Wieduwilts Woche

Wieduwilts Woche Wenn Selenskyj bei mir Rat sucht, werfe ich meinen Job hin

46cc6ccfce981e3dd292e48b2114d9c9.jpg

Selenskyj bei seiner Rede vor dem US-Kongress in Washington.

(Foto: dpa)

Der Auftritt des ukrainischen Präsidenten in Washington war ein Meisterwerk der politischen Kommunikation. Wir Deutschen werden seine Bedeutung vermutlich unterschätzen, wie so oft.

Wolodymyr Selenskyj hat Washington besucht und Europa fühlt sich wie Christian vom Controlling, der beim Büro-Wichteln eine kaputte Lichterkette abbekommt: abgemeldet und ein falsches Lächeln auf den Lippen. Da fliegt der Präsident der Ukraine lieber über den Atlantik als kurz nach nebenan? Was erlaubt sich dieser Typ in Olivgrün?

Hatten wir ihm und seinem Land nicht fest die Daumen gedrückt und immerhin ein paar Milliarden Euro Hilfen gespendet? Nehmen wir nicht gerade ukrainische Flüchtlinge auf und beschimpfen sie allenfalls gelegentlich als "Sozialtouristen"? Gut: Dem Botschafter Andrij Melnyk mussten wir - leider, leider! - schlechtes Betragen attestieren, aber den Wert von Ordnung müsste doch gerade der Präsident eines zerbombten Landes gut verstehen!

Das Problem mit Christian vom Controlling ist, dass er neulich im Meeting laut mutmaßte, dass Andrea aus der Marketingabteilung "wohl kaum" ihre Erkrankung überleben werde - oder eben das Nachbarland im Herzen von Europa den Hagel russischer Geschosse. Es hilft auch nicht, wenn der Bundeskanzler den kriegsverbrecherischen Überfall Russlands auf die Ukraine betulich als "große Meinungsverschiedenheit" verklärt. Soll Selenskyj da ernsthaft in Berlin auftauchen? Und riskieren, dass sein Publikum wieder brav den anwesenden Geburtstagskindern gratuliert?

Auch unser finanzieller Beitrag für die Verteidigung der Freiheit ist im Vergleich gering. 80 Jahre nach dem Eintritt der Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg ist hier noch immer nicht restlos klar, dass Aggressoren sich nicht wegflehen lassen. Auf über 60 Milliarden Euro beläuft sich die Unterstützung der Amerikaner, etwa 7 leistet Deutschland - die Hilfen aller EU-Mitglieder und der EU aufsummiert haben gerade so eben die amerikanischen Leistungen überholt, wie das Institut für Weltwirtschaft ermittelte.

Ein Meisterstück politischer Kommunikation

Der uns also entgangene Auftritt Selenskyjs war, einmal rein kommunikativ betrachtet, ein makelloses Meisterstück. Sollte in meinem E-Mail-Postfach je ein Auftrag aus der ukrainischen Regierung hereinflattern, werfe ich sofort das Macbook aus dem Fenster und gebe das Geschäft auf. Was soll man dieser Regierung raten, was sie nicht schon weiß?

Die Bilder: Der Auftritt in Washington sah aus wie der Ausschnitt eines Michael-Bay-Films: Selenskyj im olivgrünen Pullover, umringt von bunten Kostümen, adrett gebügelten Anzügen, dem grellen rot-weiß-blau des Sternenbanners, dem polierten Holz. Stimmt schon: Wer es im Krieg unabgeschossen über den Atlantik schafft, der müsste wohl auch ein paar Minuten finden, um sich eine Krawatte zu binden. Aber das Bild ist wichtiger: Selenskyjs Aufzug ist die auf dem Leib getragene Mahnung, dass in der Ukraine nichts normal ist. Noch bevor er etwas sagt, ist die Botschaft im Raum: Ich bin nicht Teil Eurer geordneten Welt.

Die Requisiten: Selenskyj brachte eine Flagge aus Bachmut mit. Das war nicht nur nationale Dekoration oder eine weitere Erinnerung aus dem Krieg: Damit ließ Selenskyj eine ganze aktuelle Geschichte in einem Bild gerinnen. Er hatte nämlich - anders als Putin - unmittelbar zuvor in der Ostukraine die Front besucht.

Pavlo schießt und Biden schwingt die Faust

Solche Requisiten können eine politische Rede verstärken und verewigen: Ex-US-Außenminister Colin Powell hielt eine vermeintliche Anthrax-Phiole hoch, um den Einmarsch in den Irak zu rechtfertigen, Microsoft-Gründer Bill Gates zeigte einmal ein Glas voll Exkrementen, um für sauberes Wasser zu werben - und der SPD-Finanzpolitiker Lothar Binding erlangte für seinen Zollstock einen gewissen Kultfaktor.

Die Erzählung: Selenskyj wird die Geschichte von Bachmut später sogar noch verlängern und mit weiteren Requisiten konturieren. Er gibt Joe Biden am Lagerfeuer einen militärischen Orden auf den Weg, dieser habe einem Captain der HIMARS-Artillerie, Pavlo, gehört.

Bemerkenswert: Als der Ukrainer das von Pavlo kommandierte Raketensystem erwähnt, schwingt Joe Biden die Faust. Es ist eine bestärkende, kämpferische Geste, die hierzulande schlicht undenkbar wäre. Als unser Olaf Scholz auf einen Gepard kletterte, wirkte es, als habe ihn sein Presseteam dazu mit vorgehaltener Waffe gezwungen.

Und dann diese Rede: Selenskyj schafft, was den wenigsten Rednern gelingt: Er spricht nicht über sich, sondern seine Zuhörer: Viermal sagt er "me", dreißig Mal "ich" (meistens in Form von "ich danke") - "you" oder "your" sagt er hingegen 46 Mal. Er jammert nicht, er fleht nicht, er weckt stattdessen den Wunsch seiner Zuhörer, Teil etwas Größeren zu sein - den Wunsch nach Biografievergoldung. Er weiß, worum es allen Zuhörern geht, immer und überall: sich selbst.

Selenskyj, der beste Verführer seit Obama

Die Ukraine habe gesiegt, sagt Selenskyj, Amerika habe gesiegt, Europa habe gesiegt. Der 170 Zentimeter große Mann steht glanzlos im demokratischen Prunk Amerikas und bietet seinen Zuhörern an, Teil seiner Heldengeschichte zu werden. Seine Rede ist, wie meist, perfekt auf die Zielgruppe abgestimmt. Er erinnert im Kongress an den Wendepunkt im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der Schlacht von Saratoga, er weiß, wie er hier punktet.

So wird der Saal zu einem Resonanzraum, in dem Publikum und Redner in gemeinsame Schwingung geraten. Selenskyj sagt sogar wortwörtlich, er hoffe auf "Widerhall" in den Herzen seiner Zuhörer. Er hat den Saal dermaßen in seiner rhetorischen Gewalt, dass er ihn sogar zum freundlichen Lachen bringt, als er über Krieg und Munitionsknappheit spricht. (Ich weiß, was Sie denken: Darf man da lachen? Aber über deutschen Humor sprechen wir ein anderes Mal.)

Selenskyj ist ein Verführer, wie man ihn seit Barack Obama nicht gesehen hat. Das ist gut - wenn man denn auf der Seite der Ukraine steht. Wenn nicht, muss man den Präsidenten und seine Kommunikation mindestens so sehr fürchten wie hundert HIMARS-Batterien.

Der Auftritt hat die kulturellen, staatlichen und menschlichen Seile zwischen der Ukraine und Amerika gestärkt. Wir Europäer? Sind nicht dabei. Wir halten die kaputte Lichterkette in den Händen - und manch einer wird sogar befremdet sein von diesem Film der Freiheit, der da drüben gezeigt wurde.

Feiertags- und urlaubsbedingt erscheint die nächste Kolumne voraussichtlich am 27. Januar.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen