Politik

"Hart aber fair" Wie rassistisch sind die Deutschen?

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Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über Rassismus.

In der ersten Sendung nach der Sommerpause greift Frank Plasberg ein Thema auf, das alles andere als neu, dafür umso drängender ist: Rassismus. In der "Hart aber fair"-Diskussion wird Özil als "Mitläufer einer faschistischen Regierung" gebrandmarkt.

Mehr als einen Monat ist es her, dass Mesut Özil mit einem spektakulären Rundschlag aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zurücktrat und die Debatte um Fremdenfeindlichkeit und offene Integrationsfragen neu entfachte. Alt ist das Thema deshalb aber noch lange nicht, die drängenden Fragen bleiben weiter unbeantwortet. Grund genug, für Frank Plasberg in der ersten Sendung "Hart aber fair" nach der Sommerpause zu fragen: "Özil und die Folgen: Steckt in jedem von uns ein kleiner Rassist?"

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Das Foto Özils mit dem türkischen Präsidenten Erdogan brachte die Rassismus-Debatte ursprünglich ins Rollen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zu Gast im Studio sind der Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, die Bloggerin Tuba Sarica, der Journalist Carim Soliman, der Essener SPD-Ratsherr Karlheinz Endruschat, die Moderatorin Shary Reeves sowie der Angstforscher Borwin Bandelow, der gegen Ende der Sendung im Einzelgespräch einen wissenschaftlichen Zugang zum Thema Rassismus liefern soll.

Zunächst aber diskutieren die fünf Erstgenannten über ein Thema, das sich nur sehr schwer auf rationale Art und Weise angehen lässt - zu heimtückisch sind häufig die sprachlichen und emotionalen Stolperfallen auf beiden Seiten. Einer, der den Spagat sehr gut hinbekommt, ist Mehmet Daimagüler: "Mein Leben in Deutschland ist kein Leidensweg, aber trotzdem schmerzen die Momente, in denen ich Rassismus zu spüren bekomme. Und ich frage mich dann, wie es Menschen ergeht, die eine dunklere Hautfarbe haben als ich oder die Sprache nicht so gut sprechen", sagt der Mann, der unter anderem im NSU-Prozess als Nebenkläger-Anwalt fungierte.

"Mitläufer einer faschistischen Regierung"

Daimagüler versteht es ausgezeichnet, die teilweise diametral entgegengesetzten Lebenswirklichkeiten der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in Relation zu setzen: "Solange wir funktionieren und nicht aufmucken ist alles in Ordnung, aber sobald das nicht mehr der Fall ist, wird man sehr schnell verbal ausgebürgert", fühlt der Anwalt mit Özil mit. Aber: "Es ist doch gar keine Frage, dass es auch unter den Türken Arschgeigen gibt." Für Daimagüler ist ein offener Dialog deshalb essentiell: "Ich verdanke alles in meinem Leben meiner Familie und diesem Land. Ich hänge an diesem Land und deswegen müssen wir schwierige Themen wie Rassismus thematisieren."

Deutlich weniger Qualität haben die Aussagen von Tuba Sarica und Carim Soliman, obwohl die beiden komplett unterschiedliche Richtungen vertreten. Während die Deutsch-Türkin Sarica wenig bis keinen Rassismus in Deutschland sieht, dafür aber Özil als "Mitläufer einer faschistischen Regierung" brandmarkt und dafür zu Recht von Plasberg und dem Rest der Runde gemaßregelt wird, verhält es sich bei Soliman genau andersherum: Der Journalist mit ägyptischen Wurzeln vermutet systematischen Rassismus im deutschen Staatsapparat, ohne seine Behauptung mit Beweisen unterfüttern zu können. Sowohl Sarica als auch Soliman werfen mit Worthülsen um sich und demaskieren sich im Sekundentakt selbst - ob die "Hart aber fair"-Redaktion die beiden eingeladen hat um zu zeigen, wie einfach und gefährlich es ist, beim Thema Rassismus zu eindimensional zu argumentieren?

Der einzige "Biodeutsche", wie Moderator Plasberg es formuliert, ist ein Ruhrpottler aus dem Buche, der kein Blatt vor den Mund nimmt - und am eigenen Leib erfahren musste, wie schnell man sich in der aufgeheizten Debatte mit zu offenen Worten die Finger verbrennen kann: "Ich bin in meinem Stadtteil zum Rassist geworden", sagt Karlheinz Endruschat. "Nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil ich dazu gemacht worden bin. In der Schule haben wir in meinem Stadtteil die schlechtesten Durchgangsquoten von der Grundschule zum Gymnasium, gerade einmal 30 Prozent. Und eine Studie hat herausgefunden, dass in Essen das Glück eines Kindes von der Postleitzahl definiert wird. Das habe ich aufgeschrieben, und am nächsten Morgen war ein neuer Rassist geboren." In der Debatte wird schnell klar, dass Endruschat mit Rassismus nicht allzu viel am Hut hat - und wie schwierig es ist, Missstände welcher Art auch immer anzusprechen, ohne gleich eins mit der Rassismuskeule übergezogen zu bekommen.

"Kleine böse Stimme im Kopf"

Dass gleichzeitig Menschen mit Migrationshintergrund auf täglicher Basis mit Alltagsrassismus konfrontiert werden, davon kann Shary Reeves ein Lied singen: "Das ist ein emotionaler Schmerz, der enorm wehtut. Jemand, der das noch nie erlebt hat, kann das gar nicht nachvollziehen", sagt die Moderatorin. Deshalb habe ich schon als Kind versucht, keine Unterschiede zwischen dick und dünn und so weiter zu machen. Aber auch ich habe natürlich eine kleine böse Stimme im Kopf."

So wie wir alle, ist Borwin Bandelow überzeugt: "Wir haben ein Stammesgehirn. Für den eigenen Stamm ist man durch dick und dünn gegangen, alle anderen hat man ans Messer geliefert", erklärt der Angstforscher die Entstehung von Rassismus. Dabei sollte es unser Vernunftgehirn eigentlich besser wissen, doch "das Vernunftgehirn arbeitet nicht notwendigerweise mit unserem Angstgehirn zusammen. Immer, wenn dieses primitive Xenophobiegehirn gewinnt, wird es irrational". Bandelow vergleicht die Angst vor Fremden mit Arachnophobie: "Obwohl man in Deutschland keine schlechten Erfahrungen mit Spinnen machen kann, haben die meisten Deutschen Angst vor Spinnen. Das steckt tief in unserer Evolution."

Der Angstforscher erläutert weiter: "Jeder hat einen kleinen Rassisten in sich. Wenn ich heute erfahre, dass bei libanesischen Clans die AMG-Flotte abtransportiert wird, freue ich mich insgeheim." Bandelow erntet dafür nicht nur herzhafte Lacher aus dem Publikum, sondern beantwortet die Eingangsfrage der Sendung quasi auch mit einem Satz. Und hat sogar eine Lösung parat: "Ich fahre sehr häufig in fremde Länder. Dort verliert man dann die Angst vor Fremden, das nennt man Konfrontationstherapie. Das funktioniert bei Spinnen genau wie bei Xenophobie."

Quelle: n-tv.de

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