Sport

Trotz WM-Wut wegen Skandalchecks Die mächtige Auferstehung der deutschen Cracks

Gruppenzweiter und ein Punkterekord: Deutschlands Eishockey-Team hat zum Ende der WM-Vorrunde in Finnland gegen die Schweiz noch einmal ein Zeichen gesetzt. Die Rehabilitation für das olympische Debakel ist bereits gelungen, der Hunger des Teams aber nicht gestillt.

Die Schweiz spielt eine beeindruckende Vorrunde bei dieser Eishockey-WM. Wenn nun vor den Viertelfinals eine erste Bilanz gezogen wird, dann gehören die Eidgenossen zu den absoluten Topfavoriten auf den Titel. Das Spiel der mit etlichen NHL-Stars gespickten "Nati" aus dem Nachbarland ist hart, schnell, schnörkellos. Die deutsche Nationalmannschaft wurde an diesem Dienstag Zeuge davon. Schmerzhafter Zeuge. Denn gleich mehrere harte, bisweilen brutale Checks kassierte das Team von Bundestrainer Toni Söderholm, zweimal wurde die Grenze des Erlaubten deutlich überschritten - allerdings ohne Folgen. Strafen wurden nicht verhängt. Ein gewaltiges Ärgernis für Deutschland. Anders als die eigene Leistung bei der 3:4-Niederlage nach Penaltyschießen.

Wenn jetzt Bilanz gezogen wird und dieses Spiel mit einfließt, dann darf das DEB-Team für sich verbuchen, zurück im Kreis der besten Nationen der Welt zu sein. Vorerst im Zirkel der Top Acht. Aber womöglich geht da noch ein bisschen mehr, auch wenn im Viertelfinale mit Tschechien natürlich ein ganz starker Gegner wartet. Aber ganz starke Gegner, die scheinen Deutschland mehr zu liegen als Nationen, für die es nur darum geht, nicht aus der Elite des Welt-Eishockeys abzusteigen. Wie etwa Kasachstan (Abstieg verhindert) oder auch teilweise Italien. Das Spiel wurde zwar haushoch gewonnen (9:4), aber phasenweise äußerst fahrlässig bestritten.

Solche Momente gönnen sich die DEB-Cracks gegen die Top-Nationen nicht. Auch deswegen geht Deutschland als Gruppenzweiter in die Knockout-Runde, noch vor Kanada, gegen die es nur teilweise eine starke Leistung und die einzige Niederlage in der regulären Spielzeit gab. Der historische Erfolg - begünstigt auch durch den Bann der russischen Sbornaja in Folge von Putins Angriffskrieg - in der Vorrunde mit 16 Punkten nun ist eine mächtige Auferstehung und die perfekte Antwort auf das krachende Olympia-Debakel in Peking im Februar. Die viel zu forschen Gold-Ambitionen waren der Mannschaft von Kanada, von den USA und von der Slowakei gnadenlos um die Ohren gepfeffert worden war. Die Selbstüberzeugung lähmte das Spiel des Teams. Und so wurde und wird dieses WM-Turnier zum Lackmustest für den Zustand des deutschen Eishockeys.

Team erzählt beeindruckende Geschichte

Und egal, wie das Turnier nun weitergeht: Deutschland hat die Erfolgskufen wieder aufs Eis gestellt. Das Team hat nicht nur eine mitreißende Mentalität, sondern entwickelt auch reichlich Spielfreude. Beides mixt sich bislang sehr erfolgreich zusammen. Für einen magischen Moment sorgte Matthias Plachta gegen die Schweiz. Nach einem spektakulären Solo durch zwei Gegenspieler liegt der Stürmer bereits auf den Knien und hebt die Scheibe dann noch mit der Rückhand phänomenal zum zwischenzeitlichen 3:3 ins rechte Eck. Dieses Tor erzählt aber noch eine andere Geschichte. Es erzählt die Geschichte dieses Teams.

Zwei Minuten vor Plachtas Genialität fällt Leon Gawanke blutend aufs Eis. Der Youngster aus der AHL war in den Ellenbogen von Gegenspieler Denis Malgin gekracht. Eine Attacke, die eigentlich eine Matchstrafe hätte nach sich ziehen müssen. Doch die Referees ahndeten die Aktion nicht. Nach dem bitteren WM-Knockout für Tim Stützle, dem überragenden Sturmtalent, drohte Deutschland die nächste Hiobsbotschaft. Doch Gawanke rappelte sich auf - ebenso wie die Mannschaft, die nicht haderte, sich nicht in sinnlose Debatten verwickeln ließ. Mit positiven Emotionen hielt das Team dagegen - und belohnte sich mit dem 3:3, dem Punkt, der Platz zwei manifestierte. Und ein weiteres Indiz für die bemerkenswerte Ruhe und Beharrlichkeit lieferte, mit der die deutschen Cracks auf Rückschläge und Rückstände in diesem Turnier reagieren.

Der Bundestrainer war angesichts der überharten Gangart der Eidgenossen indes arg erbost. "Für mich komplett unverständlich. Das gehört nicht zum Sport. Wir reden hier über Checks, die nichts mit Respekt zu tun haben." Der Finne schimpfte auch über die Schiedsrichter: "Katastrophale Entscheidungen. Da muss man nicht drüber diskutieren." Dabei ging es nicht nur um die Aktion gegen Gawanke. Im Mittelabschnitt hatte Fabrice Herzog Kai Wissmann gegen den Kopf in die Bande gecheckt, dafür aber nur eine Zwei-Minuten-Strafe erhalten. "Es wird immer gesagt: Wir müssen die Spieler schützen. Aber wir tun es dann nicht. Es ist zu gefährlich, was passiert."

Youngster mit viel Spielwitz

Die Söderholm-Truppe erweist sich in diesem Turnier bislang als sehr robust. Körperliche Härte wird mit gleicher Münze zurückgezahlt. Aber fair. Deutschland nimmt in den wichtigen Duellen nur wenige Zeitstrafen - ein Schlüssel für den erreichten Erfolg. Denn sowohl Kanada als auch die Schweiz bestraften die Unterzahl hart. Der Kampf und die Leidenschaft sind das Fundament, garniert werden die Leistungen mit Spielfreude - die dem Team auch die Attraktion Stützle nicht abhandengekommen ist. NHL-Verteidiger Moritz Seider, Gawanke und Lukas Reichel, ebenfalls aus der zweitklassigen AHL, geben dem DEB-Team nicht nur Tempo, sondern auch Kreativität. Das Passspiel ist oft auf höchstem internationalen Niveau. Ein riesiger Unterschied zum Peking-Turnier: Deutschland ist jünger, dynamischer, gieriger, gibt auch nach klaren Rückständen (wie gegen Kanada) nicht auf. Und ist kritischer mit sich selbst. Schlechte Leistungen wie gegen Kasachstan werden angesprochen und nicht mehr schöngeredet.

Hinzu kommen die Torhüter. Auf die konnte sich Deutschland in den vergangenen Jahren stets verlassen. Wuchs Mathias Niederberger von Meister Eisbären Berlin im vergangenen Jahr bei der WM zur "Krake von Riga" heran, so zaubert sich nun NHL-Goalie Philipp Grubauer zum "großen Grubini" (von Experten ernannt). Die Saves sind beeindruckend und retten das Team auch mal durch kritische Phasen auf dem Eis. Die Begeisterung über das Erreichte ist groß, bleibt aber nah an der Realität. "Als Zweiter die Gruppe zu beenden, ist definitiv eine gute Ausgangslage und positiv für übermorgen", sagte Stürmer Marcel Noebels. Das bisherige Auftreten des Teams sei "super, aber das müssen wir aber trotzdem hinter uns lassen. Am Donnerstag fragt keiner mehr, wie wir in der Vorrunde gespielt haben. Da zählt nur siegen oder verlieren."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen