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M100 Media Award verliehen Yücel nutzt Dankesrede für Erdogan-Kritik

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Deniz Yücel kann sich über den M100 Media Award freuen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für seine "mutige und unbestechliche Arbeit" zeichnet eine Jury den Journalisten Deniz Yücel mit dem M100 Media Award aus. Der Preisträger rechnet in seiner Dankesrede mit dem türkischen Präsidenten Erdogan ab - und macht der Bundesregierung Vorwürfe.

Beim Empfang eines Medienpreises hat der "Welt"-Journalist Deniz Yücel den bevorstehenden Deutschland-Besuch des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan kritisiert und der Bundesregierung "Verrat" vorgeworfen. Es scheine, "als würde sich die Bundesregierung anschicken, ein weiteres Mal all jene Menschen in der Türkei zu verraten, die sich nach einer freiheitlichen, demokratischen und säkularen Gesellschaft sehnen", sagte Yücel anlässlich der Verleihung des Medienpreises M100 Media Award in Potsdam.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier werde einen "Verbrecher zum Staatsbankett empfangen", der sich "des Menschenraubs schuldig gemacht habe". Yücel, der für die "Welt" als Türkei-Korrespondent gearbeitet hatte, war bis zu seiner Freilassung im Februar ein Jahr lang in Istanbul inhaftiert. Nach seiner Entlassung reiste er aus. Sein Prozess wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda und Volksverhetzung geht jedoch weiter. Die Bundesregierung sieht die Vorwürfe gegen die 44-Jährigen als politisch motiviert an.

Mit dem M100 Media Award wollte die Jury die "mutige und unbestechliche Arbeit" Yücels würdigen, wie sie vorab mitgeteilt hatte. Der Journalist sagte bei seiner Dankesrede, als mutig sehe er sich nicht unbedingt. Es sei eher ein "Akt von Selbstbestimmung" gewesen, sich Erdogans Regierung nicht zu beugen. "Wenn sie mich zum Schweigen bringen wollten, durfte ich nicht schweigen. Wenn sie mich fertigmachen wollten, durfte ihnen das nicht gelingen", sagte er. Es sei darum gegangen, "so viel Autonomie wie möglich zu wahren". Seit seiner Freilassung war Yücel kaum öffentlich aufgetreten. Das soll sich auch jetzt vorerst nicht ändern, sagte er. "Helden brauchen vielleicht keine Pause, ich schon."

Erdogan wird am 28. und 29. September zu seinem ersten Staatsbesuch in Berlin erwartet. Dazu gehören ein Empfang mit militärischen Ehren, ein Staatsbankett beim Bundespräsidenten und Gespräche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Idee, Erdogan im Rahmen eines groß angelegten Staatsbesuchs anstatt im Rahmen eines reinen Arbeitsbesuchs zu empfangen, wurde von vielen Seiten kritisiert.

Yücel kritisiert Umgang mit Özil

Yücel, der seine Untersuchungshaft als "Geiselnahme" bezeichnete, räumte ein, dass es eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei geben müsse, diese müsse aber an Bedingungen geknüpft werden. In der Türkei müsse die "gängige Praxis, erst verhaften, dann Beweise suchen und schließlich schmoren lassen", aufhören. Die Bundesregierung brauche eine härtere Gangart in den Türkei-Beziehungen. "Mit Gangstern muss man die Sprache sprechen, die sie auch sprechen", sagte er.

Yücel kritisierte auch den Umgang mit dem deutschen Fußball-Profi Mesut Özil und warf denjenigen, die Özils Rausschmiss aus der Nationalmannschaft gefordert hatten, Rassismus vor. In der Türkei sind nach wie vor mehrere deutsche Staatsbürger aus "politischen Gründen" inhaftiert. Außerdem sitzen zahlreiche türkische Journalisten und Oppositionelle im Gefängnis.

An der Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium, zu deren Abschluss der Preis verliehen wurde, nahmen rund 60 Chefredakteure, Historiker und Politiker aus Europa und den USA teil. Sie diskutierten zum Thema "Home Alone? Europe in the Post-American Age" (Allein zu Hause? Europa im Post-Amerikanischen-Zeitalter). Im Mittelpunkt stand dabei der Zustand des transatlantischen Verhältnisses. Bisherige Preisträger waren unter anderem der Rockmusiker Bob Geldof, der Boxer Vitali Klitschko, der dänische Karikaturist Kurt Westergaard und das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo".

Quelle: n-tv.de, fzö/dpa/AFP

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