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Der Vater des Brexit-Chaos Was treibt eigentlich David Cameron?

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Der Tag, den viele Briten verfluchen: David Cameron am 23. Januar 2013, als er ein Referendum über einen Brexit vorschlug.

(Foto: AP)

Für viele Briten ist er der Mann, der ihnen das ganze Elend eingebrockt hat: David Cameron. Trotz des Chaos, das sein Land heimsucht und nun im Parlament zum Showdown führt, zeigt er keine Anzeichen von Reue.

Seit Jahren streiten die Briten über kaum etwas anderes: Ende des Monats soll Großbritannien aus der EU austreten und in dieser Woche kommt es im Unterhaus zum Showdown. Nur ein Prominenter bleibt erstaunlich wortkarg: David Cameron, der Vater der Brexit-Abstimmung. Der einstige Hoffnungsträger der konservativen Tories ist von der großen Bühne verschwunden, seit er am Tag nach dem verlorenen Referendum im Juni 2016 als Premierminister zurücktrat und laut "Times" gesagt haben soll: "Why should I do all the hard shit?"

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In diesem Januar kam er allerdings um eine öffentliche Äußerung zum Brexit nicht herum. Als er gerade sein Haus zum Joggen verließ, lauerte ihm ein Kamerateam auf und befragte ihn nach seiner Haltung zum Referendum. "Ich bereue es nicht", sagte Cameron der BBC. Er habe ein Wahlversprechen eingelöst und dafür den Rückhalt des Parlaments gehabt. Den Ausgang des Referendums bedauere er allerdings, da er für einen Verbleib in der EU gewesen sei, fügte der 52-Jährige noch hinzu, bevor er eilends davontrabte.

Bereut er wirklich nicht? Immerhin hat das Referendum ihn nicht nur den Job gekostet und ihn unter britischen EU-Freunden zu einem der am meisten verachteten Politiker gemacht. Wenn er zu Partys eingeladen wird, so schreibt es der "Guardian", warnen die Gastgeber gerne die anderen Gäste vor und nicht immer zeigen sich diese begeistert. Aber nicht nur das: Vielmehr steckt jetzt auch ganz Großbritannien im Sumpf des Brexits fest, in der größten politischen Krise des Landes seit Langem. Die Tories und die Labour-Partei sind bis aufs Blut zerstritten, so dass schon die Queen ihre Landsleute zu mehr gegenseitigem Respekt anhalten musste. Die Premierministerin wiederholt immer dieselben Phrasen, als ob sich so noch alles in Wohlgefallen auflösen könnte. Und die Unabhängigkeitsbefürworter in Schottland und Nordirland wittern Morgenluft.

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Abschied aus der Downing Street: Cameron mit seiner Frau und den drei Kindern 2016.

(Foto: imago/i Images)

Vielleicht ficht Cameron dies alles wirklich nicht an. Zumindest muss er den "hard shit" nicht machen und sein Leben scheint - besonders im Vergleich zu den rastlosen Tagen seiner Nachfolgerin Theresa May - erstaunlich ruhig. Laut "Guardian" arbeitet er zwei bis drei Tage im Monat für die US-Firma First Data Corporation, ist stellvertretender Vorsitzender eines britisch-chinesischen Investmentfonds und sitzt in einer Kommission zu fragilen Staaten. Ansonsten engagiert sich Cameron, dessen erster Sohn nach einer schweren Krankheit mit jungen Jahren starb, für eine Alzheimer-Forschungsgruppe und den National Citizen Service, der sich um Jugendliche im Königreich kümmert.

Mit Kindern und Veteranen

Auf Twitter zeigt sich Cameron vor allem in dieser Funktion, mit Kindern, Veteranen oder bei Tagungen. Gelegentlich würdigt er einen verstorbenen Politiker oder gratuliert Royals zu Geburtstagen und Jubiläen. Nur eines macht er so gut wie nie: sich zur Tagespolitik zu äußern oder gar das B-Wort in den Mund zu nehmen. Lediglich im Dezember twitterte Cameron vor der dann kurzfristig verschobenen Abstimmung zu Mays Brexit-Deal: Er hoffe, dass die Tories May unterstützen. Und nach dem Übertritt von drei Tory-Abgeordneten zur "Unabhängigen Gruppe" im Februar äußerte er sein Bedauern. Zuvor hatte er ihnen allen eine identische SMS geschickt: Ob er sie noch vom Verbleib bei den Tories überzeugen könne? "Love and best wishes DC".

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Auch eine Einkommensquelle: Cameron im vergangenen Jahr bei einem Vortrag in Indien.

(Foto: imago/Hindustan Times)

Immerhin muss Cameron finanziell nicht darben. Laut "Times" hat er seit seinem Rücktritt 750.000 Pfund verdient, einen Teil davon durch Vortragsreisen, was der Labour-Abgeordnete Virendra Sharam zornig kommentierte: Cameron bekomme Geld, indem er weltweit eine Rede nach der anderen halte über den Totalschaden, der er verursacht habe. "Er wird bezahlt für sein Versagen. Wir rasen aufs Desaster zu, aber zumindest einem wird es gut gehen", so Sharma.

Auch für seine Memoiren, die Cameron wie alle ehemaligen Premiers verfasst, soll er bereits einen Vorschuss bekommen haben. Vor zwei Jahren kaufte er sich für 25.000 Pfund eine Holzhütte für den Garten, um sich dort dem Schreiben seiner Erinnerungen zu widmen. Angeblich will er in dem Buch, das im Herbst herauskommen soll, all seine Entscheidungen als Premierminister auf den Tisch bringen und "offen sein über das, was funktionierte, und das, was nicht klappte".

Cameron fühlte sich "wirklich sicher"

Das dürfte keine leichte Aufgabe werden. Denn wenn er ganz ehrlich sein will, muss sich Cameron auch der Frage stellen, inwieweit er der EU-skeptischen Stimmung in seiner Partei noch Auftrieb verlieh und die Spaltung des Landes vorantrieb. Schon 2005 setzte er sich im Wahlkampf um den Tory-Vorsitz dafür ein, dass diese im EU-Parlament die konservative EVP-Fraktion verließ, was sich bei späteren Verhandlungen mit der EU rächte.

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Um die EU-Kritiker in seiner Partei dann ein für allemal ruhigzustellen, versprach er zudem ein EU-Referendum für die Zeit nach der Wahl 2015 - in der irrigen Annahme, dass es eh nicht zu einem Brexit kommen würde. Wie Donald Tusk, Präsident des Europäischen Rates, sich erinnert, fühlte sich Cameron damals "wirklich sicher". Er war offenbar überzeugt, dass seine liberaldemokratischen Koalitionspartner ein Referendum verhindern würden. Das einzige Problem war: Mit seinem Versprechen war Cameron so erfolgreich, dass die Tories die absolute Mehrheit erzielten. Um das Referendum, das für immer mit seinem Namen verbunden bleiben wird, kam er dann nicht mehr herum.

Trotz dieses Desasters scheint die Politik Cameron doch noch zu locken. So spekulierten britische Medien erst vor einigen Monaten, dass er Interesse an einem öffentlichen Amt habe, sobald seine Memoiren erschienen seien. Schließlich sei er noch jung und "fürchterlich gelangweilt". Besonders das Amt des Außenministers soll ihn reizen. Was die Opposition sogleich alarmierte: "Wenn du denkst, Politik kann nicht mehr bizarrer werden", twitterte Angela Rayner, Schatten-Erziehungsministerin von Labour. "Nein, bitte David, bleib in Rente, du hast das letzte Mal genügend Schaden angerichtet."

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Quelle: n-tv.de

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