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Nordrhein-WestfalenMission Bildung - "Hingehen, wo es wehtut"

24.07.2026, 07:32 Uhr
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In Deutschland herrscht Bildungsungleichheit. Der Verein "Tausche Bildung für Wohnen" fördert Kinder aus benachteiligten Vierteln. Die Idee aus Duisburg wächst und wächst.

Duisburg (dpa/lnw) - Es wird getobt, gelacht, Rohkost und Obst geknabbert - und dann in kleinen Gruppen konzentriert Lesen geübt, gerechnet oder Rechtschreibung vertieft. Die meisten Kinder kommen direkt nach der Schule, sie heißen Omar, Shahira, Richard oder Youssef, und sie wachsen allesamt in einem nicht privilegiertem Umfeld auf. Sie profitieren von einer Idee, die in Duisburg-Marxloh entstand, die seit Jahren wächst, inzwischen an mehreren Standorten in Deutschland umgesetzt wird und auch Auszeichnungen erhalten hat.

Spielerisch lernen mit Bildungspaten: Eine Win-Win-Idee

Das Konzept heißt "Tausche Bildung für Wohnen" und hat bundesweite Schlagzeilen gemacht. In einer geräumigen Wohnung in der Ruhrgebietsstadt ging es 2014 los. Seitdem kommen Tag für Tag viele Jungen und Mädchen in das frühere Pfarrhaus. Ihre Bildungspaten erwarten sie schon. Ganz ähnlich geht es nun auch an Standorten in anderen Städten zu.

Erst mal sind Tischkicker oder Stöbern in der Spieleauswahl gefragt. Die Jungen und Mädchen dürfen sich bei dem Angebot auch ein bisschen auspowern. Danach ist Runterkommen angesagt. Es geht in kleinen Gruppen ans Lernen, an die Hausaufgaben - zusammen mit den geschulten Patinnen und Paten. Sie begleiten und betreuen die Kinder ein Jahr lang eng und können währenddessen mietfrei in einer WG wohnen. Die meisten kommen aus anderen Städten und stehen oft nach ihrem Schulabschluss vor einer beruflichen Orientierung.

"Die Kinder haben alle viel Förderbedarf und wir lernen mit ihnen auf eine besondere Art und Weise, oft auch spielerisch", sagt Jessica Becker, pädagogische Standortleiterin in dem Duisburger Viertel, das von Zuwanderung und hoher Armutsquote geprägt ist. "Für viele Kinder ist das hier ein zweites Zuhause. Die meisten haben viele Geschwister, ihnen fehlen daheim Ruhe und Räumlichkeiten zum Lernen." In manchen Fällen sind Lehrkräfte einbezogen, die auf bestimmte Probleme oder anstehende Klassenarbeiten hinweisen.

Keine Nachhilfe - sondern eine Idee, die sich ausbreitet

"Der Kern ist Beziehungsarbeit, als Grundlage für die Kinder, damit sie etwas aufnehmen, gut lernen können", erläutert die Gründerin des Vereins, Christine Bleks. Auch in Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Hamburg und Witten gibt es "Tausche Bildung für Wohnen". Köln folgt im kommenden Sommer. Zwei weitere Standorte - in Berlin, München, Frankfurt am Main, Stuttgart oder Leipzig - hat sie für 2028 im Blick.

"Wir sind keine Nachhilfeschule", stellt Bleks klar. Die intensive kostenlose Lernförderung ist ein wichtiger Teil, aber hinzu kommen gemeinsame Ausflüge, es wird gekocht, im Garten gewerkelt - neue Horizonte werden eröffnet. Die Kinder sollten soziale Kompetenzen erlernen, Selbstbewusstsein entwickeln, Lebensfertigkeiten ausbilden, schildert sie. Kurzum: Die Entwicklung der Persönlichkeit steht genauso im Fokus wie die Bildungsarbeit.

Jedes Jahr können an allen Standorten 450 bis 500 Kinder profitieren, der Bedarf ist aber viel größer. Das gilt auch für Duisburg, wo an jedem Tag 40 bis 60 Jungen und Mädchen der 1. bis 7. Schulkasse kommen können. "Der Andrang ist groß", erzählt Leiterin Becker. Bedürfnisse, Fähigkeiten und Lerntempo sind unterschiedlich. Ein Pate betreut maximal vier Kinder, jedes nach einem passenden Programm. Auch in diesen Sommerferien gibt es wieder mehrwöchige Ferienprojekte.

Bildungsstudien fördern alarmierende Ergebnisse zutage

Bildungschancen hängen in Deutschland noch immer stark von der Herkunft ab, wie auch der nationale Bildungsbericht 2026 gerade wieder gezeigt hat. Bildungsungleichheit beginnt demnach früh und verstärkt sich "entlang der gesamten Bildungsbiografie". Jedes vierte Kind ist von Armut, Erwerbslosigkeit oder geringen Bildungsabschüssen der Eltern betroffen. Acht Prozent aller Schülerinnen und Schüler machen keinen Abschluss.

Eine Unicef-Studie kritisiert als "alarmierend": Nur noch 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik. Auch beim Wohlbefinden liege Deutschland unter 37 wohlhabenden Staaten im unteren Mittelfeld und bleibe weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Verein geht "gezielt dorthin, wo es wehtut"

"Wir haben Bildungsungerechtigkeit und es ist ein Postleitzahlenproblem", betont Bleks. In strukturell benachteilige Stadtteile fließen besonders wenig Mittel - ein Skandal, sagt sie. Mission des Vereins ist umso mehr: "Wir gehen gezielt dorthin, wo es wehtut, und bieten eine Insel für die Kinder."

Auch die Patinnen und Paten profitieren: "Sie bekommen einen feinkörnigeren Blick für soziale Ungerechtigkeit und gewinnen an Haltung", sagt Bleks. Mehrere Stiftungen und Partner helfen, etwa mit der Bereitstellung von Wohnungen.

Auch für die Bildungspaten ein Gewinn

"Das Konzept ist cool, ich habe ein gutes Verhältnis zu den Kindern aufgebaut", erzählt Bildungspatin Paula aus München. "Hauptfokus ist eine gute Beziehungsarbeit". Vormittags bereitet sie die Lernförderung vor, nachmittags kommen die Kinder nacheinander in zwei Gruppen. Die 20-Jährige leistet Bundesfreiwilligendienst. Nach fast einem Jahr im Projekt steht für sie fest: "Ich möchte in dem Bereich bleiben und werde Soziale Arbeit studieren."

Gerade beugt sie sich mit Hajar über Wortschatz-Übungen: Paula liest einen Satz und das Mädchen zeigt auf das Bild, das inhaltlich dazu passt. "Anstrengend?", fragt Paula nach einer Weile. "Ja, aber ich will noch mehr", sagt die Zweitklässlerin.

Am Tisch gegenüber liest Dina konzentriert Wort für Wort, bei schwierigen Wörtern wie "frisst" oder "Qualle" auch mal Buchstabe für Buchstabe. "Das macht Spaß", findet die Neunjährige. Mathe und Deutsch fallen ihr schwer, erzählt sie. "Aber ich bin schon besser geworden."

Entwicklungen und Fortschritte werden geprüft

Regelmäßige Befragungen von Kindern, Eltern, Lehrkräften sowie Paten und Ehemaligen zeigen "absolut positive Ergebnisse", betont Bleks. Derzeit werde die Arbeit zudem wissenschaftlich evaluiert, in einem Zweijahresprojekt der Fachhochschule Dortmund. Rund 4.500 Kinder haben bislang deutschlandweit profitiert - und es sollen mehr werden. Die zwölfjährige Kautar ist jedenfalls happy: "Die Erwachsenen helfen uns bei allem, mir gefällt es hier total gut."

Quelle: dpa

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