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Marathoni Pfeiffer im Interview "Das wäre Olympia der Atemschutzmasken"

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Hendrik Pfeiffer hat die Qualifikationsnorm für die Olympischen Spiele unterboten. Aber ob er starten kann, ist völlig unklar.

(Foto: imago images/Horst Galuschka)

Hendrik Pfeiffer ist einer der besten deutschen Marathonläufer. Vor drei Wochen knackt er die Olympianorm in 2:10:18 Stunden. Eigentlich will sich der 27-Jährige derzeit im kenianischen Laufmekka Iten auf das absolute Saison-Highlight, die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, vorbereiten.Im Interview erklärt er, warum die Corona-Krise dies unmöglich macht und was das für ihn bedeutet.

Herr Pfeiffer, wie geht es Ihnen? Sind Sie gut nach Deutschland zurückgekommen?

Hendrik Pfeiffer: Ja, das war wirklich die größte Erleichterung, dass ich vernünftig herausgekommen bin. Es war beängstigend, was allein in den letzten fünf bis sechs Tagen passiert ist. Wir haben über die Medien die ganzen Eilmeldungen bekommen und ich habe dann teilweise meinen Augen nicht getraut. Das war beunruhigend und ich habe mir Sorgen gemacht, nicht mehr rechtzeitig wegzukommen oder in Kenia zu stranden. Wir haben dann möglichst schnell Flüge gebucht und uns auf den Rückweg gemacht. Was wirklich gemein war: Die Fluggesellschaften haben die Flugpreise um ein Vielfaches erhöht. Der Direktflug nach Europa hat am Sonntag noch 300 Euro gekostet, am Montag plötzlich 2.100 Euro. Ich habe dann zum Glück noch ein günstigeres Ticket bekommen, musste aber über Uganda fliegen. Dort hatte ich ein mulmiges Gefühl. Am Flughafen kam direkt Sicherheitspersonal und hat uns aussortiert, weil wir aus einem "Risikoland" kommen und wir mussten in Quarantäne. Das war alles sehr abenteuerlich.

Eigentlich sollten Sie sich in diesen Tagen in Kenia auf den Berliner Halbmarathon und die Olympischen Spiele in Tokio vorbereiten. Dann kam alles anders. Wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?

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Vor drei Wochen war ich noch im siebten Himmel, als ich in Sevilla die Olympia-Norm gerannt bin. Das war ganz kurz, bevor die Corona-Krise in Europa so richtig ausgebrochen ist. Dann sind wir nach Kenia gefahren - da haben wir uns erste Sorgen gemacht. Die Nachrichten aus Italien und Europa haben uns Tag für Tag heruntergezogen. Das Meiste haben wir über die Medien erfahren. Wenn ich kein Handy gehabt hätte, wäre mir in den ersten Tagen in Kenia nichts aufgefallen. Die ständigen Eilmeldungen haben an der Moral gezehrt. Es war sehr besonders unangenehm, dass die Meldungen immer scheibchenweise kamen: Meldungen aus der Politik über neue Maßnahmen, gleichzeitig gab es auch ganz viele Rennabsagen. Dadurch war es wirklich schwierig, die Motivation zu halten. Ich bin in der relativ komfortablen Situation, dass ich die Olympianorm schon erfüllt habe. Aber alle meine Kollegen brauchen unbedingt noch einen Marathon im Frühjahr, um die Möglichkeit zu haben, sich zu qualifizieren. Als der Berliner Halbmarathon abgesagt wurde, für dessen Vorbereitung ich nach Kenia gefahren bin, war das eine richtige Ohrfeige.

Welche Folgen haben die Absagen für Sportler?

Mittlerweile ist die Situation so, dass es eigentlich keine Optionen mehr im Rennkalender gibt. Das hat Konsequenzen für die Sportler. Viele waren sehr mitgenommen. Es waren sehr schwierige Tage. Das hat sich bei mir sogar durch psychosomatische Probleme geäußert. Ich hatte einen unglaublich verkrampften Rücken, konnte kaum noch trainieren. Spätestens da war mir klar, es ist nicht leistungsfördernd ist, sondern ich mir wirklich Sorgen mache, nicht mehr aus dem Land zu kommen. In Kenia gab es auch erste Maßnahmen: Schulschließungen, wir durften am Ende nicht mehr in Gruppen trainieren.

Hinzu kommt: Meine Eltern gehören auch zur Risikogruppe. Wenn sie jetzt erkrankten und ich nicht aus Kenia rausgekommen wäre, wäre das ein Horror-Szenario gewesen. Ein untergeordneter Grund für die schnelle Abreise war, dass sich die Reaktion der Leute vor Ort geändert hat: Man wurde nicht mehr ganz vorbehaltlos angeguckt. In vielen Köpfen war wohl verankert: Die Krankheit wird von Ausländern ins Land getragen. Die Angst vor dem Virus ist in Kenia relativ ausgeprägt. Viele denken, dass man davon mit hoher Wahrscheinlichkeit stirbt. Aktuell gibt es noch nicht viele Infizierte - zumindest offiziell -, aber wenn sich die Todesfälle häufen, könnte sich die Stimmung auch verschärfen und es könnte zu Anfeindungen kommen. Diese verschiedenen Gründe haben dazu geführt, dass ich möglichst schnell abgereist bin.

Das große Highlight in diesem Jahr sind eigentlich die Olympischen Spiele. Ist es Ihrer Meinung nach überhaupt noch ansatzweise realistisch, dass Olympia 2020 stattfindet?

Ich halte es für schwierig, jetzt eine Entscheidung zu treffen. Deswegen bin ich einverstanden mit der aktuellen Linie und er Tatsache, dass die Entscheidung auf Mai verschoben wird. Mittlerweile halte ich es für eher unwahrscheinlich, dass Olympia stattfindet. Wenn es jetzt wie geplant im Sommer stattfindet, liegt auch ein großer Schatten darüber. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dann befreite Spiele wären, zu denen man vorbehaltlos hinfährt. Da wäre dann ein Olympia der Atemschutzmasken. Das wäre dann nicht das, was man sich unter Olympia vorstellt.

Was wünschen Sie sich vom IOC beziehungsweise den Verbänden?

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Das Olympische Feuer ist in Japan angekommen.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Was den Athleten derzeit wichtiger ist als ein klarer Termin für Olympia, ist Klarheit über das Qualifikations-System. Für die meisten Sportler geht es jetzt darum, sich überhaupt zu qualifizieren. Auch ich habe zwar die Norm erfüllt, aber ob man dann am Ende zu den schnellsten Drei gehört, zeigt sich erst noch.

Aktuell gibt es drei Szenarien. Erstens: Olympia findet wie geplant statt. Zweitens: Es wird abgesagt, was ja keiner will. Und drittens: Olympia wird auf 2021 oder 2022 verschoben. Man sollte jetzt für alle drei Szenarien konkrete Maßnahmen für die Athleten entwickeln. Gerade mit Blick auf die Quali. Das wäre die größte Erleichterung, die man den Athleten machen könnte. Dann wissen wir, worauf wir uns einstellen können. Stand jetzt, weiß ich nicht, ob Olympia stattfindet, ob ich dabei bin, und ob meine Konkurrenten noch eine Möglichkeit haben, sich zu qualifizieren.

Sie arbeiten seit Jahren auf das große Ziel Olympia hin. Wie groß wäre bei einer Absage die Enttäuschung?

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Damit will ich mich noch gar nicht beschäftigen. Das wäre das Bitterste, was passieren könnte. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, Normen zu erfüllen und dann wegen Verletzungen nicht antreten zu können. Das wäre besonders bitter, wenn es jetzt ausgerechnet im Olympiajahr wieder nicht klappt. Das ist auch schwer, psychologisch zu verarbeiten. Ich muss jetzt versuchen, damit positiv umzugehen und habe Vertrauen, dass die Funktionäre Lösungen finden, die für alle Athleten fair sind. Wir müssen uns leider jetzt ein bisschen dem Schicksal ergeben. Aber das gilt natürlich nicht nur für Sportler. Viele Leute sitzen jetzt in demselben Boot. Wichtig ist, Ruhe und einen kühlen Kopf zu bewahren.

Wie geht es jetzt für Sie weiter? Wie sieht das Training aus?

Ich habe den Vorteil, dass ich nicht mehr auf den Frühjahresmarathon angewiesen bin. Ich kann es jetzt also etwas "laufen lassen". Ich werde nun eine gewisse Grundfitness halten, denn ich habe erst mal kein konkretes Datum mehr, auf das ich hin trainiere. Deswegen ist es schwierig, das Training konkret auszurichten. Es wird sich vor allem auf Dauerläufe beschränken, um meine Grundfitness und Ausdauer zu halten. Dann bin ich in dem Zustand, in dem ich schnell angreifen kann, wenn die ersten Wettkämpfe wieder angeboten werden, ich bin also im Stand-by-Modus.

Inwiefern hat diese Zwangspause finanzielle Auswirkungen auf Sie?

Generell gilt: Je länger die Pause dauert, desto mehr sind wir betroffen. Desto mehr geht es an die Substanz und Existenz. Mir fällt zum Beispiel das Antritts- und Preisgeld vom Berliner Halbmarathon weg, das ich schon für das Trainingslager im Sommer eingeplant hatte.

Betroffen sind vor allem die, die den Frühjahresmarathon machen wollten. Denn der nimmt den größten Anteil am Einkommen ein. In der Marathonszene kann man in der Regel nur zwei große Marathons laufen - Frühjahr und Herbst -, mit denen sichern sich viele einen großen Teil des Einkommens. Das bricht für viele jetzt weg, die auf den April gesetzt haben. Das tut sehr weh. Zum Glück haben viele auch Verträge mit Vereinen oder Sponsoren, die langfristig laufen. Wenn es schlecht läuft, können viele nicht den Profi-Status erhalten und müssen arbeiten gehen oder die Karriere beenden. Ein weiteres Problem ist, dass man nun keine Kadernorm mehr laufen kann und den Kader-Status nicht mehr erreichen kann.

Können Sie ungefähr sagen, wie hoch die ausgefallenen Summen sind?

Über meine Verträge darf ich nicht reden. Aber für die meisten, die den Frühjahresmarathon laufen wollten, geht es in den fünfstelligen Bereich rein. Das geht knallhart in die Knochen, weil das Geld meistens schnell wieder reinvestiert wird in den Sport, zum Beispiel für Trainingslager. Immer mehr stehen nun vor einem Scherbenhaufen.

In Deutschland kommt das öffentliche Leben gerade weitgehend zum Stillstand. Viele gehen jetzt vielleicht regelmäßiger Laufen, damit ihnen die Decke nicht auf den Kopf fällt. Haben Sie Tipps für alle angehenden Läufer?

Solange es keine Ausgangssperre gibt, würde ich jedem empfehlen, mit Bedacht rauszugehen und zu laufen. Gerade, weil das Sporttreiben gesund hält. Wenn man nur in der Bude auf der Couch sitzt, wird man wahrscheinlich eher anfällig, als wenn man draußen regelmäßig seine Runden dreht. Die Läufer sollten natürlich im Sinne der Allgemeinheit so vernünftig sein und keine Gruppen bilden. Jeder sollte jetzt sein eigenes Ding machen. Auch wenn einem ein Läufer entgegenkommt, sollte man Abstand halten, den gesunden Menschenverstand einschalten und Kontakt meiden.

Mit Hendrik Pfeiffer sprach Emmanuel Schneider

Quelle: ntv.de