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Selenskyj zieht Melnyk ab Die Abberufung ist richtig - und eine Chance

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Es ist davon auszugehen, dass die deutschen Waffenlieferungen an Kiew ohne Melnyks Einsatz noch komplizierter gelaufen wären.

(Foto: picture alliance / Jörg Carstensen)

Andrij Melnyk ist den Deutschen auf die Nerven gegangen, aber als Botschafter in Berlin hat er sich Verdienste um sein Land erworben. Dennoch ist die Abberufung richtig. Sein Nachfolger kann nun den eigentlichen Stil der ukrainischen Außenpolitik in Deutschland bekannt machen.

Selbstverständlich hat Andrij Melnyk in der Ukraine längst keinen so großen Namen wie in Deutschland. Der aus dem westukrainischen Lwiw stammende 46-Jährige, der äußerlich ganz dem Klischee eines Spitzendiplomaten entspricht, war aber auch schon vor der großen russischen Invasion durchaus bekannt in der Ukraine. Dabei war er recht beliebt. Nur prorussische Medien kritisierten seine zugespitzten Äußerungen. Der öffentliche Mainstream unterstützte Melnyk überwiegend.

Das hatte in erster Linie damit zu tun, dass Deutschland selbst nach der Annexion der Krim und dem Beginn des Donbass-Krieges 2014 an der umstrittenen Pipeline Nord Stream 2 festhielt, was in der Ukraine für große Verärgerung sorgte, wobei mitunter vergessen wurde, dass Deutschland natürlich trotz allem zu den absoluten Hauptverbündeten der Ukraine gehörte und gehört. Dennoch entstand bei vielen Ukrainern der Eindruck, als wäre die Bundesregierung heimlich mit Putin verbündet. Nicht zuletzt befeuerte die Arbeit von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder für den Kreml diese Stereotypen. Melnyks scharfes Auftreten wurde für viele zu einer hervorragenden Illustration des Frusts der Ukrainer über Deutschland.

Botschafter mit Vor- und Nachteilen

Im politischen Kiew war man sich der Vor- und Nachteile des Botschafters durchaus bewusst. Man schätzte aber seine mediale Präsenz, und dass er es schaffte, das Thema Ukraine auch dann in die Schlagzeilen zu bringen, als sich kaum noch jemand dafür interessierte. Das galt umso mehr nach Beginn des russischen Überfalls am 24. Februar. Mit seiner Art stieß Melnyk die Berliner Politik aus ihrer Komfortzone. Es ist davon auszugehen, dass die deutschen Waffenlieferungen an Kiew ohne seinen Einsatz noch komplizierter gelaufen wären.

Gleichzeitig schoss der undiplomatische Diplomat auch immer wieder über das Ziel hinaus. Für Aufregung sorgte seine Darstellung der ukrainischen Geschichte im Zweiten Weltkrieg, die eine Verharmlosung der Morde an Juden und Polen ist. Auch wenn Melnyk kein "Nazi-Versteher" ist, wie manche Russland-Trolle in Deutschland behaupten, hat er mit seinen Äußerungen der Ukraine einen Bärendienst erwiesen, denn sie verdecken, dass die ukrainische Gesellschaft bereits seit Jahren eine Debatte über den Nationalisten Stepan Bandera führt.

Stepan Bandera

Stepan Bandera war einer der wichtigsten Anführer der Organisation Ukrainischer Nationalisten, die 1929 in Wien gegründet wurde und einen unabhängigen ukrainischen Staat erkämpfen wollte. "Die Ideologie dieser Organisation war faschistisch, antisemitisch, antirussisch und antipolnisch", sagt die Historikerin Franziska Davies im Interview mit ntv.de. Milizen, die Bandera nahestanden, haben sich im Zweiten Weltkrieg an der Vernichtung der Juden beteiligt und waren verantwortlich für die Ermordung von 70.000 Polen 1943 und 1944 in Wolhynien. Davies weist darauf hin, dass die Ukraine erst seit den 1990er Jahren die Beteiligung am Holocaust aufarbeitet. Bandera sei in der Ukraine hoch umstritten.

Zudem löste sein Interview mit dem Journalisten Tilo Jung eine kleine diplomatische Krise zwischen der Ukraine und Polen aus. Auch seine Behauptung, dass die Ukrainer sich in Deutschland nicht mehr willkommen fühlten, war daneben. Langsam wurde es zu viel. Die Entscheidung, Melnyk jetzt auszuwechseln, ist daher richtig und war an der Zeit.

Die ukrainische Außenpolitik ist selbstbewusst, aber nicht polternd

Aber Melnyk hat sich auch unumstrittene Verdienste für sein Land erworben. Daher wäre eine Beförderung zum stellvertretenden Außenminister, über die bereits spekuliert wird, durchaus folgerichtig. Ohnehin war er bereits seit 2015 und damit vergleichsweise lange ukrainischer Botschafter. Trotzdem ist es ungewöhnlich, wenn ein derart bekannter Botschafter mitten im Krieg ausgewechselt wird. Ob sich der 46-Jährige über die Beförderung wirklich freut, ist fraglich. In Deutschland hatte er die Rolle eines - wenn auch von vielen nicht geliebten - Superstars. In der Ukraine würde er, sollten die entsprechenden Berichte stimmen, eine wenig öffentliche Rolle hinter einem sehr erfolgreichen Außenminister Dmytro Kuleba einnehmen.

Mit Kuleba an der Spitze steht das ukrainische Außenministerium generell für eine selbstbewusste Außenpolitik. Zum Beispiel erlaubte er sich, die Einmischung der G7-Botschafter in die inneren Angelegenheiten seines Landes öffentlich zu kritisieren, was früher unvorstellbar gewesen wäre. Unter Kuleba entwickelte sich die Ukraine vom Objekt zum Subjektiv der Außenpolitik. Ton und Stil von Andrij Melnyk entsprachen nicht der neuen ukrainischen Diplomatie, zu der es eigentlich nicht gehört, einen Regierungschef eine "beleidigte Leberwurst" zu nennen (wofür Melnyk sich später entschuldigte). Sein Nachfolger könnte dafür sorgen, dass dies auch in Deutschland bekannt wird.

Vor allem aber wäre es schön, wenn sich die Deutschen nun auf das Leid der Ukrainer konzentrieren könnten - und nicht auf das Auftreten eines Botschafters. Denn die deutsche Fixierung auf Melnyk wirkt im Verhältnis zum Angriffskrieg, dem die Ukraine derzeit ausgesetzt ist, doch ein wenig übertrieben.

Quelle: ntv.de

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