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"Eddy Merckx des Ostens" Olaf Ludwig bereut nichts

Jahrzehntelang dreht Olaf Ludwig als Amateur, Profi und Funktionär am großen Rad. Doch nach der Dopingaffäre um Jan Ullrich 2006 kehrt der Olympiasieger und Friedensfahrtgewinner dem professionellen Radsport den Rücken. Für immer, wie er sagt. Ob freiwillig oder nicht – darüber schweigt er. Nun feiert der Thüringer seinen 50. Geburtstag.

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Größter Triumph als Amateur: Olympiasieg 1988.

(Foto: AP)

1972. Gera, Die damalige Bezirksstadt der DDR im heutigen Thüringen ist Etappenort der Friedensfahrt. Die Zielankunft der "Tour de France des Ostens" gewinnt Karl Heinz Oberfranz. Unter den Zuschauern am Straßenrand ist ein zwölf Jahre alter Junge. Sein Name: Olaf Ludwig. Damals weiß noch keiner, dass hier der Grundstein für eine einmalige Radsport-Karriere gelegt ist – gegen eine Laufbahn im Fußball oder der Leichtathletik.

Heute ist Olaf Ludwig 50 Jahre alt und verweist noch immer auf diese Etappenankunft und "das ganze Drumherum der großen Friedensfahrt" in seiner Geburtsstadt, wenn es um den Auslöser seiner sportlichen Karriere im Rennsattel geht. Seine Karriere ist einmalig. Von Höhen und Tiefen geprägt. Die Höhepunkte überwiegen aber. Auch wenn vielen Menschen ein Tiefpunkt aus der Zeit nach seiner aktiven Laufbahn in Erinnerung bleibt. Und Olaf Ludwig vor vier Jahren heimlich, still und leise von der Bildfläche verschwindet.

Die Dopingaffäre um Jan Ullrich

Zunächst, von 1997 bis 2002, ist er als Vizepräsident beim Bund Deutscher Radfahrer im Einsatz und versucht als Ehemaliger "Brücken zu schlagen" zwischen Sportlern und Funktionären. Im Jahr 2000 kommt er zurück zum Team Telekom, nachdem er zum Ende seine Karriere von 1993 bis 1997 für diesen Rennstall gefahren ist. Nun arbeitet er zunächst als Pressesprecher, ab 2005 wird er in die Teamleitung eingebunden. Ein Jahr später ist Ludwig Nachfolger von Walter Godefroot als Teamchef.

Und steht damit auch in alleiniger Verantwortung, als das ganze T-Mobile-Gebilde durch die Doping-Anschuldigungen gegen Jan Ullrich und die Doping-Geständnisse von Erik Zabel und Rolf Aldag nach und nach zusammenbricht. Olaf Ludwig geht, oder er muss gehen. Ein Kapitel über das er auch heute noch nicht spricht. Er sei "mit einem blauen Auge" davongekommen", ist alles, was er zu diesem Thema sagt. Dennoch bereue er nichts. "Ich muss mir selbst an die Nase fassen, dass ich zu naiv war."

"Mr. Friedensfahrt"

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Tour de France 1993: Olaf Ludwig als "Leader of the pack".

Davon kann 1972 nicht die Rede sein. Olaf Ludwig tritt, vom Radsportvirus infiziert, der SG Dynamo Gera bei. Bleibt auch in Gera, auf elterlichen Geheiß, als er nach Berlin auf die Sportschule soll. 1977 wird er erstmals in die Nationalmannschaft der DDR berufen. Bereits drei Jahre später dann der Lohn für seine Trainingsmühen: Teilnahme an der Internationalen Friedensfahrt, dem sportlich größten Ereignis in der DDR. Er gewinnt drei Etappen, wird Gesamtdritter. Als Lohn winken die Olympischen Spiele in Moskau. Im Mannschaftszeitfahren gewinnt er Silber. Noch einen drauf setzt er 1988. Bei den Olympischen Spielen in Seoul holt er die Goldmedaille im Einzelrennen. Sein "größter Sieg als Amateur", sagt Ludwig.

Die prestigeträchtige Friedensfahrt gewinnt er zum ersten Mal bereits 1982 und schwärmt von einer "Triumphfahrt im Fahnenmeer". 1986 wiederholt er den Gesamtsieg bei der "Tour de France des Ostens", wie die Friedensfahrt im Volksmund heißt. Ludwig wird zum "Sportler des Jahres" gewählt. Später erhält er noch den Vaterländischen Verdienstorden. 1989 nimmt er letztmals an der Friedensfahrt teil. Insgesamt erringt er 36 Etappensiege und 20 verschiedene Wertungstrikots.

Erfolgreich im Profi-Sattel

Mit 29 macht sich Ludwig, bereits mehrere Jahre verheiratet und Vater zweier Kinder, erstmals Gedanken über sein Karriereende. Als die politische Wende kommt, versucht er mit 29 Jahren aber als Profi sein Glück – zunächst für den Rennstall Panasonic. Die Erfolge lassen nicht lang auf sich warten. Im Februar 1990 gewinnt der begnadete Sprinter zwei Etappen bei der Ruta del Sol. Ein Start bei de Tour de France ist ihm damit gewiss. Ludwig belohnt das in ihn gesetzte Vertrauen mit einem Etappensieg bei der Frankreich-Rundfahrt und dem Gewinn des "Grünen Trikots" des Punktbesten – des besten Sprinters.

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Teamchef Olaf Ludwig mit BDR-Präsident Rudolf Scharping: Ludwig kennt auch die Funktionärsseite.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Sein Lieblingsrennen als Profi ist aber die "Königin der Klassiker", das Eintagesrennen Paris-Roubaix. 1992 wird er in der "Hölle des Nordens", wie die weit mehr als 200 Kilometer lange und mit diversen Kopfsteinpflaster-Passagen durchsetzte Strecke genannt wird, Zweiter. Ein Dritter, Vierter und Siebenter Platz folgen. Paris-Roubaix gewinnt Ludwig nie. "Aber am Ende ist das uninteressant. Paris-Roubaix ist ein Rennen gewesen, wo ich immer berechtigte Chancen gesehen habe, auch ganz vorne zu sein. Und natürlich gibt es rund um den Klassiker auch einen gewissen Mythos – der sich bis heute gehalten hat", schwärmt er.

Armstrong, Indurain, Ludwig

Der Sieger der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt (1996) und Gewinner von "Rund um den Henninger Turm" (1994) holt sich 1992 als bisher einziger deutscher Radsportler den Weltcup-Sieg. Einer der "schönsten Triumphe" seiner Profilaufbahn, wie er heute sagt. "Bei den Rennen, die am Zielstrich entschieden sind: Da ragt sicherlich das Amstel-Gold-Race heraus", betont Ludwig, das er ebenfalls 1992 für sich entscheiden kann. "Aber auch der dritte Platz bei der Weltmeisterschaft in Oslo 1993 ist für mich persönlich ein sehr, sehr wichtiger Erfolg gewesen." Kein Wunder, denn Ludwig muss sich nur den mehrfachen Tour-de-France-Siegern Lance Armstrong und Miguel Indurain geschlagen geben.

1993 wechselt Ludwig von Panasonic zum noch jungen deutschen Rad-Rennstall Team Telekom. Er sichert den Bonnern den ersten Tour de France-Etappensieg. In Paris kommt er aber nicht an. Ein Magendarm-Infekt verhindert das. Den prestigeträchtigen Sprint auf dem Champs-Élysées hatte er sich bereits 1992 gesichert. Bei den beiden Tour-Gesamtsiegen des Teams Telekom 1996 durch den Dänen Bjarne Riis und 1997 durch den Mecklenburger Jan Ullrich gehört Ludwig nicht mehr zum Aufgebot. Im Oktober 1997 bestreitet der Thüringer in seiner Geburtstadt Gera sein Abschiedsrennen – und gewinnt, zum 60. Mal in seiner Profilaufbahn und zum 318. Mal in seiner Radsport-Karriere.

Rückkehr ausgeschlossen

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Olaf Ludwig: Comeback ausgeschlossen.

(Foto: REUTERS)

Mittlerweile verdient der dreifache Vater Ludwig, der mit seiner Frau Heike in Stolberg bei Aachen lebt, mit Radtourismus-Fahrten sein Geld. Seine nächste Veranstaltung ist im Mai die Tour de Sandanski in Bulgarien mit Abstechern nach Griechenland und Mazedonien. "Die Tagestouren sind in zwei Leistungsgruppen von 80 und 40 Kilometern eingeteilt. So ist für jeden Hobby-Radler etwas dabei."

Er selbst steigt nur noch selten aufs Rad. "Wenn ich noch Rad fahre – zwischen 2000 und 4000 Kilometer im Jahr - dann privat. Just for fun, ohne den Leistungsgedanken. Wenn ich selber auf dem Rad sitze, dann will ich Spaß haben und nicht, schnell oder Erster an einem Berg sein oder einen Ortschild-Sprint gewinnen." Mit dem Profi-Geschäft hat er abgeschlossen. "Ich muss akzeptieren, dass 2006 Dinge passiert sind, die es mir vorerst nicht möglich machen, in den Radsport zurückzukehren."

Quelle: n-tv.de

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