Wieduwilts Woche

Wieduwilts WocheTennis im Stromausfall - wenn es wenigstens Fußball gewesen wäre!

10.01.2026, 06:58 Uhr 20221217-Hendrik-Wieduwilt-075-highres-finalEine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
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Dass Kai Wegner während des Krisen-Managements Tennis spielte, wäre halb so wild gewesen - dass er behauptete, die ganze Zeit gearbeitet zu haben, weniger.

Kai Wegner hat mitten im katastrophalen Stromausfall ein paar Bälle geschlagen, statt frierenden Berlinern Kerzen zu reichen. Diesen Laschet-Moment wollte er dann durch eine Lüge kaschieren. Her mit dem Popcorn!

Ein bleischwer gestartetes Jahr bekommt endlich eine leichte Note und serviert uns die Sorte von Politskandalen, die wir am liebsten mögen: Solche, die sogar wir sofort verstehen.

Der Vorwurf, der gerade einen CDU-Spitzenmann den Kopf kosten könnte, lässt sich auf einem Bierdeckel vollständig beschreiben: Kai Wegner hat mitten in einem historischen Stromausfall mit seiner Freundin und Kabinettskollegin (Berlin!) eine Stunde Tennis gespielt und danach wahrheitswidrig behauptet, er hätte sich den ganzen Tag im "Homeoffice" eingeschlossen.

Das ist der gesamte Sachverhalt. Dass Wegner die Krise nicht gut gemanagt hat, lässt sich schwer behaupten: Denn der Stromausfall in Berlin endete anderthalb Tage früher als geplant. Wenn in Deutschland irgendetwas früher passiert als geplant, reden wir normalerweise von einstürzenden Brücken oder dem Ende von Regierungskoalitionen.

Im Sturm gehört der Kapitän auf die Brücke

Doch welchen Anteil so ein Bürgermeister hat, weiß natürlich niemand. Wegner hat ja nicht mit eigenen Händen die Starkstromkabel verbunden. Was aber jeder weiß: Im Sturm gehört der Kapitän auf die Brücke und nicht in die Sporthalle. Und: Kapitäne lügen nicht.

Das ist das Tragische: Politik ist wie ein sehr kompliziertes Theaterstück, in das jemand fürs breite Publikum einen Pupswitz eingebaut hat. Die meiste Zeit schauen wir mit milder Teilnahme zu, was die Politiker tun, entscheiden, behaupten, also die eigentliche Arbeit - bis endlich die eine Stelle kommt, die wir sofort verstehen, aber mit Sachfragen wenig zu tun hat.

Und wie sich die Öffentlichkeit in dieses Tennismatch bohrt! Kürzlich fragte mich ein Journalist, ob es für den noch amtierenden Berliner Bürgermeister nicht sogar besonders schlimm sei, dass er ausgerechnet Tennis gespielt habe, Tennis, diesen Sport der Reichen? Er meinte das ganz ernst.

Tennis: 80er-Schnöselsport der Teamunfähigen

Ich musste lachen: Berlin bekommt einen epochalen Stromausfall anderthalb Tage früher in den Griff als geplant und die Medien zerfleischen den Chef. Aber es stimmt schon: Hätte Wegner wenigstens Fußball gespielt oder geboxt oder etwas anderes Machermäßiges. Tennis? Das ist 80er-Schnöselsport für Teamunfähige. Und das passt natürlich zu einem ins Bild, der von sich behauptet, sich erst einmal ins Homeoffice einzuschließen, wenn es draußen ungemütlich wird. Mit der Realität hat das alles nichts zu tun.

Aber die Öffentlichkeit ist eben, wie sie ist: launisch, oberflächlich, vorurteilsbeladen. Sie interessiert sich nicht für Erfolgsfaktoren bei der Leitung von Krisenstäben oder die Fragilität von Stromnetzen. In der ersten Stunde einer jeden Katastrophe beginnt daher stets ein 24h-Charaktertest für die Führung. Das könnte man durchaus wissen, als politische Führungskraft.

Chancen der Krisen

Doch die Liste der Politiker, die es verbockten, in Krisenzeiten ein angemessen ernstes Verhalten an den Tag zu legen, ist lang: Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping planschte für die "Bunte" im Jahr 2001 mit seiner Frau und ertränkte nebenbei seine Karriere: Denn seine deutschen Soldaten standen kurz vor ihrem Einsatz auf dem Balkan.

Die frühere Bundesfamilienministerin Anne Spiegel und die frühere NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser hielten sich zur Zeit der Flutkatastrophe im Ahrtal zu oft in freizeitlichen Gegenden auf, beide überstanden es nicht. Und Armin Laschet - lachte inmitten der Flutruinen.

Dabei steckt in jeder Krise eine große Chance für Instinktpolitiker. Gerd Schröder zog sich in der Flut die Gummistiefel an und bezwang auch deshalb kurz darauf Ed Stoiber - Letzterer war sich für so einen medienwirksamen Flutbesuch zunächst zu fein gewesen.

"Muffen" und "Kupferlitzen"

Aber dafür muss man als Politiker den Kopf, Entschuldigung, aus dem eigenen Hintern ziehen. Dass das in Berlin gründlich misslang, zeigte schon eine bizarre Pressekonferenz mit unter anderem Kai Wegner und der Energiesenatorin Franziska Giffey. Man merkte von der ersten Sekunde an: Hier reden Politikerinnen und Politiker vor allem mit sich selbst.

Giffey etwa führte eine Folge "Telekolleg" auf, sprach von Details der Reparaturen, von "Muffen" und "Kupferlitzen". Die Verkehrssenatorin rumpelte vom "verkehrlichen Bereich", der erfasst worden sei, meinte dabei wohl das, was man in Berlin für gewöhnlich "S-Bahn" nennt. Wegner selbst redete über die nunmehr intakte "Nahversorgung", was ein Behördenwort für "Supermarkt" sein könnte, und von der Polizei, die "stark im Raum" stünde.

Man verstand also kein Wort, die "Bild" sprach trefflich von Geschwurbel. So ein förmlich-gestelzter Quatsch windet sich in der Regel dann aus Mündern, wenn Menschen sich schon sprachlich nicht mehr in die Nähe ihrer Zuhörer trauen, sei es aus Angst, Überarbeitung oder Überforderung. Dann braucht es Distanz: Erst mal weg hier, ob durch Sprache oder durch Freizeitsport zur Unzeit.

Ist Wegner der Richtige?

Tragisch ist diese Geschichte, aber so ist das Politikerleben. Im Herbst wählt Berlin. In der CDU haben manche naturgemäß nun schlecht versteckte Fragezeichen im Gesicht: Ist Wegner der Richtige?

Armin Laschet, Olaf Scholz und auch Friedrich Merz waren die jeweils politisch-sachlich richtigen Kandidaten ihrer Parteien, aber keiner von ihnen besaß überdurchschnittlich viel Medieninstinkt, Präsenz oder gar Charisma.

Man könnte, sollte, müsste wohl irgendwann aus diesen Biografien lernen.

Quelle: ntv.de

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