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Niedersachsen & BremenBrennnesseln statt Chia: Kräuterwanderung zur Heideblüte

12.08.2026, 05:33 Uhr
Sonnenuntergang-in-der-Lueneburger-Heide

Altes Kräuterwissen aus der Lüneburger Heide: Eine Natur- und Landschaftsführerin plädiert dafür, heimische Pflanzen wieder mehr zu nutzen. Auch per Kutsche erklärt sie die Geheimnisse der Natur.

Oberhaverbeck (dpa/lni) - Brennnesseln statt Chiasamen als Eiweißlieferant, Wacholder als natürliches Antibiotikum und Gladiolen-Blüten im Salat – eine Kräuterwanderung zur Heideblüte ist wie eine kleine Bildungsreise. "Die Brennnessel ist eine Alleskönnerin für das menschliche Immunsystem", erklärt Marion Putensen, zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin. Sie zupft die Samen des Unkrauts ab und gibt klare Anweisungen: "Wenn ihr das verspeichelt, schmeckt es nussig und ist gesund."

Das nährstoffreiche, entzündungshemmende Heilkraut enthalte mehr Eiweiß als ein Steak, liefere zudem Vitamin C, Eisen und Kalzium. Weil die Brennnessel so faserhaltig ist, wurde sie früher zu Kleidung und Netzen verarbeitet. Im Zweiten Weltkrieg half sie in Suppen gegen den Hunger. Auch der Wacholder als typische Heilpflanze gehörte früher in jede Bauernapotheke.

Erst 30 Prozent der Heideblüte erreicht

Bei der Wanderung von Oberhaverbeck ins autofreie Dörfchen Wilsede mit seinen Reetdachhäusern demonstriert Putensen die Verwendung des Unkrauts am Wegesrand. Pflücken mehrerer Pflanzen ist im Naturschutzgebiet der Lüneburger Heide allerdings verboten.

Die 20 Teilnehmer zu Beginn der Heideblüte – erst etwa 30 Prozent sind erreicht – kommen alle aus einem einjährigen Ausbildungskurs zu Kräuterfachfrau oder -mann. Sie treffen sich einmal im Monat ein Wochenende und bearbeiten in der Waldkräuterey von Putensen in Amelinghausen am Lopausee Pflanzen für Arzneien und Kosmetik.

Alle sind interessiert und aufgeschlossen, aber nicht alles wollen sie probieren. So pflückt Putensen den Zapfen einer Kiefer und zeigt, wie er früher als Kaugummi und Zahnpasta verwendet wurde. "Sie sind das Gold des Waldes", sagt sie. Das Harz sei gut für die Mundhygiene. Der Nachteil: die ziemlich klebrigen Hände danach. Wenn die Zapfen grün sind, sei es die beste Zeit, um Schnaps daraus zu brennen oder Erkältungssalbe anzurühren. Im Elsass gelten gekochte und in Zucker eingelegte Tannenzapfen als Delikatesse.

Kräuterbuffet in Wilsede

Mitten in dem 40-Seelen-Ort Wilsede erwartet die Gruppe ein farbenfrohes Buffet mit selbst angerichteten Köstlichkeiten rund um die Wildkräuter. Vom Nudelsalat mit Lindenkapern über Brennnessel-Tsatsiki mit Minze zu Wiesenkräuterbutter sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Getrunken wird Heidjerblut - Heidjer nennen sich die Bewohner der Heide - ein Extrakt aus Heidelbeeren, Cranberrys und Kräutern. Heidelbeeren sollen gut für die Herzgesundheit und gegen Alzheimer wirken.

Putensen probiert mit ihren Schülerinnen und Schülern viel aus und hat eine Maxime: "Für mich ist es ganz wichtig, dass den Leuten nichts vorgegaukelt wird." Torsten aus der Nähe von Uelzen hat mit den Tipps schon experimentiert. Sein Favorit derzeit ist Apfelessig, den er wochenlang zu Hause reifen lässt. Er ist überzeugt, "dass der Körper die Heilkräuter viel besser aufnehmen kann als künstlich hergestellte Produkte".

Teilnehmer wollen Wissen weitergeben

Maike aus Tarmstedt (Landkreis Rotenburg) interessiert sich für die medizinischen Aspekte und gibt selbst inzwischen Kurse. "Ich gehe auch auf Märkte und erkläre die Produkte", erzählt die Rentnerin, die das alte Wissen weitergeben möchte.

Wenn das Licht weicher wird, die Sonne über dem morgens bei Fotografen beliebten Totengrund untergeht, gerät Putensen ins Schwärmen: "Ich liebe die Heide, die Weite dient dazu, an nichts zu denken". Das Naturerlebnis in der therapeutischen Landschaft sei geeignet als Gesundheitsprävention und stärke das Immunsystem. "Hier kann man runterkommen."

Wilsede ist nur zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf einer Kutsche zu erreichen. Für Menschen, die nicht so mobil sind oder etwas Besonderes planen, bietet sie einen Ausflug mit einer Kräuterkutsche inklusive Verköstigung an.

Kutschfahrten zur Heideblüte verändert - wenige Kutscher

Auf den offiziellen Parkplätzen als Startpunkt für Ausflüge warten die wenigen Kutscher und werden derzeit besonders an den Wochenenden von Gästen überrannt. "Wir sind ein aussterbendes Gewerbe, es sind viele Betriebe weggefallen", sagt Jürgen Hillmer, der drei Gefährte besitzt. Hauptberufliche Kutscher gibt es nicht mehr viele.

Reine deutsche Kaltblüter ziehen die Senioren über die unebenen Wege in der Heide, gerade kommt in Oberhaverbeck ein Bus aus Hannover an. Eineinhalb Stunden kosten bei ihm 18 Euro. Die Ausflugszeiten hätten sich geändert: "Die Leute schlafen aus und wollen nachmittags wieder rechtzeitig im Hotel sein."

Der große Feind des Gewerbes seien inzwischen aber die Kreuzfahrtschiffe. "Die Busse zu uns in die Heide sind nicht mehr ausgebucht." Zudem werde mehr gewandert. "Und die Rüstigen haben ein E-Bike", erzählt Hillmer.

Quelle: dpa

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