ThüringenWarum Archäologen auf Toiletten-Funde hoffen

Für sein jüdisch-mittelalterliches Erbe hat Erfurt den Welterbetitel erhalten, doch längst ist nicht alles dazu bekannt. Grabungen beim Rathaus sollen neue Erkenntnisse zutage führen.
Erfurt (dpa/th) - Überreste des sogenannten Tanzhauses und Überbleibsel einer längst vergangenen Alltagskultur haben Archäologen bei Grabungen hinter dem Erfurter Rathaus entdeckt. "Die Arbeiten waren mit viel Aufwand verbunden", sagte Karin Sczech, Beauftragte für das Unesco-Welterbe der Stadt. Viel Erde sei bewegt worden. Gegraben wurde seit Anfang August auf einer Fläche von etwa 80 Quadratmetern und bis zu drei Meter tief auf dem heute als Parkplatz genutzten Areal. Mindestens vier Keller entdeckten die Fachleute, darunter auch eine Mauer des Tanzhauskellers.
Das sei keine Überraschung gewesen, sagten Sczech und Christian Tannhäuser, Gebietsreferent für Mittelthüringen beim Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Es sei bekannt, dass an dieser Stelle im Stadtzentrum das Tanzhaus der zweiten jüdischen Gemeinde stand. Dort wurden Hochzeiten und andere Feste gefeiert. Auf dem Areal gab es Quellen zufolge weitere Wohnhäuser und den jüdischen Gemeindebrunnen. Von 1354 bis 1454 war die jüdische Gemeinde dort laut Stadt zu Hause.
Nach Abschluss der Grabungen am vergangenen Freitag soll der Parkplatz wieder hergestellt werden. Das beeinträchtige die im Erdreich verbleibenden Funde nicht, betonte Tannhäuser. Perspektivisch könnte auf dem Parkplatz ein Welterbe-Zentrum entstehen. Dafür gibt es bislang aber weder Finanzierung noch feste Planungen. Im kommenden Jahr soll dort an anderer Stelle eine weitere Grabung folgen.
Weitere Grabung 2027 geplant
Dann Überreste des Gemeindebrunnens zu entdecken, oder auch von einer Toilette aus der Zeit der zweiten jüdischen Gemeinde, wäre für Sczech und Tannhäuser eine Sensation. Denn davon versprechen sie sich deutlich mehr Erkenntnisse über den Alltag der Gemeinde, als etwa durch einen Fund wertvollen Schmucks oder anderer Kostbarkeiten, die wohl nur wenigen Gemeindemitgliedern vorbehalten waren.
Fundstücke wie Tierknochen und Scherben der aktuellen Grabung werden nun gesäubert und genauer untersucht. "Das sind klassische Alltagsabfälle des Mittelalters, wie wir sie auch von anderen Orten in Erfurt kennen", sagte Tannhäuser. Zu sehen sein sollen die Fundstücke später in einem Container, der am Parkplatz steht und über die Grabungen und das Welterbe informiert.
In der Altstadt Erfurts sind heute noch bauliche Zeugnisse der jüdischen Gemeinde des Mittelalters zu finden, darunter die Alte Synagoge und ein Ritualbad. 2023 nahm die Unesco Erfurt für dieses jüdisch-mittelalterliche Erbe in die Liste des Welterbes auf.