Politik

"Hart aber fair" Wie gefährlich ist der Massentourismus?

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Traumziel Venedig: Das Kreuzfahrtschiff "MSC Preziosa" bei der Einfahrt in den Canale della Giudecca.

(Foto: picture alliance / Andrea Merola)

Die Welttourismusorganisation UNWTO rechnet im Jahr 2018 mit 1,3 Milliarden Touristen weltweit. Ein neuer Rekord, der nicht ohne Folgen bleibt: Nicht nur die Destinationen leiden unter den Besuchern, auch die Umwelt nimmt Schaden.

Die Sommerferien sind für die meisten Deutschen gerade erst zu Ende gegangen, da spielt Frank Plasberg schon den Spielverderber: Wie zerstörerisch unser Drang die Welt zu sehen ist, fragt der "Hart aber fair"-Moderator sein frisch gebräuntes Publikum vor den Fernsehschirmen und beschäftigt sich in der zweiten Folge nach der Sommerpause mit den Folgen des Massentourismus. Ins Studio geladen hat Plasberg den Journalisten Dirk Schümer, den Reiseautor Manuel Andrack, Greenpeace-Sprecherin Sweelin Heuss, den Schlagersänger Matthias Distel, den ehemaligen TUI-Vorstand Karl Born sowie Kreuzfahrtschiffstester Matthias Morr.

"Ich stelle mir meinen Wecker auf sieben, denn ab neun ist Venedig nicht mehr begehbar", echauffiert sich "Welt"-Korrespondent Schümer, der teilweise in der italienischen Stadt mit ihren unzähligen Kanälen wohnt. "Ich frage mich: Kann nicht eine Obergrenze (an Touristen, Anm. d. Red.) da gesetzt werden, wo die Städte nicht mehr bewohnbar sind?" 30 Millionen Menschen besuchen pro Jahr die Stadt, die noch nicht einmal 300.000 Einwohner hat. Auch wenn die Zahlen noch nie so hoch waren, das Phänomen ist kein neues: "An die schönsten Orte der Welt will man einfach hin", sagt Reisejournalist Andrack. "Goethe hat schon gesagt: 'Man kann nicht mehr nach Venedig fahren, da gibt es zu viele Leute.'"

Nun mag Venedig ein Extrembeispiel sein, die nackten Zahlen sprechen indes eine deutliche Sprache: Mehr als 1,3 Milliarden Touristen werden in diesem Jahr auf dem Erdball unterwegs sein, so viele wie nie zuvor. Das liegt einerseits an einer wachsenden Mittelschicht, vor allem in den asiatischen Ländern, andererseits an den ständig sinkenden Reisekosten: Wenn die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel mehr koste als der Flug selbst könne mit dem System etwas nicht stimmen, ist sich Andrack sicher.

"Man müsste das Benzin verteuern"

In dieselbe Kerbe schlägt Sweelin Heuss: Fliegen müsste endlich stärker besteuert werden, die Dumpingpreise hätten verheerende Konsequenzen für das Klima. "Da sind auch keine Umweltnachfolgekosten dabei. Man müsste das Benzin verteuern und damit die Preise ins Wanken bringen", sagt die Greenpeace-Sprecherin und rechnet vor, dass ein Flug von Hamburg nach Mallorca, der momentan für 50 Euro zu haben ist, im Grunde genommen mindestens 40 Euro mehr kosten müsste, um die Folgen für die Umwelt einzubeziehen.

Wie zerstörerisch unsere ungebremste Reiselust auch abseits von Umweltverschmutzung ist, weiß Matthias Distel, der als Schlagersänger "Ikke Hüftgold" jahrelang den Ballermann unsicher machte, sich aber mittlerweile als geläutert sieht: "Wir waren sicher einer der Profiteure des Massentourismus. Und dazu muss man auch einfach sagen, dass die Massen das Verhalten der Menschen beeinflussen. Auch die Infrastruktur auf der Insel hält das nicht mehr aus."

Karl Born widerspricht: "Auf Mallorca gibt es kilometerweite Strände, wo kaum jemand ist. Man muss sich halt nur dahinbewegen", sagt der Ex-TUI-Vorstand, der mittlerweile als Professor für Tourismusmanagement an der Hochschule Harz lehrt. Und überhaupt, an überlaufenen Städten und Regionen seien die Gastgeber schon selbst schuld: "Man könnte es steuern, wie zum Beispiel auf den Galapagos-Inseln: Da müssen Sie teilweise bis zu zwei Jahre auf ein Visum warten."

Kreuzfahrten und Kreuzzüge

Kaum steuern lässt sich dafür der Kreuzfahrt-Boom, der für alle Anwesenden in puncto Umweltverschmutzung und Ignoranz der Teilnehmer eines der Hauptübel des modernen Massentourismus ist. Einzig Matthias Morr vertritt eine Gegenmeinung, was allerdings auch kein Wunder ist: Der Mann verdient sein Geld als Kreuzfahrtschiffstester und wird dafür von den Reedereien selbst eingeladen.

"Als Kreuzfahrer hat man natürlich nicht die Gelegenheit, Land und Leute kennenzulernen", gibt Morr unumwunden zu und weicht bei der Frage nach einer Umweltwertung bei seinen Tests aus: "Ich gucke mir die Punkte an, von denen ich weiß, dass sie die Urlauber interessieren. Ich kann mir vorstellen, dass Nachhaltigkeit in der Zukunft ein entscheidender Punkt sein wird." Nur eben jetzt noch nicht, so der Nettotext - unbequeme Wahrheiten haben auf einer Traumreise wahrscheinlich einfach nichts verloren.

Dafür gibt Journalist Schümer den Zuschauern am Ende der Sendung noch einen kleinen Denkanstoß mit: "Meiner Meinung nach sind Kreuzfahrten und Kreuzzüge sprachlich ganz nah beieinander, das ist auch kein Zufall. In kleinen Städten wie Valetta oder Dubrovnik muss das doch wie eine Eroberung aussehen, wenn da 5000 Menschen auf einmal einfallen." Und das braucht ja nun wirklich kein Mensch.

Quelle: ntv.de