Politik

Experten zählen Regierung an Zahl der Notfall-Patienten in Frankreich steigt

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Ab einer 60-prozentigen Belegung der Intensivbetten ist die kritische Marke erreicht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im Sommer verspricht die französische Regierung den Krankenhäusern im Kampf gegen das Coronavirus zusätzliche Ausstattung. Das wurde bisher nicht eingelöst, kritisieren Gesundheitsvertreter. Die kritische Grenze ist bald erreicht: Allein in der vergangenen Woche kommen nun fast 850 Notfall-Patienten hinzu.

Zu wenige Intensivbetten und zu wenig Personal: Frankreichs Krankenhäuser sind für eine zweite Corona-Welle schlecht gewappnet, meinen Gesundheitsvertreter und Gewerkschaften. Sie werfen der Regierung von Präsident Emmanuel Macron vor, ihre Versprechen nicht eingelöst zu haben.

Wie sieht die Lage in den Kliniken aus?

Offiziell zählt Frankreich etwa 5000 Betten auf seinen Intensivstationen. Davon waren zuletzt gut 1200 mit Corona-Patienten belegt. Das sind zwar noch deutlich weniger als die bis zu 7000 lebensgefährlich Erkrankten auf dem Höhepunkt der ersten Welle Anfang April, Sorge bereitet aber die hohe Zahl von Neueinweisungen. In der vergangenen Woche kamen laut Gesundheitsbehörde fast 850 Notfall-Patienten dazu.

Was hatte die Regierung versprochen?

Nach Krisensitzungen mit den Krankenhäusern hatte Paris im Sommer 4000 zusätzliche Betten zugesagt, diese stehen aber bisher nicht zur Verfügung. Mehrere Gewerkschaften haben deshalb für den 15. Oktober zu neuen Streiks in den öffentlichen Kliniken aufgerufen, dabei geht es auch um höhere Löhne.

Wie weit ist die Macron-Regierung für den Notstand verantwortlich?

Sie hatte den Spardruck zuletzt erhöht. Alleine 2019 wurden zur Senkung des Milliardendefizits der öffentlichen Krankenhäuser 3400 Betten in Frankreich eingespart. Die Vorgängerregierungen sind jedoch ebenfalls verantwortlich: In den vergangenen 20 Jahren wurden insgesamt 100.000 Betten gestrichen.

Wie will die Regierung nun gegensteuern?

Gesundheitsminister Olivier Véran hat für den Notfall die Versorgung von bis zu 29.000 Corona-Kranken in Aussicht gestellt. Dafür stünden genügend Beatmungsgeräte und Medikamente bereit, versprach er. Zudem könnten nach seinen Worten 12.000 zusätzliche Klinik-Betten freigemacht werden. Dafür müssten allerdings Operationen verschoben werden. In ersten Corona-Hotspots wie Paris und Marseille ist dies bereits der Fall.

Wie steht Frankreich im EU-Vergleich da?

Schlecht, kritisiert die Krankenpfleger-Gewerkschaft Syndicat national des professionnels infirmiers. Deren Sprecher Thierry Amouroux sagt, Frankreich habe knapp sechs Intensivbetten pro tausend Einwohner, in Deutschland seien es dagegen acht. Auch mit 13 Krankenpflegern pro tausend Bürgern sei Deutschland deutlich besser aufgestellt als Frankreich mit zehn.

Wie geht es nun weiter?

"Wir müssen die Infizierten daran hindern, überhaupt auf die Intensivstationen zu kommen", sagt Gesundheitsminister Véran. In Paris droht ab Montag eine weitere Verschärfung der Corona-Maßnahmen, dort sind bereits 35 Prozent der Intensivbetten belegt. Andere Großstädte wie Lille, Lyon und Toulouse nähern sich ebenfalls der 30-Prozent-Marke. Dort könnten Cafés und Bars geschlossen und private Zusammenkünfte eingeschränkt werden. In ganz Frankreich gilt bereits eine weitgehende Maskenpflicht im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz und in Schulen.

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Ab wann droht Gefahr?

Ab einer 60-prozentigen Belegung der Intensivbetten ist die kritische Marke erreicht: Dann schließt die Regierung auch örtliche Ausgangssperren nicht aus. Zuletzt hatte der Gesundheitsminister gewarnt, dies könne in besonders betroffenen Städten wie Marseille, Aix-en-Provence und Paris schon im November der Fall sein.

Könnten dann wieder Franzosen nach Deutschland verlegt werden?

Das ist nicht ausgeschlossen. In der Corona-Krise im Frühjahr hatte Deutschland rund 100 französische Intensiv-Patienten aufgenommen, nachdem die Kliniken in Elsass-Lothringen und im Pariser Großraum massiv unter Druck geraten waren. Derzeit ist das Grenzgebiet aber noch nicht so stark betroffen.

Quelle: ntv.de, AFP/hek