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Deutschland Mission Wiederaufbau

Selten zuvor waren die Erwartungen an ein deutsches Team vor einem WM-Endrundenturnier so gedämpft wie vor der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea. Zu sehr haben die Ära Vogts und der damit verbundene Niedergang des DFB-Teams sowie die bloße Konkursverwaltung durch Erich Ribbeck ihre Spuren hinterlassen, als dass die Fußball-Experten dieses Mal ernsthaft auf Deutschland setzen würden.

Auch die Qualifikation zur WM-Teilnahme bereitete Deutschland mehr Mühen als je zuvor. Erst beim 4:1-Sieg im Relegationsspiel gegen die Ukraine wusste die Mannschaft von Teamchef Rudi Völler wieder restlos zu überzeugen. Als Erfolg wäre es deshalb durchaus zu werten, wenn es dem deutschen Team bei der WM 2002 gelänge, die Platzierung von 1998 zu übertreffen. Seinerzeit schied Deutschland im Viertelfinale gegen Kroatien mit 0:3 aus dem Turnier aus.

Aufbau einer jungen Mannschaft

Doch sicher wird man bei dieser WM mit dem DFB-Team Geduld haben müssen. Rudi Völler hat den längst überfälligen personellen Umbruch herbeigeführt. Die alten Haudegen von 1990 sind – sofern sie noch aktiv waren – nun endgültig abgetreten. Asamoah, Frings, Kehl, Klose und Metzelder heißen die neuen, jungen Hoffnungsträger, die sich unter Völler einen Platz im DFB-Team erkämpft haben. Weitere junge Spieler wie Bierofka, Ernst, Freier, Schindzielorz und Rahn werden ihnen nach der WM folgen. Ihnen wird zugetraut, eines Tages die Weltmeister von 1990 zu beerben.

Viel wird davon abhängen, wie es den wenigen Leitfiguren im DFB-Team gelingt, das Spiel zu prägen. Nur zwei Spieler in Rudis Kader haben derzeit das Prädikat Weltklasse verdient. Torhüter Oliver Kahn gilt schon seit langem als bester Torwart der Welt, neu in diese Riege aufgestiegen ist in dieser Saison der Leverkusener Michael Ballack. Der Spieler der Saison 2001/2002 wird in letzter Zeit immer häufiger in einem Atemzug mit Superstars wie Zinedine Zidane und Luis Figo genannt. Wenn es ihm bei der WM gelingt, eine ähnliche Rolle wie im Verein zu spielen, könnte seine Leistung das gesamte Team beflügeln.

"Null-Tore-Mann" statt Torschützenkönig

Die strittigste Personalie im DFB-Team ist sicher die Nominierung von Carsten Jancker. Noch beim Testspiel gegen Kuwait skandierten die deutschen Fans einmütig: “Ohne Jancker fahr’n wir zur WM“ und forderten anstelle des Null-Tore-Stürmers die Aufstellung des derzeit erfolgreichsten deutschen Bundesliga-Torschützen Martin Max. Während sich der Wunschkandidat der Fans in den letzten drei Jahren gleich zweimal (2000 und 2002) die Torjägerkanone sichern konnte und in dieser Zeit 45 Bundesliga-Tore erzielte, verbuchte der Spieler von Bayern München im gleichen Zeitraum nicht mal die Hälfte an Liga-Toren und blieb in der letzten Spielzeit gänzlich ohne Torerfolg. Trotzdem ließ sich Völler auf das Wagnis eines wenig „potenten“ Sturms bei der WM ein, da für Jancker die größere internationale Erfahrung spricht.

Ein angeschlagener Kader

Fehlen wird neben Max bei der Weltmeisterschaft 2002 auch Jens Nowotny. Der Abwehrspieler von Bayer Leverkusen hatte sich im Champions-League-Spiel gegen Manchester United einen Kreuzbandriss zugezogen und fällt monatelang aus. Mehmet Scholl trat trotz bestechender Form aus der Nationalmannschaft zurück. Auch Hoffnungsträger Sebastian Deisler musste einen Tag vor der offiziellen Bekanntgabe des 23er-Kaders die WM-Teilnahme absagen. Im Testspiel gegen Österreich hatte er sich erneut am lädierten rechten Knie verletzt. Bis zuletzt hielt Rudi Völler an Christian Wörns fest. Doch auch der Verteidiger vom Deutschen Meister Borussia Dortmund wurde nicht mehr rechtzeitig fit. Für ihn rückt der Bremer Frank Baumann ins Aufgebot. Jörg Heinrich von Borussia Dortmund sagte in letzter Sekunde wegen Formschwäche ab.

Sicher wird Rudi Völler nicht den Fehler machen, einen der Gruppen-Gegner zu unterschätzen. Vor Irland dürfte man gewarnt sein, war es doch das Team von der grünen Insel, das Holland aus der Qualifikation warf.

Deutsch-Deutsches Duell gegen Kamerun

Für die Güte der Mannschaft aus Kamerun spricht schon allein der Name des Trainers. Kein geringerer als Winnie Schäfer betreut die Mannschaft des amtierenden Afrika-Cup-Gewinners. Der deutsche Coach verfügt über einen hervorragenden internationalen Ruf, seit er 1993 den Karlsruher SC ins Halbfinale des Uefa-Cups führte. Saudi-Arabien kann immerhin mit der Referenz aufwarten, Gewinner des Golf-Cups 2002 zu sein. In der Gruppe E ist Deutschland aber die einzige Mannschaft mit großer WM-Tradition und gilt schon von daher als Favorit.

Das deutsche Aufgebot für die Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea:

Tor: Hans Jörg Butt (Bayer 04 Leverkusen, 27 Jahre/2 Länderspiele), Oliver Kahn (FC Bayern München, 32/42), Jens Lehmann (Borussia Dortmund, 32/14).

Abwehr: Sebastian Kehl (Borussia Dortmund, 22/5), Thomas Linke (FC Bayern München, 32/31), Christoph Metzelder (Borussia Dortmund, 21/3), Marko Rehmer (Hertha BSC Berlin, 30/4), Frank Baumann (Werder Bremen, 26/11), Christian Ziege (Tottenham Hotspur, 30/9).

Mittelfeld: Jörg Böhme (Schalke 04, 28/6), Lars Ricken (Borussia Dortmund,25/16), Michael Ballack (Bayer 04 Leverkusen, 25/22), Torsten Frings (SV Werder Bremen, 25/5), Dietmar Hamann (FC Liverpool, 28/38), Jens Jeremies (FC Bayern München, 28/30), Carsten Ramelow (Bayer 04 Leverkusen, 28/25), Bernd Schneider (Bayer 04 Leverkusen, 28/9)

Angriff: Gerald Asamoah (FC Schalke 04, 23/9), Oliver Bierhoff (AS Monaco, 34/62), Marco Bode (SV Werder Bremen, 32/32), Carsten Jancker (FC Bayern München, 27/23), Miroslav Klose (1. FC Kaiserslautern, 23/9), Oliver Neuville (Bayer 04 Leverkusen, 29/30).

Quelle: ntv.de