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Der Fluch der 50 Die Lockerungen wird Merkel nicht mehr los

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Im Lockdown, aber nicht unbedingt geschlossen: Cafébetreiber versuchen der Kundschaft trotzdem etwas anzubieten.

(Foto: imago images/Hanno Bode)

Merkel und die Länderchefs machen immer wieder denselben Fehler: Sie trauen den Deutschen nichts zu, winken schon beim Beschluss eines Lockdowns mit baldigen Öffnungen - quasi als Belohnung. Leckerlis sind aber was für die Hunde-Erziehung. Bürger muss man wie Erwachsene behandeln.

Keine Zahl geistert seit dem ersten Lockdown in Deutschland so hartnäckig durch die Pandemie-Bekämpfung wie diese: 50. Ein Inzidenzwert von 50 Neuinfektionen pro Woche auf 100.000 Einwohner gerechnet - das wird seit dem Herbst als Ziel ausgegeben, wenn Bund und Länder für Deutschland weitere Maßnahmen beschließen. Nur hat diese Zahl dann noch nie eine wirkliche Rolle gespielt. Was sie aber befördert: die Illusion, das Virus ließe sich auf einem bestimmten, auch hohen Verbreitungsniveau dauerhaft in Schach halten. Die Folge: Sobald erste Erfolge von Kontaktbeschränkungen sichtbar werden, beginnt Deutschland die Debatte über Lockerungen.

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, fordert bei Anne Will am Sonntag, man müsse Risiken abwägen und überlegen, wie auch mit Inzidenzen "um die 100" ein Alltag ohne ständigen Lockdown möglich sei. Als wäre es möglich, sich bei einem Inzidenzwert von 100 dauerhaft einzurichten, wenn man nur bereit ist, ein paar Abstriche zu machen.

Als gäbe es die Horrormeldungen aus London nicht, wo dringende Operationen in den Kliniken nicht stattfinden und auf den Intensivstationen nicht mehr jeder Schwerkranke einen Platz findet. Als sei in Irland und Portugal nicht nach frühen Lockerungen der Inzidenzwert binnen von jeweils kaum vier Wochen quasi explodiert. Irland hat es - nachdem es am 23. Dezember für genau einen Tag den von Hüther angestrebten Inzidenzwert 100 hielt - bis zum 10. Januar auf eine Inzidenz von 925 geschafft.

Eine Inzidenz von 100 kann dauerhaft nicht funktionieren, erst recht nicht, wenn sich bei solch agilem Infektionsgeschehen dann auch noch eine ansteckendere Variante breit macht, wie es in Berlin bereits beginnt. Bei dieser Variante wird es viel schwieriger sein, Infektionswege nachzuverfolgen. Weil die Übertragung auch in Situationen erfolgt sein könnte, die bislang als relativ sicher gelten: in der Warteschlange vor der Supermarktkasse, in einer spärlich besetzten Straßenbahn, bei privaten Treffen mit eingehaltenem Abstand.

Die Regierenden rudern zurück

Dann werden viele Situationen als Infektionsmoment in Frage kommen, bei denen es absolut unmöglich ist, die beteiligten Personen ausfindig zu machen. Und so verbreitet sich das Virus ungehindert weiter. Um das zu verhindern, muss Deutschland die Neuinfektionsrate deutlich niedriger drücken. Niedriger auch als 50, was aber schwierig wird, da nach den Ankündigungen aus der Ministerpräsidentenkonferenz viele Menschen damit rechnen, dass bei 50 das Land wieder komplett hochfährt. So war es ihnen schließlich suggeriert worden, weil man im Bund und in den Landesregierungen wohl der Meinung ist, mehr Realismus sei nicht zumutbar.

Nun sieht und hört man darum Angela Merkel selbst oder ihren Kanzleramtschef Helge Braun bei jeder Gelegenheit zurückrudern und Erwartungen bremsen. Man solle "bitte nicht denken, dass, wenn wir bei 50 sind, das Leben des Sommers sofort wieder da ist. Dann sind wir sofort wieder im exponentiellen Wachstum", warnte Merkel nach Informationen von Teilnehmern am vergangenen Mittwoch in einer Video-Schaltkonferenz der Unionsfraktion im Bundestag. Die Lockerungen, die sie versprach, wird die Kanzlerin nun nicht mehr los.

So wird sich in den nächsten Tagen und Wochen eine zähe Debatte über drohende Risiken und die Begründbarkeit von Zumutungen ausbreiten, weil viele Menschen genau die Haltung einnehmen werden, in die sie von den Regierenden gedrängt wurden: Die Haltung des Genervten, Erschöpften, der für sein Durchhalten nun die Belohnung einfordert – endlich wieder beim Einzelhandel stöbern können, Freunde treffen, Essen gehen. Sehr legitime Bedürfnisse, die jedoch noch gar nicht anstehen können, nicht anstehen dürfen, wenn man sich darüber einig ist, dass es mit den Erfahrungen aus Lockdown Nummer 1 nun vor allem darum gehen muss, die Kinder und Jugendlichen so schnell wie möglich wieder in die Kitas und Schulen gehen zu lassen.

Wenn Deutschland Mitte Februar wieder komplett öffnen sollte, auf Druck der Erwartungen der Öffentlichkeit, verschiedener Verbände und Interessengruppen, dann haben es sich die Regierenden selbst zuzuschreiben, wenn sie - vermutlich Mitte März - das Land in Lockdown Nummer 3 schicken. Diesmal mit einem ungleich stärkeren Gegner.

Quelle: ntv.de