Schon 2032 wieder großartig?Der erschütternde Absturz des deutschen Frauentennis

Das deutsche Frauentennis verabschiedet sich in die Drittklassigkeit. In den letzten zehn Jahren wurde die Entwicklung verschlafen, der Nachwuchs unzureichend auf die Profitour vorbereitet. Konzepte gibt es, aber der Weg zurück in die Weltspitze ist lang.
Das Profi-Tennisjahr ist in drei Farben eingeteilt. Blau für die Hartplätze von Spätsommer bis Ende März, grün für die Rasenplätze in den vier Wochen Mitte Juni bis Mitte Juli und rot für die europäischen Sandplätze im Frühjahr. Kontraste sind marginal. Blickte man aber am vergangenen Wochenende nach Monte Carlo beziehungsweise Oeiras am Rande Lissabons, hätten die Kontraste nicht größer sein können.
In Monte Carlo mühte sich Alexander Zverev im Halbfinale des Masters-Turniers wieder einmal vergeblich am Südtiroler Jannik Sinner ab. Knapp 2000 Kilometer weiter westlich kämpften Ella Seidel, Noma Noha Akugue und der Rest des deutschen Billie-Jean-King-Cup-Teams gegen den Absturz in die komplette Bedeutungslosigkeit dieses Mannschaftswettbewerbes. In Monte Carlo schauten 10.000 Zuschauerinnen und Zuschauer auf dem Platz und Millionen weitere über den Stream oder den Fernseher zu. Den YouTube-Stream des Deutschen Tennis-Bundes von der Begegnung gegen Litauen verfolgten in der Spitze 500 Menschen.
Routinierte Spielerinnen bleiben außen vor
Sportlich war die Woche in Oeiras ein Debakel. Auch trotz des Ausfalls von Spitzenspielerin Eva Lys und der absichtlichen Nichtberücksichtigung der routinierten Tatjana Maria und Laura Siegemund war dieses Team stark genug, mindestens die Klasse zu halten. Ella Seidel, die Nummer 1 des DTB-Teams, kassierte drei Niederlagen gegen Spielerinnen, die alle teils weit unter ihr in der Weltrangliste stehen. Ein eingespieltes Doppel oder wenigstens eine erfahrene Doppelspielerin hätte diesen größten anzunehmenden Mannschaftsunfall höchstwahrscheinlich verhindert, konnte doch kein einziges Doppel gewonnen werden. Doch Bundestrainer Torben Beltz merkte nach dem feststehenden Abstieg trotzig an: "Die, die hier waren, waren die Richtigen."
Beltz hatte ein sehr junges Team nominiert. Ein Zeichen für einen Neuanfang sollte dies sein, auch ein Vertrauensbeweis, dass es dem deutschen Tennis nicht an Nachwuchs mangelt. In der Woche machte sich jedoch Überforderung mit der Situation bemerkbar. Das Wasser, in das Noma Noha Akugue, Seidel, Tessa Brockmann, Nastasja Schunk und Eva Bennemann hineingeworfen wurden, erwies sich als zu kalt.
Es fehlt im deutschen Tennis am hier und jetzt
Dem deutschen Tennis mangelt es dieser Tage nicht an Talenten. 2025 gewann Niels McDonald den Junioren-Wettbewerb der French Open gegen Max Schönhaus. Justin Engel feierte schon Erfolge auf der ATP-Tour, etabliert sich momentan im Herrentennis. Bei den Juniorinnen sind Mariella Thamm und Ida Wobker zu nennen, die Hoffnung auf Erfolge im Erwachsenenbereich machen. Ella Seidel steht unter den Top 100. Die derzeitige deutsche Frontfrau Eva Lys ist mit 24 Jahren auch in einem Alter, in dem noch Sprünge nach oben möglich sind, Gesundheit vorausgesetzt. Es fehlt im deutschen Tennis am hier und jetzt.
Tatjana Maria und Laura Siegemund, momentan die in der Weltrangliste am höchsten platzierten deutschen Spielerinnen, sind 38 Jahre alt, Alexander Zverev und Daniel Altmaier sind bei den Herren die einzigen Spieler diesseits der 30 unter den Top 100. Fremd ist dem DTB das Thema nicht, verschlafen hat man diese Entwicklung in den letzten 15 Jahren aber offensichtlich schon.
Ein kommunikativer Anfang ist gemacht. Im Januar stellte der Deutsche Tennis-Bund auf 17 PowerPoint-Folien seine "Strategie 2032" vor. Neben den allgemeinen Zielen, dass in den nächsten sechs Jahren mehr Menschen an Tennis, Padel und Pickleball herangeführt werden sollen, versteckte sich auf einer Seite auch der Punkt "Sportlich erfolgreich sein". Dort heißt es: "Bis zum Jahr 2032 haben wir acht bis zehn Spielerinnen und Spieler in den Top 100 der WTA- und ATP-Rangliste" und weiter "In Brisbane bei den Olympischen Spielen 2032 werden wir zwei olympische Medaillen erzielen".
Boris Becker holt zur Abrechnung aus
Nun ist das geschriebene Wort geduldig und man möchte wohl nicht wissen, welche Datenmengen an nicht umgesetzten Konzepten im PowerPoint-Format aus den letzten 20 Jahren auf den Festplatten dieses Landes schlummern, allerdings herrscht im deutschen Tennis Dringlichkeit vor. Sponsoren möchten Erfolge sehen, das Innenministerium, das Tennis als olympische Sportart fördert, ebenso. Übertragende TV-Sender hierzulande benötigen heimische Helden. Alexander Zverev wird nicht ewig spielen, er hat in den letzten Jahren die Schlagzeilen beherrscht.
Meinungen, wie das deutsche Tennis auf breiter Basis wieder in die Weltspitze kommt, gibt es selbstredend genug. In ihrem gemeinsamen Podcast hatten Andrea Petkovic und Boris Becker vor wenigen Wochen die ehemalige Chef-Bundestrainerin Barbara Rittner zu Gast. Es sollte laut Sendungstitel um "Die Krise im deutschen Tennis" gehen. Leider gerieten die vierzig Minuten in großen Teilen nur zu einer Abrechnung mit der heutigen Spielergeneration und dem Deutschen Tennis-Bund. Becker beklagte, dass im DTB Veronika Rücker und Helmut Schmidbauer das Sagen für das Profitennis haben, obwohl sie keinen "Stallgeruch" haben, also frei übersetzt nie selbst international erfolgreich Tennis gespielt. Ob die, die für die Rahmenbedingungen verantwortlich sind, die Richtigen sind, scheint in dieser Situation, in der der DTB steckt, die falsche Diskussion zu sein.
Was Deutschland von Italien lernen kann
Italien, derzeit das Boomland des Tennis, hat in den letzten Jahren vorgemacht, was es braucht, um erfolgreich zu sein. Jede Woche gibt es dort Turniere unterhalb der beiden großen Profitouren, auf denen junge Spielerinnen und Spieler nicht nur Spielpraxis, sondern auch Weltranglistenpunkte sammeln können. Reisekosten sind übersichtlich, der Weg vielversprechender Talente geht zügig nach oben. Die jungen deutschen Spielerinnen profitieren in dieser Woche von Wild Cards beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart, aber Turniere auf der ITF-Tour oder kleinere WTA-Turniere gibt es hierzulande zu selten. Diese Turniere auszurichten ist mit erheblichen Kosten verbunden. Kosten, die sich Turnierveranstalter ob der schwierigen Sponsorensituation scheuen auszugeben. Kosten auch, die der eher klamme DTB nur zu einem Teil ausgleichen kann.
Es braucht weitere Maßnahmen, um deutsches Profitennis wieder nach vorne zu bekommen. Gute Trainingsmöglichkeiten sind mit den DTB-Stützpunkten vorhanden, an guten Coaches mangelt es in Deutschland auch nicht. Beim Übergang vom Junioren- ins Profitennis gibt es die größten Verluste. Andrea Petkovic hatte zwei Jahre den Job der Mentorin inne, der DTB hat Angelique Kerber jetzt für diese Aufgabe gewonnen. Wie viel Zeit die dreimalige Grand-Slam-Siegerin als zweifache Mutter dafür wird aufbringen können, wird jedoch abzuwarten sein.
Torben Beltz betonte nach dem feststehenden Abstieg in die Drittklassigkeit, dass man "das Ergebnis annehmen und aufarbeiten" wolle. Abseits bunter Präsentationen, wie man 2032 im Welttennis aufgestellt sein möchte, gibt es noch nicht viel. Im Optimalfall kann das deutsche Tennis im Billie-Jean-King-Cup 2029 wieder in der Weltgruppe mitspielen. Der Weg ist steinig, nur 16 Nationen mischen derzeit in der ersten Liga mit. Es braucht bessere Strukturen, eine breitere Unterstützung für die jungen Spielerinnen und gleichzeitig die Bereitschaft von Lys, Seidel & Co, auch in der dritten Liga des Billie-Jean-King-Cup zu spielen. Dann kann es in mittelfristiger Zukunft auch wieder Bilder mit vollen Tribünen bei Spielen der deutschen Frauen-Nationalmannschaft geben.