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"Wir werden euch immer lieben" Das Drama ist vorbei, die Trauer bleibt

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Die Liebe bleibt - nicht nur bei Rodin, der ausgerechnet in London zum Verkauf stand.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Eigentlich glaubte es keiner mehr: Die Briten verlassen tatsächlich die EU. Das ist traurig - zumal nur wenig dafür spricht, dass es dem Land mit dem Brexit besser gehen wird. Auch für die Union ist der britische Ausstieg ein herber Verlust.

Die Soap ist beendet, die Trennung endgültig. Und es ist wie so oft: Zum Schluss geht's noch gefühlig und auch ein bisschen lächerlich zu. Als am Mittwoch das EU-Parlament den Brexit endgültig absegnet, ziehen die Brexiteers unter Nigel Farage fähnchenschwingend und singend aus dem Saal. Bei den anderen britischen EU-Parlamentariern fließen dagegen Tränen und ihre EU-Kollegen stimmen das Lied an: "Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr."

Keine Frage: Für Europa ist die Scheidung, die diese Nacht nun tatsächlich vollzogen wird, traurig. Schließlich währte die Ehe - bei allen Hochs und Tiefs - immerhin 47 Jahre. Und trotz allem gewohnheitsbedingten Murren hatten sich beide Seiten gar nicht so schlecht eingerichtet. Schließlich lohnte sich die Verbindung wirtschaftlich. Für Großbritannien war die EU der bedeutendste Partner, für die übrigen EU-Staaten Großbritannien eines der wichtigsten Exportländer. Und zugleich stand das Vereinigte Königreich wacker an Deutschlands Seite, wenn es darum ging, in der EU die Haushaltsdisziplin einzuhalten.

Dabei haben es die Briten Brüssel gewiss nicht immer leicht gemacht und zahlreiche Privilegien erstritten. Legendär war das erfolgreiche "I want my money back", mit dem die damalige Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980er-Jahren einen Britenrabatt rauspresste. Schon damals zeigte sich: Im Gegensatz gerade zu den Deutschen, für die Europa auch ein Friedensprojekt ist, sah London die EU deutlich pragmatischer - mehr wie einen Club, in den man eintritt, weil er handfeste ökonomische Vorteile verspricht.

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Dass eine knappe Mehrheit der Briten beim Referendum 2016 dann für den Austritt aus dem Club stimmte, hat sich die EU auch selbst zuzuschreiben. Kritik an ihrer Philosophie des immer engeren Zusammenwachsen konterte sie trotzig, indem sie eben dieses immer weiter vorantrieb. Und Witze in den vergangenen Jahren über Cherrypicking auf der anderen Seite des Kanals verärgerten sogar Briten, die eigentlich der EU wohlgesinnt waren.

Der Brexit als Lehrbeispiel

Den größten Anteil an der Brexit-Misere trug allerdings der damalige Premierminister David Cameron, der leichtfertig und aus durchschaubaren machtpolitischen Interessen das Referendum angesetzt hatte. Der Brexit ist ein Lehrbeispiel dafür, wie riskant Pokern in der Politik ist. Zumal viele Briten weniger Brüssel als vielmehr ihre Regierung, einen Club von Eton- und Oxford-Absolventen, abstrafen wollten. Erst am Tag nach dem Referendum googelten viele: Was passiert, wenn wir die EU verlassen?

Die Ironie der Geschichte ist, dass nun mit Boris Johnson wieder ein Eton- und Oxford-Zögling in die Downing Street Nummer 10 eingezogen ist. Und die Risiken, die schon im Sommer 2016 befürchtet wurden, sind noch da: Auch wenn das Land nicht wirtschaftlich zusammenbrach, ist das Wachstum nicht so groß, wie es hätte sein können. Ein Freihandelsvertrag mit den USA ist keine ausgemachte Sache - zumal mit dem irrlichternden Präsidenten Donald Trump, der zu Erpressungen neigt. Noch immer besteht die Gefahr, dass das Königreich, was doch mit dem Brexit zur alten Größe zurückkehren sollte, auseinanderbricht. Der Nordirland-Konflikt kann jederzeit wieder hochkochen. Und das Land ist zutiefst gespalten.

Immerhin gibt es etwas Hoffnung: Zum einen sind viele Briten des jahrelangen Brexit-Gezerres, der das Unterhaus lähmte, müde und froh, dass das Elend erstmal vorbei ist. Selbst wenn die kommenden Verhandlungen über einen Freihandelsvertrag noch zäh und konfliktreich werden dürften, ist doch zumindest die grundsätzliche Frage geklärt. Die britische Politik und auch die EU können sich nun wieder anderen Problemen widmen.

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Zum anderen gibt sich Johnson, der ein flexibles Verhältnis zur Wahrheit pflegt und für einen guten Witz vermutlich seine Großmutter opfern würde, seit der Wahl demütig. Er verzichtet auf allzu triumphale Töne. Die Abschiedsfeier in dieser historischen Nacht fällt eher bescheiden aus, auch um die Brexit-Gegner nicht zu sehr vor den Kopf zu stoßen. Vielleicht gelingt ja ausgerechnet ihm, der die Spaltung des Landes vorangetrieben hat, doch noch, was er seit Wochen verspricht: das Land wieder zu einen. Und Brüssel, das nie die Trennung wollte, hält immerhin beim Abschied die Hand ausgestreckt. "Wir werden euch immer lieben", ruft Kommissionschefin Ursula von der Leyen den Briten zu. Offenbar weiß sie: Auch nach der Scheidung ist noch lange nicht Schluss.

Quelle: ntv.de