Person der Woche

Person der Woche Darum wird Armin Laschet Kanzler

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Die Union präsentiert ein lauwarmes Wahlprogramm. Es passt zu Armin Laschets Strategie, lieber auszugleichen als zu polarisieren. Er verkörpert die Mitte der Republik. Womöglich uncool, aber verlässlich.

Wahlprogramme der CDU sind in etwa so spannend wie Betriebsanleitungen für Heizungen. Ihr Überraschungsfaktor liegt bei null Prozent, denn genau wie Heizungsinstallateure will auch die CDU niemanden verblüffen oder begeistern, sondern nur für solides Funktionieren im deutschen Haus sorgen. So ist auch das neue CDU-Wahlprogramm vor allem eine Wegweisung dafür, dass Deutschland eine sichere Wärmestube bürgerlicher Behaglichkeit bleibt.

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Eine sichere Wärmestube bürgerlicher Behaglichkeit: Armin Laschet

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Leitspruch "Stabilität und Erneuerung" könnte auch "Sicherheit und Freiheit", "Gut und gerne" oder "Honig und Kuchen" heißen. Die CDU spielt damit wieder einmal ihre Adenauersche Lieblingsdisziplin namens "keine Experimente". Kohls "Weiter so, Deutschland" oder Merkels "Sie kennen mich" sind legendäre Programmsurrogate dieser Logik. Nun stellt sich auch Laschet ganz in diese Tradition.

Linke und Grüne kritisieren das Programm eher leise und künstlich empört, finden harmlose Vokabeln wie "einfallslos", "mutlos", ein "Armutszeugnis". Richtig aufregen tut sich niemand. Weil das von Armin Laschet gezielt wattierte Programm das schlichtweg nicht hergibt. Wer regt sich schon über Heizungsinstallateure auf?

Machtpolitisch ist Armin Laschet mit dieser Programmpräsentation ein wichtiger Etappenerfolg gelungen. Zum einen hat er Markus Söder und die CSU sichtbar eingebunden, es ist - anders als 2017 - ein gemeinsames Programm der Schwesterparteien, der kollegiale Auftritt wirkte nicht einmal gequält. Söder macht offensichtlich seinen Frieden mit Laschet. Zum anderen hat Laschet seine Strategie der Harmlosigkeit innerparteilich ohne Widerspruch durchgesetzt. Die Union geht in die Schlussphase des Wahlkampfs geschlossen und hat jetzt einen Keine-Experimente-Masterplan.

Leisetreterei mit Methode

Laschets Strategie wird wahlweise als Schlafwagen- oder Laschi-Kalkül bekrittelt. Tatsächlich sieht sein Plan einen leisen, fast inaktiven Wahlkampf vor, bloß nicht polarisieren, niemanden aufregen. Denn das hat den direkten Effekt, dass die grünen und linken Milieus in Deutschland demobilisiert werden. Der freundliche Umarmer Laschet taugt einfach nicht als Feindbild. Selbst wenn Laschet von "Modernisierungsjahrzehnt" und "Entfesselungspaket" redet, dann klingt das mehr nach einer Onlinebestellung für Aachener Printen als nach der großen kapitalistischen Disruption.

Laschets Leisetreterei hat inzwischen Methode. Immer wieder musste er gegen kernige, smarte, laute und offensive Gegner antreten. Immer wieder schien er mit seiner defensiven Art unterlegen und in Umfragen aussichtslos zurück. Ob Hannelore Kraft oder Norbert Röttgen, Friedrich Merz oder Markus Söder - einen Konkurrenten nach dem anderen besiegte der vermeintliche Weichspüler am Ende genau mit dieser Methode. Es ist geradezu seine defensive Spezialität geworden - mit Konzilianz alle niederzulächeln und die Gegner bei Mobilisierungsversuchen ins Leere treten zu lassen. Laschet hat Durchhaltevermögen, er verfügt über gewitzte Resilienz und die Gabe, im entscheidenden Moment bei der politischen Reise nach Jerusalem schon auf einem Stuhl zu sitzen.

Gerade im Wettstreit mit Annalena Baerbock erweist sich die Methode Laschet als trickreiche Angelegenheit. Neben seiner katholischen Grundruhe wirkt ihre nervöse Veränderungswilligkeit wie jugendlicher Übermut. Neben seiner rheinischen Gemütlichkeit kommt ihre norddeutsche Zielstrebigkeit wie Ehrgeiz rüber. Neben seiner ausgleichenden Pragmatik ("Wir brauchen einen Dreiklang aus Klimaschutz, wirtschaftlicher Stärke und sozialer Sicherheit") klingt ihre klare Klimakante nach Einseitigkeit. Im Rollenspiel des Wahlkampfs entsteht so der gefühlte Wettbewerb Schäfer gegen Streberin.

Zur Gedulds-Methode Laschet gehört auch, so lange still am Ufer des politischen Flusses sitzen zu bleiben, bis die Leichen der Gegner von alleine vorbeitreiben. Als die Grünen im Frühjahr im Stimmungshoch schwelgten wurde Laschet eine Kommunikationsoffensive empfohlen. Doch er machte das Gegenteil und überließ den Grünen lieber die Bühne - und vertraute auf deren bemerkenswerte Fähigkeit zur Selbstdemontage. Laschet weiß, dass die Grünen Meister im Verspielen großer und größter Umfragevorsprünge sind. 2014 und 2017 landeten sie trotz hoher Popularitätswerte im Vorfeld der Wahlen weit hinter den Erwartungen bei jeweils einstelligen Werten. Der Grund dafür liegt nicht nur an falsch gewählten, unpopulären Themen (Veggie Day, Steuererhöhungen, Benzinpreise sowie Heizpilz-, Grill-, Eigenheim-, Flugreisen- oder Auto-Verbote). Auch nicht nur an peinlichen Fehlern wie verschwiegene Nebeneinkünfte oder frisierten Biografien. Die Grünen bieten den Deutschen vor allem etwas an, was sie in ihrer Mehrheit womöglich gar nicht wollen - viele Experimente.

Laschets Angebot für "keine Experimente" trifft den Zeitgeist der breiten Mehrheit am Ende einer quälenden Pandemie wahrscheinlich besser. In aktuellen Umfragen steht er in der Kanzlerfrage jedenfalls plötzlich an erster Stelle. Adenauers Trick könnte noch immer funktionieren.

Quelle: ntv.de

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