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Niedrigste Einkommen im Westen Wo Deutschland reicher und wo es ärmer wird

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Wohnhäuser in Gelsenkirchen und Starnberg.

(Foto: Imago)

Reicher als Luxemburg, ärmer als Korsika: Wie stark die Einkommenssituation in Deutschland auseinanderdriftet, skizziert eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Gravierend ist die Lage nicht nur in den neuen Bundesländern.

Seit fast 70 Jahren definiert das Grundgesetz das Ziel, "einheitliche" oder "gleichwertige" Lebensverhältnisse in Deutschland herzustellen. Wie schwer jedoch dieses Ziel einzulösen ist, zeigt eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung, die die Einkommenssituation in allen 401 deutschen Landkreisen untersucht hat. Die Unterschiede sind demnach gravierend: Im bundesweit reichsten Kreis Starnberg bei München liegt das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen demnach mehr als doppelt so hoch wie in Gelsenkirchen, der einkommensschwächsten Stadt der Republik.

"Die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse bleibt eine dauerhafte Aufgabe, das zeigt die Studie", sagt der Autor der Untersuchung, Eric Seils, n-tv.de. Er warnt jedoch davor, "angesichts der großen Herausforderungen" das politische System infrage zu stellen. Er begreift die Ergebnisse als Arbeitsauftrag an die Politik.

Angesichts der besonders niedrigen Einkommen im Westen gebe "es Befürchtungen, dass manche Regionen den Anschluss verlieren", so Seils. Die Entwicklung der Situation weise Parallelen zur Lage ostdeutscher Regionen nach der Wende auf. Besonders niedrige Einkommen gibt es der Studie zufolge aber nicht nur im Ruhrgebiet. Auch Teile des Saarlands und Niedersachsens liegen deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Seils betont, dass die prekäre Lage in vielen Gegenden im Westen jedoch auch "Effekte" auf die Menschen in den neuen Bundesländern haben könne. Es werde sichtbar, dass nicht nur Regionen im Osten zurückfallen. "Das kann inzwischen auch im Westen passieren."

Dennoch ist die Einkommenssituation vor allem in Kreisen und kreisfreien Städten in Ostdeutschland angespannt. Knapp 30 Jahre nach der Wende liegen sie weiterhin deutlich zurück: In nur 6 von 77 Ost-Kreisen und kreisfreien Städten überschreitet das Einkommen pro Kopf die Marke von 20.000 Euro, während im Westen 284 von 324 Kreisen und Städten darüber liegen.

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Für die Studie haben Forscher der Hans-Böckler-Stiftung die neuesten verfügbaren Einkommensdaten der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder ausgewertet. Im deutschen Durchschnitt, zu dem vorläufige Daten für das Jahr 2018 vorliegen, beträgt das verfügbare Einkommen pro Person 23.295 Euro. Die neuesten Regionaldaten für Städte und Gemeinden reichen bis 2016.

Als verfügbares Einkommen eines privaten Haushaltes wird das Einkommen nach Steuern, Sozialabgaben und Sozialtransfers, das für den Konsum verwendet oder gespart werden kann, bezeichnet.

Nach Abzug der Inflation sind die Einkommen zwischen dem Jahr 2000 und 2018 im Durchschnitt um 12,3 Prozent gewachsen. In Ostdeutschland war der Zuwachs von durchschnittlich 13,9 Prozent zwischen 2000 und 2016 höher als im Westen - allerdings bei deutlich niedrigerem Ausgangsniveau. Die alten und neuen Bundesländer nähern sich also nur langsam an. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen lag im Osten zur Jahrtausendwende der Studie zufolge noch bei 81,5 Prozent des Westniveaus, 2016 knapp waren es knapp 85 Prozent.

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 Den bundesweit stärksten Anstieg stellten die Forscher in Heilbronn fest, wo das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen seit der Jahrtausendwende real um 43 Prozent gewachsen ist. Studienautor Seils führt das darauf zurück, dass die Untersuchung alle Einkommen berücksichtigt, auch die "mehrerer Milliardäre, die in Heilbronn leben". Unter anderem sei Lidl-Eigentümer Dieter Schwarz, einer der reichsten Deutschen, in der Stadt gemeldet. Im vergleichsweise kleinen Heilbronn habe ein solcher Ausreißer in der Statistik starke Auswirkungen auf die Gesamtzahlen. Seils vermutet, dass der relativ starke Anstieg der Einkommen in den Kreisen an der Ostseeküste auch darauf zurückzuführen seien, dass sich in den vergangenen Jahren dort viele Millionäre niedergelassen hätten.

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Mit 32.366 Euro im Jahr liegt die württembergische Stadt bundesweit an zweiter Stelle der Rangliste. Zusammen mit dem Kreis Starnberg und dem Hochtaunuskreis (31.612 Euro) zählt Heilbronn der Studie zufolge zu den drei deutschen Gebietskörperschaften, in denen das durchschnittliche verfügbare Pro-Kopf-Einkommen höher ist als im reichsten EU-Land Luxemburg (30.600 Euro). In den Regionen mit dem niedrigsten Durchschnitt - neben Gelsenkirchen etwa die Stadt Duisburg (16.881 Euro), Halle an der Saale (17.218 Euro), der Landkreis Vorpommern-Greifswald (17.303 Euro) sowie Frankfurt an der Oder (17.381 Euro) - ist das Einkommensniveau hingegen vergleichbar mit dem landesweiten Durchschnitt in Italien oder den Einkommen auf Korsika.

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Die Spreizung der Einkommen in den 15 größten deutschen Städten, das offenbart die Untersuchung, ist sehr groß: Während München, Stuttgart, Düsseldorf und Hamburg bundesweit zum Fünftel mit den höchsten durchschnittlichen Haushaltseinkommen zählen, gehören Leipzig oder Duisburg zu den 20 Prozent mit den im Durchschnitt "ärmsten" Einwohnern. Zudem fielen die realen Einkommenszuwächse in allen 15 Städten seit 2000 unterdurchschnittlich aus. In Essen und Nürnberg gingen die Pro-Kopf-Einkommen preisbereinigt sogar spürbar zurück. Hinzu kommt: Da Wohnkosten ebenfalls aus dem verfügbaren Einkommen bezahlt werden, dürften steigende Mieten insbesondere in den wachsenden Metropolen die finanziellen Möglichkeiten vieler Bewohner beschränken.

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Quelle: n-tv.de

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