Jan Boklöv feiert 60. GeburtstagDer V-Mann, der das bornierte Skispringen erschütterte

Ende der Achtzigerjahre revolutioniert Jan Boklöv mit dem V-Stil das Skispringen. Obwohl er die Geschichte des Sports entscheidend verändert, spricht bald schon kaum einer mehr über ihn. Heute wird die schwedische Skisprung-Legende 60.
Jan Boklöv gehört zu der Art Menschen, die gerne ihre Ruhe haben. "Ich brauche es nicht, dass der Stil meinen Namen trägt. Die Menschen wissen auch so, wer ich bin. Wenn es der Boklöv-Stil wäre, hätte ich wohl weniger Ruhe, weil mich ständig Leute dazu fragen würden", sagte er vor zwei Jahren der "Welt" in einem Interview während der Vierschanzentournee. Dass er - anders als etwa Dick Fosbury im Hochsprung - in seinem Sport nicht qua Definition präsent ist, ist dem Schweden herzlich egal. "Ich muss nicht ständig meinen Namen hören."
Dabei ist Jan Boklöv eine Legende. Ein Revolutionär. Der Mann, der das moderne Skispringen entscheidend verändert hat. In den 1980er-Jahren "erfand" Boklöv den V-Stil. Durch Zufall. Beim Sommertraining auf einer Mattenschanze in Falun riss ihm 1985 eine Windböe die Skier auseinander. "Sonst landete ich immer bei 70 Metern, plötzlich wurden es 90 Meter. Danach machte ich nur das V", erzählte Boklöv von dem sportlichen Aha-Moment seines Lebens.
Norweger verachteten Boklövs V
Anfangs sprachen Kommentatoren - teils in verächtlichem Tonfall - von der "Boklöv-Schere". Doch schnell etablierte sich der Begriff V-Stil, den heute jedes Kind kennt, das sich für Skispringen interessiert. Ein Stilist im Sinne der Ästhetik war Boklöv nicht, eher ein "Zappelphilipp" der Lüfte. Das lag nicht daran, dass er Epileptiker ist. Der neue Stil erforderte Training. Es dauerte, bis Boklöv seine Technik systematisiert hatte. In der Saison 1988/89 sprang der Schwede der Konkurrenz inklusive der Branchengrößen Matti Nykänen und Jens Weißflog schließlich davon, gewann fünf Einzelwettbewerbe und den Gesamtweltcup. Aber abgesehen von den Fans, die mit offenen Mündern Boklövs waghalsig-weite Sprünge an den Schanzen der Welt bestaunten, war der Triumphator kein gefeierter Mann. Im Gegenteil. In Teilen der Skisprung-Welt, genauer gesagt auf Funktionärs-Ebene, eckte der V-Mann an. Der Parallel-Stil war hier das Maß der Dinge. Und Boklöv geächtet.
Torbjørn Yggeseth, der norwegische Präsident des Sprungkomitees des Weltverbandes Fis, sah die Ästhetik des Sports in Gefahr, wertete den V-Stil gar als "unmoralisch" ab. Rückblickend gesehen eine geradezu unerträgliche Borniertheit. Die Punktrichter straften Boklövs Weitenjagd mit satten Abzügen ab, er hätte sonst mehr als fünf Einzel-Weltcups gewonnen. "So sind die Norweger eben. Sie denken, dass sie alles perfekt können. Wenn da so ein schwedischer Junge kommt und mit etwas Neuem gewinnt, gefällt den Norwegern das natürlich nicht", erinnerte sich Boklöv. Die Juroren hätten sich oft bei ihm entschuldigt. "Wir können dir nicht mehr Punkte geben, weil unser Chef uns das untersagt. Häufig legten die Richter ihre Punkte für mich schon fest, bevor ich überhaupt gesprungen war. Sie durften mir ja ohnehin nicht mehr Punkte geben. So konnten sie im Wettkampf einen Jägermeister trinken, als ich sprang, weil sie ohnehin nur tatenlos zuschauten", blickte der 60-Jährige zurück.
Skisprung-Evolution raste an Boklöv vorbei
Die Evolution war nicht aufzuhalten. Boklövs Art des Fliegens ermöglichte nicht nur höhere Weiten. "Mein Stil ist sicherer, weil man stabiler als ein Flugzeug mit Tragflächen segelt. Beim Parallelstil bist du viel anfälliger, kommst schneller aus dem Gleichgewicht und kippst nach rechts oder links weg", erläuterte der Pionier. Es dauerte nicht lange, ehe Nachahmer auf den Plan traten. DDR-Trainer Reinhard Heß erteilte seinen Athleten den Auftrag, das V zu erlernen. André Kiesewetter gewann 1990 als zweiter Skispringer mit gespreizten Latten.
Spätestens bei den Olympischen Spielen 1992 in Albertville wurde klar, dass die Ära des Parallelstils vorbei war. Die deutschen Vorzeige-Athleten Weißflog und Dieter Thoma hopsten in Frankreich auf klassische Art chancenlos hinterher. Arrivierte Springer wie Ernst Vettori, die sich umgestellt hatten, gewannen Medaillen, der 16-jährige finnische Milchbubi Toni Nieminen flog im V mit weiter Vorlage allen davon. Boklöv war nur noch ein chancenloser Mitbewerber. Die Entwicklung des von ihm eingeführten Stils hatte ihn rasend schnell überholt. Zwei Jahre später in Lillehammer sprang niemand mehr parallel. Weißflog avancierte zum ersten Skispringer der Geschichte, der mit beiden Stilen Olympiagold ersprang.
Boklöv hatte seine Karriere da bereits beendet. Im Januar 1993 bestritt er beim Skifliegen am Kulm seinen letzten Weltcup. Während seine Nachfolger weiter und weiter sprangen und den Weltrekord in immer schwindelerregendere Höhen trieben, geriet der "Vorspringer" in Vergessenheit. Dabei hat Boklöv den Lauf der Skisprung-Geschichte entscheidend verändert. Während man in der Fosbury-Ära im Hochsprung nur die Latte höher zu legen brauchte, erforderte der V-Stil eine infrastrukturelle Revolution. "Ich bin wohl der teuerste Athlet aller Zeiten. Denn durch meinen Stil musste jede Schanze im Auslauf umgebaut werden, weil alle auf einmal weiter flogen. Ich war also sehr teuer!", beschrieb Boklöv seinen Einfluss.
Früherer DSV-Adler fordert Würdigung
"Es gibt nur wenige Athleten, die ihren Sport im Alleingang derart verändert haben. Der V-Stil sollte Boklöv-Stil heißen", forderte der frühere DSV-Adler Kiesewetter im Interview mit dem Sport-Informationsdienst (sid) anlässlich Boklövs 60. Geburtstag. Er wünscht sich, dass sein früherer Kollege in Falun, wo 2027 die Weltmeisterschaft stattfindet, endlich eine würdige Ehrung erfährt. "Ich habe gehört, dass man ihn da an die Schanze locken will. Ich hoffe, dass er dort geehrt wird. Ich werde darüber mal mit FIS-Renndirektor Sandro Pertile reden", sagte Kiesewetter, der als Physiotherapeut der Schweizer nach wie vor im Skisprung-Zirkus tätig ist.
Ob Boklöv wohl käme? "Ich sprang nicht so, um die Welt zu verändern, sondern einfach, um weiter fliegen zu können", sagte er vor zwei Jahren: "Ich habe nicht die Welt verändert, sondern die Welt änderte sich wegen meines Stils." Jan Boklöv ist bescheiden. Er hat gerne seine Ruhe. Alles Gute zum 60. Geburtstag!