Drohnen platzen in Putins GipfelDiese Ohrfeige hört ganz Russland klatschen
Ein Kommentar von Frauke Niemeyer
Am Tag, als Russlands Präsident Putin in Sankt Petersburg glänzen will, schickt ihm die Ukraine eine Drohne - wie als Grußbotschaft. Sie beschädigt ein Ölterminal, aber das ist beinahe zweitrangig.
Das ist nun wirklich ärgerlich für Wladimir Putin: Nicht nur gelingt der ukrainischen Luftwaffe erneut ein Drohnenangriff gegen die Infrastruktur für russische Ölexporte. Sie platziert ihre Attacke auf das Ölterminal auch noch schlappe 16 Kilometer entfernt von dem Ort, wo der russische Präsident ab heute seine innovative, international agierende und vor Kraft nur so strotzende russische Wirtschaft inszenieren will.
Das Sankt Petersburger Internationale Wirtschaftsforum zelebriert Putin alljährlich in seiner Heimatstadt und nutzt es als Bühne, um seine Version des unaufhaltsamen russischen Aufstiegs zu inszenieren. Bloß steigen in diesem Jahr hinter der Kulisse für jedermann sichtbar Rauchschwaden auf.
Die Ukrainer sind über Nacht - mal wieder - mit einem Drohnengeschwader durch den russischen Flugabwehrgürtel gedrungen und haben exakt dort, wo ab heute offiziell 20.000 Besucherinnen und Besucher aus 130 Ländern erwartet werden, Teile eines Ölterminals und einer militärischen Anlage in die Luft gejagt. Die Strahlkraft des erwarteten Putin-Auftritts am Donnerstag könnte bei diesem Angriff gleich mit zerborsten sein. Zeigt er doch vor allem eins: Russland ist nicht einmal mehr in der Lage, seine wichtigsten Orte, mit der höchsten Symbolkraft, vor Angriffen zu schützen. Diese Erkenntnis ist auch für die russische Bevölkerung ein Grund zur Unruhe.
Schon lange ist bekannt, dass die russische Armee ihre Luftverteidigungssysteme vor allem entlang des Frontgürtels platziert, um einfallende ukrainische Drohnen schon früh zu stoppen. Dahinter sieht die Fliegerabwehr über weite Strecken ziemlich dünn aus, das ist auch der riesigen Fläche des Landes geschuldet. Wie wenig Abwehrkraft Putins Luftwaffe aber jenseits des Gürtels tatsächlich noch hat, das macht der geglückte Angriff im Hafen von Sankt Petersburg deutlicher als jeder andere bisher. Die Ukrainer lassen ihre Drohnen symbolisch direkt vor Putin detonieren. Lauter kann die Ohrfeige kaum klatschen.
Langsam wird es schmerzhaft
Zugleich hat der Angriff neben seiner hohen Symbolkraft auch einen realen Effekt. Denn parallel zum seit Monaten andauernden Patt an weiten Teilen der Frontlinie haben die Ukrainer in atemberaubendem Tempo Waffentypen entwickelt, die drei wichtigen Anforderungen gerecht werden: Zum einen können diese Drohnen mehr als 1000 Kilometer zurücklegen, um weit in den russischen Luftraum einzudringen. Zum anderen sind sie dabei in der Lage, eine ausreichend große - und schwere - Sprengladung zu transportieren, um am Einschlagsort realen Schaden zu verursachen. Zum dritten sind sie so exakt programmierbar, dass sie in einer Industrieanlage tatsächlich die wunden Punkte ansteuern. Sie treffen wichtige Schaltstellen, deren Beschädigung den Produktions- oder Verladeprozess bis auf weiteres lahmlegt.
Je mehr Teile der russischen Infrastruktur für den Ölexport jedoch dauerhaft geschädigt werden, umso mehr wird die russische Wirtschaft wirklich empfindlich getroffen. Denn bei allen Sanktionen, bei aller Schwächung der russischen Techbranche durch den Fokus auf die Rüstungsindustrie ist letztlich für Putin alles im grünen Bereich, solange er genug Öl und Gas an China und Indien verkaufen kann. Alle anderen Misserfolge sind dann verschmerzbar. Wenn dieser Rohstoffexport jedoch einbricht, weil zerstörte Infrastruktur die Abläufe behindert, dann macht sich das im Budget für neue Rüstungsgüter direkt bemerkbar. Dann wird es wirklich schmerzhaft für Putin.
Der Angriff auf das Ölterminal im Hafen von Sankt Petersburg war somit ein weiteres Teilstück in einer derzeit recht erfolgreichen Strategie zur Kriegsführung. Er hat außerdem Bildmaterial mit reichlich Stichflammen und Rauchwolken geliefert und Russlands militärische Schwäche vorgeführt in einem Moment, wo man eigentlich gerade Stärke zeigen wollte. Nicht zuletzt können die Ukrainer ihren Unterstützern damit beweisen, dass sie Russland im fünften Jahr dieses Abnutzungskriegs durch Innovation, Tempo und Geschick mehr als nur die Stirn bieten. Diese Attacke ist die Faust direkt im Gesicht.
Für eine solche Ballung von Effekten durch einen einzigen Angriff ist nicht nur militärisches Geschick notwendig, sondern auch besonders viel Mut. Denn wer einen skrupellosen Feind wie Russland empfindlich trifft, muss mit härtester Vergeltung rechnen - und die trifft womöglich in den kommenden Tagen die ukrainische Zivilbevölkerung. Allerdings scheint die russische Luftwaffe bei den Angriffen auf ukrainische Städte grundsätzlich maximal brutal zu agieren. Womöglich ist das kaum noch zu steigern.