Politik
Amri vermutlich in Berlin.
Amri vermutlich in Berlin.(Foto: AP)
Samstag, 24. Dezember 2016

Flucht quer durch Europa: Wie kam Anis Amri bis nach Italien?

Von Solveig Bach

Nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt mit zwölf Toten und vielen Verletzten wird europaweit nach dem Attentäter gefahndet. Trotzdem kann Anis Amri Tausend Kilometer und über zwei Ländergrenzen hinweg bis nach Italien fliehen. Wie war das möglich?

Eine der wichtigsten Fragen, die die Ermittler nach dem Tod des Berliner Attentäters Anis Amri klären müssen, ist, wie er unbehelligt bis nach Mailand reisen konnte. Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, sprach davon, dass der "Verlauf der Flucht" Amris ein Schwerpunkt der Ermittlungen sei.

Fest steht, dass die Berliner Polizei zunächst einen anderen Tatverdächtigen vermutete. Der Pakistaner war in der Nähe des Tatortes am Breitscheidplatz festgenommen worden. Erst in den Befragungen bei der Polizei stellte sich heraus, der Mann ist unschuldig. Auf die Spur von Anis Amri kamen die Ermittler erst, als sie im Führerhaus des für die Tat verwendeten Lastwagens auf seine Duldungspapiere stießen. Daraufhin wurde zunächst nicht öffentlich nach ihm gefahndet.

Vermutet wurde er zu diesem Zeitpunkt in Nordrhein-Westfalen, eine Asylunterkunft in Emmerich war die letzte bekannte Adresse des gesuchten Tunesiers. Später stellte sich heraus, dass Amri sich seit Februar 2016 überwiegend in Berlin aufhielt. Erst am späten Mittwochnachmittag wurde Amri mit einem Foto öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben. Auf seine Ergreifung war eine Belohnung von 100.000 Euro ausgesetzt.

Dem Berliner "Tagesspiegel" zufolge gingen die Behörden zu diesem Zeitpunkt noch davon aus, dass Amri bei dem Anschlag selbst sichtbare Gesichtsverletzungen erlitten hatte. Da er zudem über keine gültige Papiere verfügte, dies hatte auch seine Abschiebung verhindert, wurde der Attentäter immer noch in Berlin oder dem Umland der Hauptstadt vermutet.

Fahrt mit dem Fernbus?

Der britische "Guardian" mutmaßt jedoch, Amri könnte bereits am Dienstag um 11.45 Uhr vom Berliner Hauptbahnhof aus mit einem Fernbus ins französische Annecy gefahren sein. Dort wäre er am Mittwochmorgen um 8.10 Uhr angekommen. Für eine grenzüberschreitende Busfahrt hätte der 24-Jährige zwar einen gültigen Reisepass benötigt. Die Busfahrer seien aber nicht unbedingt in der Lage, eine Fälschung zu erkennen, so das Blatt. Das Busunternehmen lehnte eine Stellungnahme ab. Von Annecy aus könnte Amri seinen Weg nach Chambéry fortgesetzt haben, die Orte liegen lediglich 50 Kilometer voneinander entfernt.

Französischen Medieninformationen zufolge gelangte Amri über Lyon zunächst nach Chambéry. Der Terrorverdächtige habe am vergangenen Donnerstag in Lyon das Bahnticket für Italien gekauft, berichtete die Wochenzeitung "Journal de Dimanche" mit Verweis auf eine hochrangige Quelle im Pariser Innenministerium. Nach Angaben aus französischen Ermittlerkreisen wurde in einer Tasche von Amri ein Zugticket Chambéry-Mailand via Turin gefunden. Derzeit würden Videoaufnahmen vom Bahnhof in Chambéry zusammengetragen. Der Mailänder Polizeichef Antonio De Iesu legte sich bereits fest, dass Amri über Frankreich nach Mailand reiste.

Der französische Innenminister Bruno Le Roux wies am Freitagabend in Paris auf laufende Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hin. "Ich rufe zur größten Vorsicht auf im Hinblick auf Informationen, die zur Zeit zirkulieren", sagte der Minister. "Nur die Ermittlungen werden es erlauben, die Fakten präzise festzustellen." Er stehe mit seinen Amtskollegen in Deutschland und Italien in Kontakt.

"Mit Sicherheit wissen wir, dass er nachts um ein Uhr am Mailänder Hauptbahnhof gewesen ist. Wir haben Bildmaterial dazu", sagte De Iesu der "Welt". Die Bilder würden jedoch nicht veröffentlicht, weil sie weiteren Fahndungszwecken dienten. Unklar sei noch, wie Amri dann nach Sesto San Giovanni weitergefahren sei.

"Molenbeek Italiens"

Möglicherweise suchte Amri hier bei früheren Bekannten Unterschlupf, vielleicht erhoffte er sich weitere Fluchthilfe, falsche Papiere und Geld. Die Industriekleinstadt Sesto San Giovanni ist bekannt als Islamistenhochburg. Die Tageszeitung "Il Giornale" nannte den Ort am Freitag das "Molenbeek Italiens" und spielte damit auf den Brüsseler Vorort an, aus dem viele der Pariser Attentäter stammten.

Amri hatte seit 2011 mehrere Jahre in Italien gelebt, sprach fließend Italienisch. Allerdings hatten die italienischen Behörden auch seine Fingerabdrücke gespeichert, weil er wegen Brandstiftung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Möglicherweise wollte Amri also noch weiterreisen.

Quelle: n-tv.de