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Der Clown muss gehen Hochmut kommt vor dem Fall, auch für Boris Johnson

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Boris Johnson kam lange mit seiner "das könnt ihr mir doch nicht übelnehmen"-Haltung durch. Bis er nicht mehr damit durchkam.

(Foto: picture alliance / Photoshot)

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Gebrochene Versprechen hat seine Partei mitgetragen, aber einbrechende Zustimmung entlarvt Boris Johnson als Trickser. Das mag das falsche Motiv sein, aber immerhin ist die britische Demokratie noch in der Lage, einen unfähigen Regierungschef loszuwerden.

In den Jahren, als Boris Johnson noch erfolgreich war, war er alles gleichzeitig. Witzfigur und Heilsbringer, Mann des Volkes und elitärer Schnösel, pragmatischer Politiker und opportunistischer Populist. Geschadet hat ihm das nicht, im Gegenteil: Sein Ego war groß genug, um die politischen Gegensätze seiner Konservativen Partei gleich mit zu überdecken, etwa die zwischen Neoliberalen und dem Sozialflügel. Erstaunlich lange konnte Johnson auch die vielen Skandale überstehen, Kollateralschäden seines unerschütterlichen Selbstbewusstseins.

Doch nun ist das Maß voll, der Clown muss gehen. Seine Umfragewerte sind dramatisch gefallen, seine Minister haben den Premier in Scharen verlassen, für seine Partei ist er zur Belastung geworden. Um Politik geht es dabei nur am Rande, was schade ist, denn auch hier hat Johnson versagt, auch hier hat er getrickst und gelogen.

So hatte Johnson den von seiner Vorgängerin Theresa May mit der EU ausgehandelten Backstop immer scharf kritisiert: Die Regelung sollte sicherstellen, dass auf der irischen Insel eine harte Grenze zwischen dem Norden und der Republik verhindert wird. 2018 nannte Johnson diesen Kompromiss eine "Sprengstoffweste", die um die britische Verfassung gewickelt worden sei. Nur ein Jahr später, mittlerweile Premier, handelte Johnson mit der EU das Nordirlandprotokoll aus, das den Backstop ersetzte. Unmittelbare Folge der Vereinbarung war, dass Zollkontrollen zwischen Nordirland und Großbritannien nötig wurden - was Johnson einfach leugnete. Gelöst ist das Problem bis heute nicht.

Einfach zu viele Lügen

Zudem hinterlässt Johnson eine Wirtschaft, die weit entfernt ist von dem boomenden Britannien, das er infolge des Brexit versprochen hatte. "Gerade mal vor einem Jahrzehnt war der durchschnittliche Brite so wohlhabend wie der durchschnittliche Deutsche", schreibt die Zeitschrift "Atlantic" in einer Analyse. "Jetzt sind sie um etwa 15 Prozent ärmer".

Politische Tricksereien und gebrochene Versprechen hätte seine Partei wohl noch mitgetragen, gestolpert ist Johnson am Ende über die Summe seiner Skandale, darunter vor allem "Partygate" und die Pincher-Affäre, die offenkundig machten, dass Johnson im Kern ein prinzipienloser Narzisst ist. Für seine Partei wurde der Umgang mit ihm zu einer moralischen und strategischen Frage: Lässt sich die Loyalität zu diesem Premier mit konservativen Werten vereinbaren? Und, vermutlich entscheidend: Können die Tories mit ihm noch Wahlen gewinnen?

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Eine wachsende Zahl seiner Parteikollegen beantwortet beide Fragen mittlerweile mit Nein. Für die demokratische Kultur in Großbritannien ist der Rücktritt gut, auch wenn die politische Krise des Landes damit nicht überwunden ist. Aber am Ende waren es einfach zu viele Lügen.

Johnsons Rücktritt bestätigt eine Grundregel der politischen Skandal-Kommunikation: Gefährlicher als die eigentlichen Vorwürfe ist häufig der Umgang damit. Aber er zeigt auch, dass politische Figuren, die sich selbst für unantastbar halten, am Ende über diesen Hochmut fallen - falls das demokratische System dann noch intakt ist.

Quelle: ntv.de

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