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Streit um Kramp-Karrenbauer-Witz "Sprachpolizei"-Gerede ist wirklicher Skandal

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Auch die Lesben und Schwulen in der Union rügen ihre Parteichefin.

(Foto: dpa)

Viele meinen, die Witze der CDU-Chefin über Intersexuelle verteidigen zu müssen. Dabei gefährdet die Kritik an AKK nicht die Redefreiheit. Gefährlich ist etwas anderes: der neue Altherren-Stammtisch-Humor, der bislang der AfD vorbehalten war.

Die Aufgabe eines Satirikers wie Jan Böhmermann ist es, die Grenzen des Sagbaren auszuloten. Das Privileg eines Komikers wie Bernd Stelter lautet, auch mit dünnen Kalauern unterhalten zu dürfen. Beide müssen dennoch damit leben, wenn sie für einzelne Scherze kritisiert werden, weil sich jemand verletzt fühlt. Frei nach dem Motto: Wer austeilt, muss auch einstecken können.

Was für Berufsentertainer gilt, gilt erst recht für Politikerinnen wie Annegret Kramp-Karrenbauer. Hier könnte die Debatte enden. AKK hat offenbar vielen Leuten vor den Kopf gestoßen. Diese haben das Recht, das auch so zu äußern. Mit dem vielfach erhobenen Vorwurf von der "Sprachpolizei" hat das nichts zu tun. Die Kritik ist Teil ein und derselben Redefreiheit, die Kramp-Karrenbauers Fürsprecher angeblich verteidigen.

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Natürlich ist die Aufregung in den sozialen Medien einmal mehr übertrieben, fraglos vergreifen sich einige der Kritiken an Kramp-Karrenbauer im Ton. Wirklich empörend ist aber dennoch etwas anderes: Wie viele Konservative meinen, sich auf das Stammtischniveau der AfD begeben zu müssen - angefangen bei der Urheberin der Debatte selbst. Die CDU-Parteichefin hat sich nicht spontan ein paar Witze überlegt und an einer Stelle versehentlich überspannt. Nein, sie wollte gezielt das Lager ewig gestriger Schubladendenker bedienen, das sie warum auch immer in der Provinz verortet. Und sie war sich dabei auch nicht zu schade, Witze auf Kosten einer besonders verletzlichen Minderheit zu machen. Man darf das beunruhigend finden, man muss das sogar kritisieren.

Weder AKK noch ihre eifrigen Verteidiger scheinen verstehen zu wollen, wo das Problem liegt. Natürlich darf über Minderheiten gewitzelt werden. Was nicht geht, sind Witze, die die Existenz einer Minderheit in Frage stellen. Es ist grundfalsch, den Kampf einer Minderheit für die Anerkennung ihrer besonderen Bedürfnisse ins Reich der Befindlichkeiten zu verweisen.

AKK ebnet Schubladenwitzen den Weg

Wenn Böhmermann so einen Witz machte, würde er erfahren, dass viele Menschen so etwas unsagbar finden (Was keine angenehme Erfahrung ist. Böhmermann hat sein Schmähgedicht auch nie als Vergnügen begriffen, sondern als Teil eines manchmal schmerzhaften Kampfes für die Redefreiheit). Wenn Stelter solche Sprüche brächte, würden Menschen aufstehen und sagen, dass sie seine Witze "Scheiße" finden.

Wenn aber die CDU-Chefin Witze auf Kosten wirklich verletzbarer Minderheiten macht - viele Intersexuelle müssen einen ständigen Selbstbehauptungskampf gegen Alltagsdiskriminierung führen -, erweitert sie qua Amt den Raum des Sagbaren. Wenn die mögliche nächste Bundeskanzlerin so über andere spottet, signalisiert sie, dass es okay sei, wieder abfällig über Intersexuelle, Dicke, Behinderte, Migranten und so weiter zu reden.

Das ist ein gesellschaftlicher Rückschritt, über den nicht nur die Betroffenen nicht lachen. Deshalb muss man Kramp-Karrenbauers Auftritt kritisieren (dürfen). Mit "Sprachpolizei" und "rot-grünen Humorverboten" hat das nichts zu tun.

Quelle: n-tv.de

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