"Lebender Sandsack" wurde LegendeHomer Simpson in echt: Die irre Geschichte des Joe Grim

Am 16. März 1881 kam in Kampanien, unweit des Vesuvs, ein Junge mit einem unterentwickelten Gehirn zur Welt, der als größter Prügelknabe der Box-Historie zur Legende wurde. Dies ist die Geschichte des "lebenden Sandsacks" Joe Grim.
In einer Folge der Zeichentrickserie "The Simpsons" versucht sich Homer Jay Simpson als Preisboxer. Dank des von Dr. Julius Hibbert diagnostizierten "Homer-Simpson-Syndroms" ist er für den Faustkampf prädestiniert. Sein Gehirn schwimmt in einer Flüssigkeitsschicht, die ein Achtel Zoll dicker ist als normal, Homer kann deswegen Unmengen an Schlägen ohne größere Reaktionen absorbieren.
Der gerissene Kneipier Moe Szyslak wittert ein Geschäft. Sein Kumpel (und zweitbester Kunde hinter Barney Gumble) soll im Ring einfach so lange die Rübe hinhalten, bis die Gegner vollends erschöpft und reif für den entscheidenden Gegenschlag sind. Als großzügiger Manager ist Moe sogar bereit, Homer mit 60 Prozent (!) am Gewinn zu beteiligen, was dieser mit einem begeisterten "Juhuu" quittiert.
"Hätte normalen Menschen umgebracht"
Tatsächlich klopft die Springfielder Boxprominenz dem Sicherheitsinspektor aus Sektor 7G im Atomkraftwerk des mächtigen Mr. Burns alsbald ordentlich die Murmel weich. Homer aber steckt alles weg, ohne zu zucken. Für den K.o. braucht er seine völlig ausgepumpten Kontrahenten nur noch anzustupsen, schon fallen sie. "The Homer they fall", heißt die Episode, womöglich eine Anspielung auf ein Zitat des legendären Schwergewichts-Weltmeisters Bob Fitzsimmons, der über großgewachsene Gegner einmal sagte: "The bigger they are, the harder they fall." (Je größer sie sind, desto härter fallen sie.)
Joe Grim, 1,70 Meter, war einer der kleineren Gegner, die Fitzsimmons, 1,82 Meter, in seinem Boxerleben vor die Fäuste bekam. Der Hufschmied aus England kämpfte im Jahr 1903 in Philadelphia gegen Grim. Nach sechs Runden telegraphierten die Reporter des "Philadelphia Inquirer" und des "Philadelphia Record" eilig ihr Verdikt an die Redaktionen. Die damals übliche "Newspaper Decision" lautete zugunsten Fitzsimmons'.
Keine Überraschung: "Fitz" - in seiner Karriere Weltmeister im Mittel-, Halbschwer- und Schwergewicht - hatte dem hoffnungslos unterlegenen Grim eine Tracht Prügel verabreicht, "die einen normalen Menschen umgebracht hätte", wie die "St. John Daily Sun" konstatierte.
Laut "Philadelphia Record" ging Grim in den sechs Runden 20 Mal auf die Bretter - aber eben nicht k.o. Denn Joe Grim ging nie k.o. Er verlor fast immer, das ja, er wurde meist fürchterlich verhauen, das auch. Aber jedes Mal stand er wieder auf, um sich noch mehr Dresche abzuholen. Bis zum Schlussgong. Dann pflegte Grim an den Ringseilen zu posieren, von wo er der johlenden Meute zurief: "Ich bin Iron Man Joe Grim! Kein Mann kann mich k.o. schlagen!"
"Größter physischer Freak"
Fitzsimmons hielt den selbsternannten Eisenmann für "unempfindlich gegenüber körperlichem Schmerz" und adelte den Prügelknaben als "härtesten Gegner, den ich je k.o. schlagen sollte". Die Box-Bibel "The Ring" bezeichnete Grim 1930 retrospektiv als "größten physischen Freak, den der Boxring je gesehen hat. (…) Er hat seinen Körper Gegnern angeboten, die viele Pfunde schwerer waren als er. Er hegt den seltsamsten Anspruch auf Ruhm, den je ein Sportler erhoben hat."
Joe Grim boxte von 1899 bis 1913 und war in Amerika eine Attraktion. Wie viele Kämpfe er bestritt, ist nicht belegt. Die Boxdatenbank "Boxrec.com" listet 181 Duelle auf, die Dunkelziffer jener Zeit ist allerdings hoch. Wahrscheinlich stand Grim an die 300-mal im Ring.
Klar ist: Er gewann nur einen Bruchteil seiner Kämpfe (24 laut "offizieller" Statistik). Joe Grim war ein Verlierer, in dieser Rolle jedoch ein Zugpferd für jeden Veranstalter. Die Presse taufte ihn - fast schon ehrfürchtig - "Human Punching Bag", also lebender Sandsack. Wer schafft es, den unausknockbaren Joe Grim k.o. zu schlagen? Das ließ sich verkaufen.
Rammstöße gegen die Kirchentür
Grim kam am 16. März 1881 unter dem Namen Saverio Giannone in Avellino/Italien zur Welt und war schon als kleiner Bub eine Attraktion. In seinem Dorf soll der Knirps Touristen unterhalten haben, indem er seinen Kopf gegen die Tür der örtlichen Kirche rammte, aufstand, und das Schauspiel wiederholte. Als der kleine Saverio zehn Jahre alt war, wanderte er mit seiner Familie nach Philadelphia aus und bekam den Namen Joe Grim verliehen. Mit 18 Jahren bestritt er seinen ersten Preiskampf, wegen seiner übernatürlichen Nehmerfähigkeiten wurde er bald eine echte Nummer im Geschäft.
Grim, der meist zwischen Welter- und Mittelgewicht (also zwischen 147 und 160 Pfund) pendelte, stand einigen der großartigsten Boxer seiner Zeit gegenüber - egal wie groß oder klein, wie gefährlich oder technisch beschlagen sie auch waren. Die Hall-of-Famer Joe Gans, Joe Walcott, Philadelphia Jack O'Brien, Fitzsimmons und Jack Johnson, der erste schwarze Schwergewichts-Weltmeister der Geschichte: Alle wollten und sollten sie Grim k.o. schlagen - alle scheiterten sie.
"Ich glaube nicht, dass dieser Mann aus Fleisch und Blut ist", sagte Johnson, nachdem er Grim 1905 über sechs Runden 17 Mal zu Boden gestreckt hatte. Der "Galveston Giant" überragte den lebenden Sandsack um fast einen Kopf und war rund 40 Pfund schwerer. Doch auch Johnson schaffte nur, was alle Grim-Gegner schafften: Sie schickten den Italiener zwar zu Boden, aber nie ins Nirvana der Bewusstlosigkeit.
"Muss beinahe getötet werden"
Das "Homer-Simpson-Syndrom" des Saverio Giannone beschrieb der bekannte Psychiater und Kriminologe Dr. Carleton Simon 1903 wie folgt: "Joe Grim, der italienische Faustkämpfer, kann die schrecklichen Prügel, denen er in letzter Zeit ausgesetzt war, nur deshalb aushalten, weil er ein sehr kleines Gehirn besitzt."
Simon, der auch der Psyche eines gewissen Leon Czolgosz, einem Attentäter von US-Präsident William McKinley, auf den Grund ging, hielt über Grim fest: "Seine Intelligenz ist auf so niedrigem Niveau, dass seine Nerven, die seinem Gehirn melden, wenn er verletzt wird, dort auf einen sehr kühlen Empfang stoßen. Um überhaupt zu begreifen, dass er verletzt wurde, und da er dieses Gefühl nicht einmal mit der Hälfte des Schmerzempfindens eines Menschen von gewöhnlicher Intelligenz erfassen kann, muss Grim beinahe getötet werden, bevor er bewusstlos geschlagen werden kann."
Einfach ausgedrückt: Joe Grim merkte gar nicht, wie schlimm ihn seine Gegner verprügelten - er konnte es gar nicht. Diese einzigartige genetische Voraussetzung machte ihn zum lebenden Sandsack, zum gefundenen Fressen zwielichtiger Promoter, die mit der Brutalität Geld scheffelten -, aber eben auch zur Box-Legende. "Grims Schwachstelle muss erst noch von jemandem gefunden werden", schrieb eine Zeitung nach einer der unzähligen Gesichtsmassagen des Joe Grim: "Aber es wird wohl ein Mann mit einer Axt sein."
"... da hat jemand das Licht ausgemacht"
Ging Grim nie k.o.? Schaffte er es wirklich immer auf die Beine, ehe der Ringrichter bis zehn zählte? In den Box-Büchern stehen mehrere vorzeitige Abbrüche, für das Jahr 1906 ist eine Knockout-Niederlage gegen einen gewissen Sailor Burke in Brooklyn vermerkt - die Grim zu Lebzeiten vehement bestritt.
"Als ich in der dritten Runde runterging, hat jemand das Licht in der Halle ausgemacht", behauptete er 1936 im Gespräch mit der "United Press": "Ich war bei drei wieder auf den Beinen und hab' im Dunklen nach Burke Ausschau gehalten. Als die Lichter wieder angingen, hatte mich der Ringrichter ausgezählt. Das ganze Ding war von Zockern arrangiert, aber ich wurde nicht ausgeknockt."
Grims Lebenslichter gingen nach Ende seiner Boxkarriere peu à peu aus: Im Jahr 1913 kam er wegen psychischer Probleme in eine Klinik. Das unbewusst schmerzhafte Leben forderte Tribut, der Sand des menschlichen Boxsacks begann zu rieseln. Eine Weile versuchte sich Grim in seiner Heimat Philadelphia als Promoter, außerdem arbeitete er in New York in einer Werft.
Seine letzten Tage verbrachte der "Iron Man" in einer psychiatrischen Anstalt in Philadelphia. Sein Gehirn bescherte ihm ein Leben, von dem er nie wissen konnte, ob er es so gewollt hatte. Joe Grim starb am 18. August 1939 im Alter von 58 Jahren.