer er ist - ein Sympathisant von Fethullah Gülen, dem Staatsfeind Nummer eins. Der islamische Prediger, der im Exil in den USA lebt, wird von der türkischen Regierung für den gescheiterten Putsch am Wochenende verantwortlich gemacht.

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Minarett und Türkei-Flaggen - im Viertel Kasımpaşa wiegen Religion und Nationalismus besonders schwer.

(Foto: Issio Ehrich)

"Komm heute Abend wieder", sagt Tarik, der in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt und sicherheitshalber auch sein Alter nicht verrät. "Dann erzähle ich dir alles in Ruhe."

Tarik muss noch vorsichtiger sein als andere Anhänger Gülens, denn Kasımpaşa ist nicht irgendein Viertel Istanbuls. Hier kam Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan zur Welt, schlug sich in den rauen Gassen voller armer und vom Staate vernachlässigter Leute als Sesamkringel-Verkäufer durch. Hier holte er sich die Härte, die er brauchte, um es allen Widerständen zum Trotz an die Spitze des Staates zu schaffen. Kasımpaşa ist Erdoğan-Land.

Gülenisten stehen in dem Viertel für etliche Leute auf der Abschussliste. Nur ein paar Ecken von Tariks Geschäft entfernt sitzt Rüstem, ein bulliger 43-Jähriger. Rüstem sagt, angesprochen auf den Coup und die angebliche Verwicklung Gülens: "Erdoğan hat uns in der Nacht des Putsches aufgerufen, unsere Demokratie auf den Straßen und Plätzen dieses Landes zu verteidigen." Rüstems Blick ist ernst, als er hinzufügt: "Wir kämpfen bis zum Tod."

Weil es nach dem Putschversuch gewaltvolle Racheakte gegeben hat, sah sich die türkische Regierung bereits genötigt, ihre Anhänger vor Selbstjustiz zu warnen. Die Bestrafung der Putschisten sei in einem Rechtstaat der Justiz vorbehalten, hieß es.

"In Istanbul habe ich gelernt zu lügen"

Ein paar Stunden später ist Tariks Geschäft leer. Er kann anfangen, von einem Leben zu erzählen, das vor allem durch eines geprägt ist: Geheimhaltung. Seitdem die Staatsmedien vom "Gülenisten-Putsch" berichten und so tun, als wäre es längst eine Tatsache, dass der Exil-Prediger hinter dem Militär-Aufstand steckt, kommt zusehends Angst hinzu.

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Jeden Abend machen sich in Kasımpaşa und anderen Vierteln Istanbuls Tausende Anhänger des Präsidenten auf den Weg und treffen sich an den großen Plätzen.

(Foto: Issio Ehrich)

Tarik, der Sohn kurdischer Bauern, wuchs in einem Dorf in Anatolien auf. Einigermaßen unbehelligt. Ein guter Schüler war er nicht. "Ich hab lieber meiner Freundin Nachrichten geschrieben als Bücher gewälzt", sagt er und lacht. Nach dem Abschluss der Mittelschule wollte er so schnell es geht arbeiten, doch er stellte fest: Dort gab es keine Perspektive für ihn. Außer einer Fabrik, die Hungerlöhne zahlt, gab es nur darbende Landwirtschaften.

Tarik zog in die Metropole am Bosporus, als er fast noch ein Kind war. Damit fing seine Misere an. "In Istanbul habe ich gelernt zu lügen", sagt er. Zunächst nicht, weil er Gülen-Anhänger war, sondern Kurde.

Jedes Mal, wenn die PKK einen Anschlag verübte, sagte ihm jemand: "Deine Leute haben wieder Türken umgebracht." Wenn er sich für einen Job bewarb, verheimlichte er meist, dass er Kurde ist. Das erhöhte die Chancen. Sein aktueller Arbeitgeber, der eigentlich recht liberal ist, verbietet ihm, mit Kunden darüber zu reden, dass er die kurdische Partei HDP wählt. "Das ist schlecht für das Geschäft", sagt er.

"Alle werden bestraft"

Dass ihm Fethullah Gülen gefällt, konnte Tarik anfangs noch offen zugeben. Der islamische Prediger und Präsident Erdoğan waren einst Weggefährten. Beide bedienen das religiös-konservative Milieu in der Türkei.

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Die Straßen Istanbuls gehören dieser Tage den Anhängern der regierenden AKP.

(Foto: Issio Ehrich)

Gülen erreichte Tausende mit seinen Privatschulen, die es mittlerweile in 160 Ländern gibt. Viele Absolventen und Sympathisanten machten Karriere in der türkischen Gesellschaft. Türkei-Kenner glauben, dass der charismatische ehemalige Imam Erdoğan zu mächtig wurde. Der Bruch erfolgte 2013, als Gülen die Niederschlagung der Gezi-Proteste kritisierte. Erdoğan drohte, die sogenannten Hizmet-Schulen Gülens zu schließen. Als Ende desselben Jahres ein Korruptionsskandal Erdoğan und seine AKP-Regierung in Bedrängnis brachte, warf er Gülen und seinem Netzwerk vor, die Sache inszeniert zu haben. Erdoğan fing an, das Justizsystem und den Polizeiapparat von angeblichen Gülenisten zu "säubern" und spricht seither von gefährlichen "Parallel-Strukturen" im türkischen Staat. Der Konflikt eskalierte weiter: Gegen den Prediger begann im Januar ein Prozess in Abwesenheit. Im Mai wurde seine Hizmet-Bewegung als Terrororganisation eingestuft.

Tarik sagt: "Jetzt ist es der totale Horror. Ich bin mir sicher, dass alle Sympathisanten Gülens irgendwie bestraft werden, wenn sie auffliegen."

Als Gülen und Erdoğan noch Weggefährten waren, wählte auch Tarik die AKP. Nicht nur, weil Gülen damals wie ein religiöser Berater hofiert wurde. Ihm gefiel auch, dass Erdoğan den Versöhnungsprozess mit den Kurden vorantrieb. Als Erdoğan sich von Gülen abwandte, immer autoritärer auftrat und letztlich auch noch die Versöhnung mit den Kurden aufgab, wandte auch Tarik sich ab. Nicht nur von Erdoğan und seiner Partei.

Tariks religiöses Leben spielt sich nur noch im Privaten ab

Tariks Lebenswandel veränderte sich radikal. Früher war er ein eifriger Besucher von Gottesdiensten. Jetzt schaut er sich lieber Gülen-Videos an oder liest seine Texte. Mal mit Familie und den wenigen Freunden, denen er sich anvertraut hat, mal allein. Tarik sagt: "Ich gehe nicht mehr in Moscheen. In der Türkei wird der Islam nur noch für Politik missbraucht."

Erdoğan selbst ist kein übermäßig frommer Moslem. Er ist vor allem Machtpolitiker. Er hat früh das Potenzial von zig Millionen konservativen Muslimen in der türkischen Bevölkerung erkannt, die sich in der betont säkularen Republik vernachlässigt fühlten. Tarik lässt es erschauern, mit anzusehen, wie durch Erdoğans Spiel mit den Bedürfnissen konservativer Muslime die Freiheiten Andersdenkender immer weiter eingeschränkt werden. Er sagt: "Manchmal schäme ich mich dafür, Moslem zu sein. Bei allem, was im Namen des Islams passiert, müssen die Leute in Europa denken, dass wir völlig durchgeknallt sind."

Dabei ist Tarik ein ziemlich gutes Beispiel für einen modernen, aufgeklärten Moslem. "Man sieht hier immer mehr Männer mit Bärten und diesen typischen Hosen", sagt er. "Das ist doch Blödsinn. Die Leute sahen zu Zeiten des Propheten nur so aus, weil es nicht an jeder Ecke einen Barbier gab. Mit Religion hat das nichts zu tun." Tarik selbst kann man sich auch gut mit einem Bier in der Hand im Gezi-Park vorstellen – wenn er denn Bier tränke.

Mit dem Putsch hat Tarik den Glauben daran verloren, dass es für jemanden wie ihn noch eine Zukunft in der Türkei gibt. "Wenn ich gewusst hätte, wie sich das Land entwickelt, hätte ich nie Kinder in die Welt gesetzt." Tarik denkt immer häufiger an Flucht. Doch er weiß: Die Chancen auf Asyl sind eher schlecht. In Deutschland gab es von Türken zuletzt knapp 2000 Asylanträge pro Jahr. In der ersten Hälfte 2016 lag die Schutzquote bei 6,7 Prozent.

Angesichts der Reaktionen der türkischen Regierung auf den Putschversuch könnte sich das ändern. Seither hat die Staatsführung mehr als 8500 Menschen festgenommen, vor allem Soldaten, die mutmaßlich am Putsch beteiligt waren. Tausende Polizisten, Richter und Anwälte wurden suspendiert, weil ihnen eine Nähe zur Gülen-Bewegung nachgesagt wurde. Hinzu kam eine beispiellose Entlassungswelle im Bildungssystem und der Verwaltung. Der jüngste Schlag gegen Gülen-Anhänger, aber wohl auch gegen andere Oppositionelle: Die für Bildung zuständige Behörde YOK hat Akademikern Auslandsaufenthalte untersagt.

Todesstrafe für Staatsfeinde

Tarik hat sich einen erfolgreichen Putsch gewünscht. "Erdoğan ist ein Vampir, der der türkischen Zivilgesellschaft das Blut aussagt", sagt er. Tarik befürchtet, das Präsidialsystem, das Erdoğan einführen will, könnte nur ein erster Schritt sein. Er glaubt, dass darauf ein Patriarchat von Erdoğans Familie folgt - im Stile der Sultane, nur autoritärer. "Selbst im Osmanischen Reich hatten religiöse und ethnische Minderheiten ihre Freiheiten", sagt Tarik.

Obwohl er sich einen erfolgreichen Putsch gewünscht hätte, glaubt Tarik nicht, dass Gülen hinter dem Umsturzversuch steckt. "Vielleicht waren einige seiner Anhänger beteiligt, aber dafür kann man nicht die ganze Bewegung verantwortlich machen."

Wieder sind ein paar Stunden vergangen: Tarik ist beim Verfluchen Erdoğans kaum zu bremsen. "Entschuldige", sagt er dann. "Ich kann hier nicht oft mit Leuten darüber reden."

Es wird langsam dunkel in Kasımpaşa. Von der Straße dröhnt es herüber. Ein aufgemotzter BMW fährt vorbei. Der Besitzer hat eine türkische Flagge über das Dach gespannt. Wenig später knattert ein Roller. Auch dieser ist mit dem weißen Mondstern auf rotem Grund verziert. Auf einem Platz nicht weit von Tariks Geschäft sammeln sich Erdoğan-Anhänger, um zum Taksim-Platz im modernen Zentrum Istanbuls zu spazieren. Der Präsident hat sie nach dem Putschversuch dazu aufgerufen, jede Nacht die großen Plätze zu füllen. Die Botschaft ist unmissverständlich: "Die Türkei gehört uns."

Um kurz vor neun setzt sich von dem Platz eine fahnenschwenkende Kolonne in Gang. Aus Lautsprechern, die auf Begleitfahrzeuge montiert sind, dröhnt in Dauerschleife die Passage eines Liedes, dessen Text nur aus drei Worten zu bestehen scheint: "Recep Tayyip Erdoğan". Das Lied, erinnert an den Vangelis-Hit "Conquest of Paradise", ist aber ein Schlager aus vergangenen Wahlkämpfen des Präsidenten. Immer wieder sind Allahu-Akbar-Rufe zu hören, "Gott ist groß".

Die meisten Leute in der Menge wirken mitgerissen, einige fanatisch, aber harmlos. Doch es sind auch Leute wie jener Rüstem dabei, Leute die bedrohlich wirken. Und sie sind nicht der einzige Grund für Gülen-Anhänger, sich um ihr Leben zu sorgen. In der Menge sind erschreckend viele, die sich wünschen, dass in der Türkei Staatsfeinde wieder aufgehängt werden. Regierung und Präsident haben versprochen, den "Willen des Volkes" nicht zu ignorieren. Und angesichts der gewaltigen "Säuberungsaktion", die gerade läuft, ist nicht sicher, ob sie in jedem Fall penibel zwischen Putschisten und Leuten, die nur mit Gülen sympathisieren, unterscheiden.

Quelle: n-tv.de