Person der Woche

Person der Woche Diogenes, der Erfinder des Stinkefingers

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Deutschland staunt über die Fehltritte des griechischen Finanzministers. Der begibt sich in eine Schmierenkomödie und folgt zusehends der Tradition des Stinkefinger-Erfinders und Philosophen Diogenes.

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(Foto: imago/ZUMA Press)

Griechenlands Finanzminister Varoufakis hat es binnen weniger Wochen geschafft, zum unseriösesten Spitzenpolitiker Europas abzusteigen. Sein Halbstarken-Rollenspiel aus coolem Bruce-Willis-Gehabe, vulgärsozialistischer Demagogie und lederjackenhafter Sponti-Frechheit fasziniert und erschreckt das staunende Publikum von Lissabon bis Lettland zugleich. Anfangs war Europa hin- und hergerissen zwischen Sympathie, Mitleid und Sorge. Ein Hilfsreflex für die linkslaunigen Amateure aus Athen war weithin spürbar. Doch Varoufakis hat sich mit der Eleganz eines Elefanten bewegt, der berauscht von seiner eigenen Coolness im Porzellanladen Sirtaki tanzt. Nun liegen allseitig Scherben umher. Es begann mit dem arroganten Herauswerfen der Troika-Helfer aus Athen und es gipfelt in dreisten Reparationsforderungen an Deutschland und dem Abstreiten einer peinlichen Stinkefingergeste in Richtung Berlin.

Im griechischen Drama macht sich auch deshalb Fassungslosigkeit breit, weil die Varoufakis-Show Elemente einer Schmierenkomödie zeigt. Sein Streit mit Günther Jauch ist von hoher Peinlichkeit. Griechenlands Finanzminister beteuert - entgegen Zeugenaussagen - dass die Aufnahme "ohne jeden Zweifel gefälscht" sei. Das ist eine kühne Behauptung, denn sie bezichtigt die ARD der Lüge und Manipulation. Die Redaktion von Günther Jauch will sich von Varoufakis aber nicht nachsagen lassen, sie habe ein gefälschtes Video verbreitet. Sie führt ziemlich überzeugende Experten ins Feld, die die Echtheit des Films bestätigen.

Sollte sich das bewahrheiten, dann hätte Varoufakis vor einem deutschen Millionenpublikum dreist gelogen - und das negative Bild von ihm würde sich vollends verdunkeln. Seit Stefan Effenberg und Peer Steinbrück weiß man, dass in Deutschland mit dem Stinkefinger nicht zu spaßen ist.

Nun ist die vulgäre Geste eine uralte Erfindung der Griechen, gewissermaßen ein kulturelles Erbe der antiken Hellenen. Als Erfinder der Mittelfinger-Provokation gilt der Philosoph Diogenes. Der soll Besuchern von Athen, die sich nach dem Politiker und Redekünstler Demosthenes erkundigt haben, den mittleren Zeigefinger vorgehalten und gerufen haben: "Da habt ihr euren Demagogen."

Mit Diogenes verbindet Varoufakis offenbar ein tieferes Einverständnis. Da ist die Vulgärgeste nur ein erster Fingerzeig. Denn Diogenes verkörperte in der Antike das anarchische Prinzip. Er lebte in einem Fass, verachtete die Umgangsformen der Gesellschaft, mehr noch, alle Autoritäten - dabei kannte er weder Krawatten noch die Troika. Als Alexander der Große ihn einmal fragte, womit er ihm denn eine Freude machen könne, soll Diogenes geantwortet haben: "Geh mir aus der Sonne." Auch das erinnert zuweilen an den Umgang von Varoufakis mit Merkel und Schäuble.

Diogenes predigte, dass der Mensch sich von allen Zwängen frei machen müsse (er plädierte gar für öffentliche Masturbation), auch von allen Staatsformen, da "die einzige wahre Staatsordnung die Ordnung im Kosmos ist". Diogenes bezeichnete sich selbst als Weltbürger und wurde so zum ersten "Kosmopoliten" der Weltgeschichte. Das normensprengende Motiv von Diogenes ist für Varoufakis & Co. offenbar noch heute ein Leitbild.

Wenn Schäuble und seine europäischen Finanzministerkollegen sich beklagen, man wisse gar nicht so genau, was Varoufakis eigentlich wolle, dann sollten sie einmal Diogenes studieren. Dessen zentraler Begriff war Selbstgenügsamkeit (Autarkie). Man solle sich von äußeren Zwängen radikal frei machen: Um sich körperlich abzuhärten, wälzte der Philosoph sich im Sommer in glühend heißem Sand und umarmte im Winter schneebedeckte Statuen. Und um sich geistig abzuhärten, trainierte er es, Wünsche nicht erfüllt zu bekommen - indem er steinerne Statuen um Gaben anbettelte. So könnte Diogenes den heutigen Griechen noch trostreich sein, wenn sie am Ende keine neuen Kredite mehr bekommen. Seinen Beinamen "der Hund" trug Diogenes mit Stolz. Als sich Alexander der Große bei Diogenes vorstellte mit dem Satz: "Ich bin Alexander, der große König" soll Diogenes geantwortet haben: "Und ich Diogenes, der Hund."

Nur eines scheint Varoufakis dann doch von Diogenes klar zu unterscheiden. Während Diogenes tatsächlich in Armut und Askese auf der Straße lebte, hat Varoufakis sich soeben mit Ehefrau im privaten Lebensluxus für "Paris Match" fotografieren lassen. Dort sieht man die beiden in ihrem Penthouse in einem der teuersten Stadtviertel Athens unterhalb der Akropolis strahlen, Hände halten, Klavier spielen und speisen. "Die humanitäre Krise in Athen", kommentierte die "Financial Times" süffisant. Aber vielleicht war es am Ende auch nur eine Fälschung.

Quelle: n-tv.de

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