Politik

Zwischen Hipstern und Familien Wo die Clans zu Hause sind

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Ort der Razzia in Berlin-Neukölln. Tür an Tür mit gutsituierten Zugezogenen, Hipstern und jungen Familien wohnt ein Teil des berüchtigsten arabischen Clans der Hauptstadt.

(Foto: dpa)

Rund 20 arabische Großfamilien sollen in Berlin kriminell aktiv sein - ein so drängendes wie schwer zu bändigendes Problem für die Polizei. Im Morgengrauen geht es in Neukölln zur Sache. Dort lebt ein berüchtigter Clan mitten im Szenekiez.

Im März 2010 treten Mitglieder arabischer Mafiaclans in Berlin wieder einmal so in Erscheinung, dass nicht nur in der Lokalpresse über sie berichtet wird. Die Täter gelangen über einen Seiteneingang in ein Luxushotel, rufen wie im Film "Das ist ein Überfall", und nehmen 200.000 Euro mit. Sie werden kurze Zeit später geschnappt und verurteilt. Die fünf Tatverdächtigen stammen aus dem Kreuzberger Graefekiez, der liegt vis-à-vis von Nordneukölln und wenige hundert Meter vom Kottbusser Tor entfernt.

Oft fallen im Zusammenhang mit kriminellen Großfamilien Wörter wie Ghetto und Parallelgesellschaft. Aber in dieser Gegend kommt alles zusammen: Gentrifizierung, Zuzug und steigende Mieten, organisierte Kriminalität, Drogenhandel und Diebstahl sowie ein Rest "altes" Berlin mit Eckkneipen, miefigen Friseursalons und alteingesessenen Bewohnern. Genau hier, wo Kreuzberg und Neukölln ineinander verhakelt sind, hat am frühen Morgen auch ein Sondereinsatzkommando der Berliner Polizei eine Razzia bei einer arabischen Großfamilie durchgeführt.

So wenig wie die Anwesenheit solcher Großfamilien im Jahr 2010 etwas Neues war, so wenig hat sich bis heute daran geändert. Der Polizei ist das Problem bekannt, sie sagt, sie kenne die Strukturen, die Zahl solcher meist libanesischstämmiger Großfamilien in der Hauptstadt soll bei 15 bis 20 liegen, etwa die Hälfte gilt als kriminell. Einige dieser Clans wanderten ursprünglich bereits vor rund 40 Jahren ein. Sie wohnen im Norden Neuköllns, im angrenzenden Teil Kreuzbergs, aber auch in den Stadtteilen Schöneberg und Wedding.

Buschkowsky: Clans bilden Netzwerke

Der ehemalige Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, sagte bei n-tv: "In Berlin gibt es etwa 20 solcher Familien, in Neukölln haben wir 7. Aber dass die nun gleich ganz Berlin aushebeln … Aber natürlich - sie haben ihre eigenen Netzwerke gegründet." Für die Polizei ist es laut Buschkowsky besonders schwierig, hier zu ermitteln. "Die Polizei hat ein Problem, in diese Sphären einzudringen, denn es gibt zu jedem Einzelnen familiäre Bezüge. Das heißt, Sie können da keinen Fremden einschleusen. Zeugen werden ganz schnell mundtot gemacht, mit Gewalt, mit Bedrohungen. Wenn heute acht Leute verhaftet worden sind, heißt das noch lange nicht, dass es auch zu acht Verurteilungen kommt. Denn Geld spielt da überhaupt gar keine Rolle und diese Familien beschäftigen für gewöhnlich die besten Anwaltskanzleien der Stadt."

Wie die "Welt" berichtet, richtete sich die Razzia im aktuellen Fall gegen einen Clan mit dem Familiennamen Al-Zain im Norden Neuköllns. Wie Polizeisprecher Stefan Redlich n-tv.de bestätigte, ermittelte das Landeskriminalamt seit Längerem gegen Mitglieder der Familie. Die Haftbefehle wurden laut "Welt" nur aufgrund umfangreicher Zeugenaussagen möglich, was in dem kriminellen Milieu der arabischen Clans äußerst selten sei.

Am Dienstagmorgen um 4.30 Uhr schlug ein Sondereinsatzkommando der Polizei zu: Fast ein Dutzend Mannschaftswagen rückten in eine ruhige Wohnstraße vor und durchsuchten Wohnungen. Insgesamt wurden sechs Männer festgenommen, Schmuck, Waffen und ein Porsche beschlagnahmt. Kriminelle Familienmitglieder sollen unter anderem zu einem Auftragsmord angestiftet sowie teure Uhren und Schmuck im Luxuskaufhaus KaDeWe gestohlen haben - im Wert von 817.000 Euro. Der beschlagnahmte Porsche diene der Vermögensabschöpfung, sagte ein Sprecher dem "Tagesspiegel", um einen Teil dieses Schadens nach einer möglichen Verurteilung auszugleichen.

Kriminelle wohnen in ruhiger Seitenstraße

"Großfamilie" ist im Berliner Amtsdeutsch allerdings kein Begriff mit fester Definition. Auf Nachfrage windet sich die Pressestelle, warum dann trotzdem von "15 bis 20" solcher Familien die Rede ist. Es seien eben große Familien mit weit verzweigten Verwandtschaftsverhältnissen. Manche hätten vielleicht 50, andere 500 Mitglieder, so Sprecher Redlich. Und natürlich seien nur einzelne Personen darunter kriminell und im Fokus der Ermittler. Trotzdem ist es ein offenes Geheimnis, dass die namentlich bekannten Clans für einen großen Teil der organisierten Kriminalität in Berlin verantwortlich sind. Dazu gehören Schutzgelderpressung, Zuhälterei und teils spektakuläre Überfälle. Vor Kurzem wurde bekannt, dass diese Gruppen gezielt Flüchtlinge anwerben.

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Das Kottbusser Tor ist binnen Monaten zu einem Kriminalitäts-Hotspot geworden. Gemütlich war es hier allerdings noch nie.

(Foto: dpa)

Die Gegend, in Berlin "Kreuzkölln" genannt, steht seit einiger Zeit wieder im Fokus überregionaler Berichterstattung. Nur etwa 700 Meter Luftlinie entfernt liegt das berüchtigte Kottbusser Tor. Es steht für das Abdriften eines hippen Kiezes in Kriminalität und Drogensumpf, was aber vor allem deshalb auffällt und stört, weil dieser so beliebt ist bei ausländischen und deutschen Studenten, Partygängern, Touristen, meist jüngeren Zugezogenen aus ganz Deutschland und gutbetuchten Besitzern von Eigentumswohnungen am Landwehrkanal, die sich vor einigen Jahren wohl eine andere Entwicklung in ihrer Nachbarschaft erhofft hatten. Heimelig war es am "Kotti" allerdings noch nie.

Die Kottbusser Straße, einen Abschnitt später heißt sie dann Kottbusser Damm, die am gleichnamigen Tor ihren Anfang nimmt, führt direkt hinein in den Teil Neuköllns, der gleichermaßen Heimat alteingesessener Einwandererfamilien und zugezogener Hipster sowie junger Familien ist. In der dort gelegenen Schinkestraße, wo die Razzia am Morgen stattfand, mischen sich diese Milieus besonders stark: Der durchsuchte Sozialbau aus den 1990er-Jahren wird von türkischen und arabischen Familien bewohnt, gegenüber stehen bereits sanierte Altbauten, die bei meist deutschen, jungen Gutverdienern begehrt sind.

Wohin steuert "Kreuzkölln"?

Die nebenan gelegene U-Bahn-Station Schönleinstraße wurde kürzlich vom "Berliner Abendblatt" als "Gruselstation" titutliert. Dort werden schon frühmorgens und ganz offen harte Drogen verkauft, auf den Bänken nächtigen Obdachlose und Drogenabhängige. Letztere nutzen gerne auch mal den tagsüber von Gentrifizierern - und mutmaßlich wohl auch Kindern der Großfamilie - bevölkerten Spielplatz, um sich einen Schuss zu setzen.

Das angrenzende Maybachufer zieht vor allem an Markttagen Menschen aus der ganzen Stadt an. Hier gibt es alles von veganen Crepes und Demeter-Gemüse aus Brandenburg bis zu den klassischen türkischen Gemüsehändlern, bei denen es nachmittags die Ware nur noch zwei- bis drei-kiloweise zu kaufen gibt, und das für ein oder zwei Euro.

Die vermeintlich kleineren Probleme wie die U-Bahn-Dealer geht die Polizei schon gar nicht mehr an, weil sie sie meist nicht festnehmen kann und weil die Gruselstation ab 2017 ohnehin saniert werden soll. In dieser Gemengelage gedeiht neue neben alter Kriminalität. In welche Richtung "Kreuzkölln" letztendlich kippt, hängt davon ab, ob die Polizei all diese großen und kleinen Probleme demnächst in den Griff bekommt. Polizeisprecher Redlich sagte, natürlich gebe es ein Konzept. Aber die Probleme hingen eben nicht miteinander zusammen.

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Quelle: n-tv.de

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