Wieduwilts Woche

Wieduwilts WocheJetzt hat sogar Merkel Mitleid mit Merz

16.05.2026, 07:36 Uhr 20221217-Hendrik-Wieduwilt-075-highres-finalEine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
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"Es ist ja nicht so, dass gar nichts passiert wäre" - Merkel nimmt Schwarz-Rot in Schutz. (Foto: picture alliance / SvenSimon)

Nun ist es amtlich: Wir sind im Eimer. Wenn die frühere Bundeskanzlerin öffentlich für Milde mit ihrem Erzfeind plädiert, muss die Lage wirklich schlimm sein.

Das hat noch gefehlt, die Bundeskanzlerin hat sich in dieser Woche zu Wort gemeldet. Sie plädiert für Milde mit dem angeschlagenen Bundeskanzler: "Jeder Bürger sollte mit Maß und Mitte versuchen, das, was die Regierung schon geschafft hat, zu ermessen", sagt die Altkanzlerin im Podcast des "Focus". Und schiebt einen ihrer Merkel-Sätze hinterher: "Es ist ja nicht so, dass da gar nichts passiert ist."

Das erinnert mich an jene Szene mit dem weinenden Flüchtlingsmädchen aus dem Libanon, dem Merkel 2015 vor laufender Kamera sagte: "Das hast Du doch prima gemacht." Danach trendete "merkelstreichelt" und "#primagemacht im damals schon sehr boshaften Internet.

Tatsächlich ist der Kanzler schwer angeschlagen. Er ist unbeliebt wie kein Amtsinhaber vor ihm, wichtige Projekte sind geplatzt, jeden Tag schlechte Presse - und jetzt reicht man im politischen Berlin schon wieder eine wissenschaftliche Arbeit herum, die seine Arbeit in der Fraktion um die Jahrtausendwende gnadenlos sezierte.

Stur, eitel, nicht teamfähig

2005 hatte die jemand geschrieben, Grundlage waren Interviews mit vormaligen Fraktionskollegen. Das Fazit: Merz sei stur, eitel, nicht teamfähig, ungeduldig, würde Lagen oft falsch einschätzen. Also in etwa wie seine Kanzlerschaft - das macht den Text heute so interessant.

Merkels Intervention ist auch ein Hilferuf der politischen Mitte: Macht uns nicht völlig kaputt. Dass dieser Zustand bevorsteht, zeigt eine in dieser Woche populäre Gegenüberstellung zweier öffentlicher Auftritte.

Friedrich Merz sprach vor dem DGB und wurde ausgepfiffen und -gebuht. In ähnlich ruppiger Art hatten die Unternehmer auf dem Arbeitgebertag die Arbeitsministerin Bärbel Bas empfangen: Sie lachten die SPD-Chefin aus. Da sieht man einmal, so lauteten manche Analysen, wie kaputt der politische Diskurs ist.

"Merz, leck' Eier"

Man sehe auch, sagten andere, dass die Mitte sich gerade zerfleische. Mitschuld an allem sei, da waren sich fast alle einig, das verdammte Internet: Es belohne Zuspitzung, Radikalisierung, Lagerbildung.

Richtig ist daran: Jede Bühne ist vor allem eine Gelegenheit, vor passender Kulisse Inhalte für die eigenen Kanäle in Sozialen Medien zu produzieren. Dort ist das Publikum im Zweifel um den Faktor 100 oder 1000 größer als die Leute auf den Stühlen vor Ort. In den sozialen Medien wird nicht Kompromiss und Zugeständnis gefeiert, sondern Grenzwertiges und alles, was Identität stiftet.

Niemand symbolisierte das schöner als der linke Blogger Hannes Kreschel, der während Merz' Rede in eine hinter ihm stehende Kamera schaute und dabei abwechselnd an zwei Hühnereier leckte. "Merz, leck' Eier", sollte das heißen.

"Das mag für Sie lustig klingen"

Das wiederum ist eine Anspielung an einen zum Rap-Song avancierten Protestslogan: "Merz, leck Eier" sollte Widerstand gegen die anstehenden Wehrpflicht ausdrücken. Diese geht, wie die Älteren wissen, mit einer Musterung einher, an deren Beginn der Doktor untersuchend zwischen die Herrenbeine greift.

Merz und Bas leckten allerdings, metaphorisch betrachtet, ebenso Eier wie Hannes Kreschel. Tatsächlich haben sich beide so gut wie gar nicht auf ihr jeweiliges Publikum eingelassen. Damit aber sollten gerade jene Reden beginnen, die sich an ein kritisches, wenn nicht sogar feindliches Publikum richten.

Als Bärbel Bas bei den Unternehmern die nassforsche Rechnung aufmachte, die Haltelinie in der Rentenpolitik werde Beitragzahler nicht belasten, sondern man bezahle das aus Steuermitteln, brandete Gelächter auf. "Das mag für Sie lustig klingen", kommentierte Bas hilflos.

"Das ist keine Bösartigkeit von mir"

Sie wirkte überrascht - aber warum? Ihr Satz klang so, als hielte Bas Steuergeld für etwas, das im Bundeskanzleramt aus einem verzauberten Wasserhahn fließt. Es war auch keine unglückliche Formulierung oder ein Versprecher. Versprecher sind eine Sekunde lang lustig, aber bestimmen nicht auch Wochen später die Debatten. Bas' gesamte wirtschaftsfeindliche Rhetorik hatte die Arbeitgeber schon lange vor ihrem Steuerzahler-Satz zum buchstäblichen Kopfschütteln gereizt.

Auch bei Merz lag der Fehler nicht in einem Fehlgriff, sondern fehlender Empathie fürs Publikum. Seine Rede enthielt allerlei Ungeschicklichkeiten, etwa diesen bizarren Satz, mit dem er seine Rentenpolitik gegenüber den Gewerkschaftern rechtfertigte: "Meine Damen und Herren, das alles ist keine Bösartigkeit von mir oder von der Bundesregierung."

Wer formuliert denn so etwas? Es klingt, als spräche Merz mit einem kleinen Kind: "Ich meine es doch nicht böse." Mehr von oben herab geht kaum. Danach doziert der Jurist von "Demografie und Mathematik", da Merz noch immer an eine rationale Debatte glaubt. Da hatte Merz den DGB schon längst gegen sich.

"Preaching to the Choir"

Merz sprach nicht mit den Gewerkschaftern, sondern den eigenen Leuten, ebenso wie Bas nicht mit den Unternehmern, sondern ihren Fans redete. "Preaching to the Choir" nennen Amerikaner so etwas, in Anlehnung an Prediger im Süden der Vereinigten Staaten, die ihre flammenden Ausrufe ausgerechnet an den Chor richten, also die wohl frommsten Menschen in der Kirche.

Es ist eine Form vorgeblichen Diskurses: Merz und Bas reden mit den eigenen Leuten, nicht mit den Menschen vor ihnen. Darin liegt eine Kapitulation - das ist womöglich der traurigste rhetorische Befund.

Am Freitag ist Merz dann beim Katholikentag aufgetreten, wieder so ein Termin, bei dem man Selbstgespräche erwarten könnte - entsprechend kreisten viele Medienleute über dem Ereignis wie die Geier. Tatsächlich krakeelten ein paar Klimademonstranten dazwischen, wurden aber vom Moderator eingehegt, unter Applaus. Man wollte offenbar wirklich zuhören.

Nachdenklicher Merz

Merz wiederum gab sich nachdenklich: "Ich weiß, dass ich in meiner Kommunikation etwas verbessern muss, damit diese Botschaft besser verstanden wird", wird er zitiert. Mit dieser Frage beschäftige er sich immer internsiver.

Wenn Merkel Mitgefühl für Merz entwickelt - womöglich entwickelt Merz ja eines für die Öffentlichkeit.

Quelle: ntv.de

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